An der Kirche leiden?

Wo bleiben die guten Nachrichten aus der Catholica? Missbrauchsskandale in aller Welt. Und manche verunsichert der Papst in Rom. Warum daraus keine „sprungbereite Feindseligkeit“ werden darf. Von Guido Horst

Collage Mann und zerstörte Kirche Foto: Adobe Stock

Oh Wunder. Es gibt eine neue Gemeinsamkeit, die katholische Christen quer durch alle Parteiungen, Strömungen und Positionslinien zwischen ganz links und ganz rechts verbindet. Es ist das Leiden an der Kirche. Das Dauerleiden derer, die seit Vatikanum zwei und Würzburger Synode die von ihnen erhofften Reformen vermissen und nun schon seit Jahrzehnten Durch- und Aufbrüche bei Zölibat, Frauenweihe, Interkommunion und dem Aufbrechen der Klerikermacht erwarten, wird seit geraumer Zeit durch die massiven Bauchschmerzen von romtreuen Katholiken ergänzt, die sich zwar an Kirchenveränderern von links stets gerieben haben, insgesamt aber in dem beruhigenden Bewusstsein lebten, dass die Kirche bei den Päpsten in guten Händen liegt und diese von Kurienkardinälen und verlässlichen Ortsbischöfen ausreichend Unterstützung erhalten. Diese idyllischen Anmutungen erfahren seit den Familiensynoden 2014 und 2015 und „Amoris laetitia“ heftige Anfechtungen. Dunkle Wolken und trübes Wetter sind über dem Vatikan aufgezogen, der doch eigentlich in den vergangenen Jahrzehnten für eher konservative und dem Papst verbundene Kirchgänger ein verlässlicher Anker zu sein schien. Nicht mehr nur die, denen der römische Zentralismus stets ein Dorn im Auge war, sondern auch jene scheinen zu leiden, die gegen das „Roma locuta, causa finita“ nichts einzuwenden hatten und in Zeiten sich gesellschaftlich wie innerkirchlich auflösender Gewissheiten in der römischen Kirche den Felsen sahen, den die Pforten der Hölle nicht überwältigen können.

Verunsicherung macht sich breit. Und die Stichworte, die hier zu nennen wären, drehen sich – nicht nur, aber doch vor allem – um den amtierenden Papst. Erstes Naserümpfen gleich am Wahlabend, als sich Franziskus für einen soeben gewählten Nachfolger Petri auf der Loggia fast unbekleidet zeigte. Ohne Mozzetta präsentierte er sich der Menge als Bischof von Rom. Doch die Freude war groß, wieder einen handlungsfähigen Papst zu haben – dazu noch vom anderen Ende der Welt. Zwar verlöschte das abendliche Licht hoch oben in der Terza Loggia über dem Petersplatz, Franziskus zog es vor, im vatikanischen Gästehaus zu residieren, aber das waren Äußerlichkeiten, die man noch mit neugierigem Überraschen zur Kenntnis nehmen konnte. Ans Eingemachte ging es aber bald auch. Das „Wer bin ich...“ auf dem Rückflug von Rio de Janeiro schien die Versuche einzuleiten, auf der ersten Familiensynode eine Änderung der Haltung der Kirche zu den Homosexuellen auf die Agenda zu setzen, was afrikanische Kardinäle dann verhinderten, aber Franziskus zum Sympathieträger der Schwulenbewegung aufsteigen ließ.

Seither sind fünf Jahre vergangen und die Liste der Aufreger ist mittlerweile lang: Das Synodengeschehen bis zum Erscheinen von „Amoris laetitia“ sahen Bischöfe und Kardinäle als Versuch, die Unauflöslichkeit der kirchlich geschlossenen Ehe in Zweifel zu ziehen. Ein Scalfari erhielt mehrfach seine nicht protokollierten Papst-Interviews, aber die „Dubia“-Kardinäle wurden nicht zu Franziskus vorgelassen. Hatten die Familien-Synoden damit begonnen, laut Franziskus nur einen Debattenbeitrag im Sinne einer wirksameren Pastoral liefern zu wollen, so fand sich dann die Fußnoten-Lösung in „Amoris laetitia“ später in den lehramtlichen Verlautbarungen des Heiligen Stuhls wieder, denen der Gläubige religiösen Gehorsam schuldig ist. Ein gerade erst fünf Jahre amtierender Glaubenspräfekt musste gehen, drei seiner Mitarbeiter schickte man ohne Nennung von Gründen vom Hof. Allmählich machte sich der Eindruck breit, dass Franziskus doch recht autoritär regiert, obwohl er beständig Barmherzigkeit predigt. Und wie ein hartgesottener Peronist gab Franziskus im deutschen Kommunionstreit zunächst der Minderheit um Kardinal Rainer Maria Woelki recht, um dann gleich im Anschluss den Konferenzvorsitzenden Kardinal Reinhard Marx in die entgegengesetzte Richtung weitermarschieren zu lassen.

Auch manche der engen Berater und Vertrauten des Papstes kamen in die Kritik: der Honduraner Rodriguez Maradiaga, der Koordinator des K9-Rats, der inzwischen zum Erzbischof einer wichtigen argentinischen Diözese beförderte Fernandez, der als Ghostwriter von „Amoris laetitia“ gilt, der Franziskus-Versteher Spadaro von „Civilta Cattolica“, der Argentinier Sánchez Sorondo, der in seiner Päpstlichen Wissenschafts-Akademie tun und lassen kann was er will, die in Vertuschungen verstrickten chilenischen Kardinäle Ezzati und Errazuriz, letzterer ebenfalls Mitglied im K9-Rat, oder Erzbischof Paglia, der die Kehrtwende im Familien-Institut und in der Akademie für das Leben richten soll.

Die Missbrauchsskandale, die in diesem Jahr an das Licht gekommen sind, geben dem Leiden an der Kirche eine neue Dimension. Schon der Abschlussbericht der „Royal Commission“ in Australien hatte Ende vergangenen Jahres für Erschrecken gesorgt – nun kamen Chile, die Vereinigten Staaten, Irland und Deutschland hinzu. Hier geht es nicht mehr um Mögen oder Nicht-Mögen, hier geht es um Verbrechen, die Kindern und Jugendlichen zugefügt wurden. Die Kirche steht dann mit dem Rücken zur Wand: Was in ihren Reihen nie hätte geschehen dürfen, ist doch so gewesen. Wenn in Indien ein Bischof Nonnen vergewaltigt oder in Chile zahlreiche spätere Bischöfe durch die Hände eines seriellen Missbrauchstäters gegangen sind, dann ist das weit weg. Aber auch in Deutschland mag sich manche katholische Familie wünschen, dass das Gespräch mit den Kindern, die in der Kirche heimisch werden sollen, besser nicht auf die Nachrichten kommt, für die der Missbrauchsbericht der Bischöfe gesorgt hat. Da Papst Franziskus im Fall Chile wohl selber nicht genau hingeschaut hat, kam das Thema auch in den europäischen Medien auf den Tisch. Und mit den Vorwürfen des abgetauchten Ex-Nuntius Vigano ist das unrühmliche Kapitel „Ted“ McCarrick endgültig zu einem vatikanischen geworden.

Papst Franziskus lässt die Gläubigen im Oktober den Rosenkranz gegen die Anfechtungen des Teufels beten. Keine Frage: Das Schifflein Petri schlingert in bewegter See.

Aber wie ist das, wenn man sich nach wieder guten Nachrichten aus der Catholica sehnt, wenn man mit Stolz auf den Heiligen Vater blicken will, wenn man seinen Kindern (oder seinen Schülern) erzählen will, was an Gutem und Richtigem in der Kirche geschieht? Ist das dann das Leiden an der Kirche?

Zunächst: Man kann nicht an der Kirche leiden, allenfalls nur in der Kirche. Man kann nicht daran leiden, dass der Herr Mensch geworden ist, dass er alle Sünden auf sich genommen und dem Tod seinen Stachel ausgerissen hat. Man kann nicht an den Heiligen leiden, den bekannten und den nicht bekannten, an den Erlösten im Himmel und an den unzählig vielen, die irgendwo als gläubige Christen treu ihren Dienst verrichten. Man kann nicht an den Sakramenten leiden, durch die Jesus Christus in diesem schlingernden Schiffchen mit an Bord ist, oder am Evangelium, der Frohen Botschaft schlechthin.

Man kann Anstoß nehmen an den Taten oder Fehlern Einzelner, man kann strukturelle Schwächen feststellen, wie das jetzt beim Offenbarwerden gewisser Schweigekartelle und Vertuschungshaltungen im Umgang mit Missbrauchstätern der Fall ist. Sünder hat es in der Kirche viele gegeben und auch heute ist sie voll davon. Man kann mitleiden an den Nöten der Christen, die heute an den Rand gedrängt sind, zwischen die Fronten von Stellvertreterkriegen geraten, zur Flucht gedrängt oder schlicht und einfach wegen ihres Glaubens verfolgt und getötet werden. Aber an der Kirche leiden kann man nicht. Die Kirche ist etwas Heiliges, Übernatürliches, die das rein Menschliche völlig übersteigt. Als Gottes Volk auf Erden ist sie auch eine Gesellschaft von Menschen, aber als Leib Christi geht sie weit darüber hinaus.

An den Kampagnen, die in den sozialen Netzwerken, in den Blogs und Onlinediensten für oder gegen gewisse Strömungen in der Kirche, gegen einzelne theologische „Schulen“ oder eben gegen den Papst geführt werden, und deren Betreiber sich klar als katholische Stimmen bezeichnen, fällt auf, dass sie zu Katalysatoren eines Kirchenleidens werden, bei dem Betroffenheit zur Erregung, Information zur Anklage und Widerlegung des Falschen zum Ärger und schlimmstenfalls Hass wird. Wie ist es in einer Familie, wenn ein Kind feststellen muss, dass der Vater ein Alkoholiker ist, oder wenn eine Mutter erfährt, dass der Sohn den Drogen verfallen ist? Dann wird man das auch nicht herausschreien und den Betreffenden öffentlich anklagen oder in den sozialen Netzwerken vor sich hertreiben. Die Kirche ist auch eine Familie, aber nicht nur: Als Gesellschaft hier auf Erden ist sie an menschliche Regeln gebunden und kann Missbrauchsvergehen nicht vertuschen oder die Veruntreuung von Geldern unter den Teppich kehren. Aber der Ton ist ein anderer, wenn man die Kirche als eine von Gott gestiftete Familie sieht. Dann wird aus Betroffenheit eben nicht Erregung, und Information wird nicht zur Anklage oder Widerlegung des Falschen zu Ärger und Hass. Die „sprungbereite Feindseligkeit“, von der Benedikt XVI. 2009 nach dem Fall Williamson sprach, mag in kirchenfeindlichen Kreisen zum gewohnten Ton gehören, aber in der Kirche selbst hat sie keinen Platz. Sonst verliert man die Fähigkeit, still zu trauern und Enttäuschung im Herzen zu tragen, ohne das daraus Verbitterung wird – und man verlernt, für den, der da Anstoß erregt, aufrichtig zu beten. Zeiten, in denen die Wahrnehmung von Kirche eher von Krisen, Skandalen und Fehlentwicklungen geprägt ist, sollten eben nicht dazu führen, „an der Kirche zu leiden“, sondern dazu, sich ihrer Instrumente zu bedienen, um die Missstände zu überwinden.