Boethius passt hier nicht ins Weltbild

Glauben in der Spätantike: Das Christentum war nicht dafür verantwortlich, dass die antike Welt in Trümmern lag.

Antike Statuen
Die antiken Statuen von Karyatis im Erehtheio der Akropolis in Athen. Foto: Orestis_Panagiotou (epa ANA)

Haben die Christen die Antike zerstört? Mit ihrem Fanatismus die klassische Harmonie in Trümmer gelegt? Das behauptet jedenfalls die britische Althistorikerin und Times-Journalistin Catherine Nixey in ihrem Buch „Heiliger Zorn“.

Neu ist dieser Ansatz nicht. Schon Edward Gibbon hat im 18. Jahrhundert das Christentum als Hauptschuldigen für den Untergang des römischen Reiches ausgemacht. Gerade in England gibt es eine literarische Tradition, die entschieden prohellenisch und antichristlich ist (Shelley, Swinburne). In dieser Sicht ist Christentum Repression, das Heidentum war Freiheit. Bei Nixey ist diese Tendenz freilich abgeschwächt. Sie weiß zu gut, dass von einem modernen egalitär-emanzipatorischen Standpunkt aus auch die vorchristliche Gesellschaft kein überzeugendes Bild abgibt. Daraus resultiert an manchen Stellen eine gewisse Widersprüchlichkeit.

Altertumswissenschaft ist heute normalerweise eine emotionslose Angelegenheit. Doch aus diesem Buch spricht an vielen Stellen ein erstaunlicher Hass auf das Christentum, dessen Ursachen man gerne kennen würde. Nixey geht mit autobiographischen Informationen großzügig um: „In meiner Kindheit gab es jede Menge Gott, zumindest aber eine Menge Katholizismus.“ Als „Tochter einer ehemaligen Nonne und eines ehemaligen Mönches“ ging sie mit ihren Eltern „jeden Sonntag in die Kirche“ und spielte als Kind gerne „Erstkommunion und manchmal auch Abendmahl“, bis sie als Teenagerin zur Atheistin wurde.

In manchen Punkten hat Nixey unbestreitbar recht. Niemand wird die illiteraten Mönche, die sich in Ägypten oder Syrien über Tempel und Statuen hermachten und sie zerstörten oder schändeten, sympathisch finden – sie sind das genauso wenig wie die Kämpfer des IS, die in Palmyra teilweise über dieselben Objekte hergefallen sind. Ebenso wenig wird irgendjemand den Lynchmord an der alexandrinischen Philosophin Hypatia durch einen christlichen Mob im Jahr 415 gutheißen. Die Christianisierung nahm bei solchen Gelegenheiten die Züge einer Kulturrevolution an, und die Christen, die hier zugange waren, sind nicht weniger verabscheuungswürdig als Maos Rote Garden.

Und welcher Freund der klassischen Literatur hat sich nicht schon über die einseitigen Vorlieben monastischer Kopisten geärgert (trotz aller Dankbarkeit für ihre Gesamtleistung), die wichtige Texte nichtchristlicher Autoren gar nicht oder miserabel überliefert haben?

Doch eine Menge zerstörter Statuen und verlorener Handschriften ergeben noch keine „zerstörte Antike“, und insgesamt bleibt Nixeys Nachweis dafür, dass „die Christen“ die Antike zerstörten, dürftig. Am leichtesten widerlegen lässt sich ihr monokausaler Ansatz. Sie isoliert die spätantiken Christen und Heiden von ihrem historischen Kontext. Dass im betrachteten Zeitraum die Völkerwanderung stattfand, Germanen und Hunnen brandschatzend herumzogen und das weströmische Reich politisch kollabierte, kommt bei ihr höchstens am Rande vor – ganz zu schweigen von den zahlreichen Epidemien, innenpolitischen Intrigen oder Wirtschaftskrisen.

Es ist unredlich, wie Nixey es tut, das Gegenbild einer hellen heidnischen Welt an Autoren wie Ovid oder den pompejanischen Wandfresken festzumachen. Dieser Glanz war zur Zeit der „konstantinischen Wende“ schon Vergangenheit. Die „klassische Welt“ lag damals bereits in Trümmern, ohne dass das Christentum dafür verantwortlich gemacht werden könnte. Und gerade in einigen Punkten, die von heutiger Warte aus befremden, waren sich spätantike Christen und Heiden erstaunlich ähnlich. Die vorherrschende Philosophie war auch auf heidnischer Seite von Pessimismus und Weltverachtung geprägt. Und auch ein auffälliges Interesse für Dämonologie war beileibe keine christliche Spezialität, wie Nixey es suggeriert. Die von ihr so liebevoll geschilderten Neuplatoniker waren darin auch sehr gut.

Der englische Originaltitel „The Darkening Age“ macht deutlich, welchem Geschichtsbild Nixey verpflichtet ist: der Idee eines finsteren Mittelalters („tausend Jahre theokratischer Unterdrückung“), die in der Geschichtswissenschaft eigentlich aus der Mode gekommen ist.

Waren die Christen wirklich künstlerisch und intellektuell so völlig impotent wie Nixey sie darstellt? Diesen Gesamteindruck erzielt sie nur durch geschicktes Weglassen und Verschweigen. Viel Raum verwendet sie etwa zwar auf die von Justinian verfügte Schließung der Athener Akademie. Doch andererseits wurde unter demselben Kaiser in Konstantinopel das architektonische Wunder der Hagia Sophia mit ihren zugleich innovativen und traditionsverhafteten Bauformen errichtet. Ihre prächtigen Mosaike, die den Besucher bis heute in den Bann schlagen, beweisen ebenso wie die von San Vitale in Ravenna, dass eine hochwertige christliche Kunst existierte.

Zu den überraschenden Auslassungen in diesem Buch gehört Kaiser Julian Apostata, dessen Versuch, die Christianisierung doch noch zu stoppen, nur am Rande vorkommt. Vielleicht, weil seine intolerante und gewalttätige Politik gegen die Christen Nixeys Argumentationsstrategie stören würde? Oder weil sein gescheitertes Projekt einer „heidnischen Reichskirche“ dem Leser nahelegen könnte, dass das Heidentum geistig erschöpft war, wenn der Masterplan zu seiner Rettung in der Kopie christlicher Strukturen bestehen sollte?

Nixey spricht gerne von „den Christen“ und „der Kirche“, was im Kontext der Spätantike eine Einheitlichkeit und Eindeutigkeit suggeriert, die selbst heute nicht besteht. Nixeys typischer Heide ist ein unter den Unbilden seiner christlichen Gegenwart leidender edler Philosoph. Ihre typischen Christen sind dagegen meist entweder Mönche oder Mob oder intolerante Bischöfe. Doch auch der Philosoph Boethius war zum Beispiel ein Christ, freilich einer, der in Nixeys Darstellung nicht hineinpasst. Er fehlt bei ihr ebenso wie der ziemlich weltlich gesonnene Christ und Dichter Ausonius oder der Bischof Synesios, der sich an einer persönlichen Synthese aus Platonismus und Christentum versuchte.

„Heiliger Zorn“ versagt als Überblicksdarstellung über Heiden und Christen in der Spätantike. Statt eines farbigen und detaillierten Panoramabilds bietet das Buch einige (und manchmal zudem noch verzerrte) Momentaufnahmen. Insgesamt betrachtet ist dieser Titel so etwas wie der altertumswissenschaftliche Beitrag zum „Neuen Atheismus“ eines Richard Dawkins oder Christopher Hitchens. Als solcher hat das Buch in Britannien einige Preise erhalten und wird sicher auch im deutschsprachigen Raum die Interessen einer bestimmten Klientel befriedigen.

Catherine Nixey: Heiliger Zorn. Wie die frühen Christen die Antike zer-störten. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 2019, 400 Seiten, gebunden, ISBN 978-3-421-04775-5, EUR 25,–