Attentäter-Film zeigt man nicht!

Verbrecher-Video gezeigt: Der Presserat hat der Online-Ausgabe der BILD eine Rüge erteilt. Noch zahlreiche weitere Fehlleistungen der Medien wurden moniert Von Josef Bordat

Nach Terroranschlag in Neuseeland
Nachdem bild.de Sequenzen aus dem Christchurch-Video gezeigt hatte, kommt nun die Rüge vom Presserat. Im australischen Christchurch ist inzwischen wieder Ruhe eingekehrt. Ein bewaffneter Polizist patrouilliert auf dem Gelände der Al-Nur-Moschee, die nach dem Terroranschlag wieder... Foto: dpa

Bereits am 28. März war es Thema im „Dicken Hund“ („Kodex versus Klickzahl“), jetzt hat sich auch der Presserat mit der Angelegenheit befasst: mit dem sogenannten Christchurch-Video. Das vom Attentäter mit einer Helmkamera selbstgedrehte Video des terroristischen Anschlags auf zwei Moscheen in Christchurch, bei denen fünfzig Menschen ums Leben kamen, war in Auszügen auf BILD.de zu sehen. Unter anderem von dort wird es in den ersten Minuten nach Erscheinen in Netzwerken wie Facebook und Twitter tausendfach geteilt.

Dem Attentäter eine öffentliche Bühne geboten

Die Ausschüsse des Deutschen Presserats kommen im Ergebnis ihrer Sitzungen vom 4. bis 6. Juni zu einer Rüge für die Veröffentlichung dieser Video-Sequenzen durch BILD.de. Mit der Publikation habe die Redaktion dem Christchurch-Attentäter genau die öffentliche Bühne geboten, die er haben wollte, heißt es in der Pressemitteilung des Deutschen Presserats. Damit liegt ein Verstoß gegen Ziffer 11 des Pressekodex vor. Darin heißt es unter anderem: „Die Veröffentlichung so genannter Verbrecher-Memoiren verstößt gegen die Publizistischen Grundsätze, wenn Straftaten nachträglich gerechtfertigt oder relativiert werden, die Opfer unangemessen belastet und durch eine detaillierte Schilderung eines Verbrechens lediglich Sensationsbedürfnisse befriedigt werden.“ Das war jedoch bei weitem nicht alles, was der Presserat zu monieren hatte. Er sprach noch sieben weitere Rügen aus, ferner 25 Missbilligungen und 32 Hinweise. Der Presserat bewertete zudem 16 Beschwerden als begründet, ohne jedoch eine formale Maßnahme zu ergreifen. 47 Beschwerden wurden als unbegründet erachtet. Unter den Rügen befinden sich insbesondere Fälle, in denen die Persönlichkeitsrechte Betroffener nach Ziffer 8 des Pressekodex nicht beachtet wurden. Auch hier ist BILD.de im Fokus. Der Presserat sah es etwa als erwiesen an, dass das Onlineportal der größten deutschen Boulevardzeitung den Opferschutz bei der Berichterstattung über einen Verkehrsunfall missachtet hat. Bei diesem kam ein junges Paar ums Leben. Veröffentlicht wurden im Bericht Vorname, abgekürzter Nachname und Alter sowie ein Foto des männlichen Opfers. Ein öffentliches Interesse an dieser identifizierenden Darstellung bestand nicht, da es sich bei dem jungen Mann nicht um eine Person des öffentlichen Lebens handelte.

Oft ist Schleichwerbung Grund für eine Rüge

Ein weiterer Anlass für Beschwerden und Rügen: Schleichwerbung (untersagt nach Ziffer 7 des Pressekodex). Die Frauenzeitschrift „Brigitte“ wurde gerügt, weil sie in einem Interview mit einer bekannten Fernsehmoderatorin diese darauf ansprach, für ein – konkret benanntes – Schönheitspräparat eine so genannte Markenbotschafterin sei und fragte die Moderatorin, wie sie dazu gekommen sei. Die Moderatorin äußerte sich daraufhin sehr positiv über das Produkt, von dem auch ein Foto mit Preisangabe veröffentlicht wurde. Diese Form der Produktplatzierung in einer redaktionellen Veröffentlichung sei nicht hinnehmbar, so der Presserat. Ebenso wenig wie ein Beitrag in der Online-Ausgabe des „Merkur“, indem über eine Oster-Aktion einer bekannten Fast-Food-Kette. Der Artikel informierte ausführlich und positiv gefärbt über die Angebote im Rahmen der Aktion und ließ dabei journalistische Einordnung und Distanz weitgehend vermissen, monieren die Medien-Wächter. Ziffer 7 des Pressekodex fordert die klare Trennung von redaktionellen und werblichen Inhalten. Beiträge und Anzeigen, Programminhalte und Werbespots müssen grundsätzlich getrennt präsentiert werden, damit für den Rezipienten erkennbar wird, was journalistisches Angebot und was bezahlte Reklame ist. Vielen Medien fällt das offenbar sehr schwer. Zum Beispiel auch dem sich vor allem an Jugendliche richtenden Magazin „Bravo Sport“. In der Zeitschrift wurde über einen neuen Fußballschuh berichtet, der für „Zauberfüße“ gemacht sei. Der Bericht, so der Deutsche Presserat, enthalte zahlreiche „werbliche Formulierungen“: „Innovation pur“, „bestes Ballgefühl“, „geile Passform“, „perfekte Sohle“. Die Veröffentlichung erwecke den Eindruck, als handele es sich um einen PR-Beitrag des Sportartikelherstellers, so das Gremium. Und das ist Journalismus, der sich eine Rüge redlich verdient hat.