Auf den Spuren von Bertolt Brecht

Zweifelhafter Selbstmord: Der zweite Kriminalroman von Ingo Langner führt diesmal durch Nordeuropa Von José García

Stockholm, Sweden
In Stockholm können alle Rätsel gelöst werden, so jedenfalls im Roman von Ingo Langner. Foto: Adobe Stock

Der Fall Pacelli“ (2018) hieß der erste Kriminalroman von Ingo Langner, als „Tagespost“-Autor den Lesern dieser Zeitung seit vielen Jahren bekannt. Darin sollte ein Drehbuchautor namens Adrian Friedhoven Rolf Hochhuths „Der Stellvertreter“ zu einem Kinodrehbuch verarbeiten. Friedhoven lässt sich aber vom großen Namen nicht blenden und recherchiert auf eigene Faust über die historischen Hintergründe – was ihn zu einem völlig gegensätzlichen Ergebnis kommen lässt als die im Theaterstück propagierte Botschaft. Dies alles bettete Dokumentarfilmemacher und Publizist Langner in eine Krimihandlung ein, in der es zu einem Tod unter merkwürdigen Umständen und zu weiteren „Unfällen“ kommt. Der Autor wählte die fiktionale Form eines Romans, weil an der „Stellvertreter“-Mauer jeder Versuch abprallt, einer solch schwarzen Legende mit wissenschaftlichen Nachweisen zu begegnen.

Nun hat offensichtlich Ingo Langner, auch Autor dieser Zeitung, Freude am Kriminalroman gefunden, und legt mit „Letze Ausfahrt Stockholm. Friedhovens zweiter Fall“ nach. In seinem zweiten Fall wird Adrian Friedhoven, der inzwischen mit Margarete Rabenschlag verheiratet ist, mit dem Tod seines Freundes, des freiberuflichen Journalisten Nico Goldberg, konfrontiert. Offizielle Erklärung seitens der Polizei: Selbstmord. Doch Friedhoven glaubt nicht im Entferntesten daran. Genauso abwegig scheint Friedhoven, dass Nico depressiv gewesen sein soll. Noch etwas macht den Drehbuchautor stutzig: Von der Polizei erfährt er, dass Nico eine Geliebte gehabt haben soll, von der er – sein bester Freund – noch nie gehört hatte. Nachdem er die junge Frau namens Tanja Weingarten kennengelernt hat, ist er erst recht davon überzeugt, dass die offizielle Version von Nicos Selbstmord nicht stimmt. Aber: Wer und warum hatte ein Interesse daran, den Journalisten aus dem Weg zu räumen? Eine erste Spur erhält Adrian Friedhoven, als ihn eine handgeschriebene Postkarte seines Freundes erreicht, auf der Nico einen „Literaturskandal“ erwähnt, dem er auf der Spur sei. Die Vorderseite der Postkarte zeigt die Goldmaske eines Dämons, die Friedhoven an das Gedicht „Maske des Bösen“ von Bertolt Brecht erinnert. Deshalb wird der Drehbuchautor „kreidebleich“, als er erfährt, dass gerade der Autor Bernhard Bunge den Literaturnobelpreis gewonnen habe. Auch wenn er bislang eher mittelmäßige Literatur produziert hatte, überzeugte das Nobelpreis-Komitee sein letzter Roman. Der Titel des Romans: „Maske des Bösen“.

Wie schon in seinem ersten Roman verknüpft Ingo Langner in „Letzte Ausfahrt Stockholm“ – der Titel ist eine Anspielung auf den Roman „Letzte Ausfahrt Brooklyn“ (1964) von Hubert Selby, der 1989 von Uli Edel (Regie) und Bernd Eichinger (Produktion) verfilmt wurde – eine Krimihandlung mit einem tiefergehenden Sujet. Handelte „Der Fall Pacelli“ eigentlich von Hochhuths Wahrheitsverdrehung, so geht es in seinem aktuellen Roman um Bertolt Brecht und um seine „Literatur-Werkstatt“. Und dies ist ebenfalls mit der Haupthandlung verbunden.

Eine Auflistung der handelnden Personen hilft dem Leser, den Überblick zu behalten. Besonders verwirrend: die zwei Zwillingspaare Friederike Bunge, geborene von Skeldehoff, und ihre Zwillingsschwester Frigga von Skeldehoff einerseits, sowie die jüngeren Tanja und Pia Weingarten andererseits. Interessant dabei ist es sicherlich herauszufinden, wer sich hinter einigen dieser Personen verbirgt, etwa hinter dem „Medienmensch, Talkshowmoderator“ Oliver Falckenstein.

Ingo Langner stellt seine sehr guten Ortskenntnisse unter Beweis, auch wenn die Schilderungen manchmal etwas zu weitschweifig geraten, und dadurch die Handlung etwas gehemmt wird. Insgesamt aber ist die Erzählung genretypisch flott. Dem Autor geht es indes nicht nur um die Lösung eines Kriminalfalls. In diesem Zusammenhang ist das Zitat von Ingeborg Bachmann bezeichnend, das er seinem Roman vorangestellt hat, und das im Laufe der Handlung ausführlicher wiedergegeben wird: „Die Wahrheit ist nämlich dem Menschen zumutbar.“

Ingo Langner: „Letzte Ausfahrt Stockholm. Friedhovens zweiter Fall“. Bernardus-Verlag 2019, 199 Seiten, ISBN-10: 3-8107-0303-6, EUR 14,80