Alkohol schon in der Schule?

Eine fragwürdige Kampagne soll in Brandenburg der Prävention dienen. Von Katrin Krips-Schmidt

Brandenburger Schüler gewinnt  "bunt statt blau" 2015
Alkohol-Teufel gefangen: Brandenburger Schüler gewinnt DAK-Kampagne „bunt statt blau“ 2015 gegen Komasaufen. Foto: dpa

Was in der fiktiven „Feuerzangenbowle“ mit Heinz Rühmann noch für Erheiterung sorgte („nur ein wenziges Schlöckchen“), soll im uckermärkischen Templin an einer Oberschule Realität werden. Bei den Eltern der als Versuchskaninchen ausersehenen Neuntklässler macht sich indes kein Frohsinn breit – im Gegenteil, manche sind empört über die Experimente, die an ihren Sprösslingen durchgeführt werden. Gemeint ist eine Versuchsanordnung zum „betreuten Trinken“, was sich freilich als angeblich wissenschaftlich fundierte „Präventionskampagne“ ausgibt. Die Brandenburger Ministerin für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Frauen und Familie Susann Karawanskij („Die Linke“) startete ihren Feldzug gegen das „Komasaufen“ von Jugendlichen in ihrem Bundesland unter dem griffigen Motto „Lieber schlau als blau“. Karawanskij war im September 2018 Nachfolgerin der im Lunapharm-Skandal um möglicherweise unwirksame Krebsmedikamente glücklos agierenden und schließlich zurückgetretenen Diana Golze geworden. Anders als im Film aus den vierziger Jahren sieht das Konzept vor, keine „winzigen Schlückchen“ zu verabreichen, sondern Mengen, die selbst für Erwachsene nicht unbedingt ein harmloses Quantum darstellen: Bis zu vier „Trinkeinheiten“ können es da schon sein, was in der Versuchsanordnung mehr als einem Liter Bier oder vier Gläsern Wein oder vier doppelten Schnäpsen entspricht. Im Verlauf des Experiments sollen die vierzehn- bis sechzehnjährigen Schüler ihre Wahrnehmungen protokollieren, außerdem wird der Verlauf des Atemalkoholgehalts gemessen. Das Projekt wird bereits seit 2008 an Brandenburger Schulen durchgeführt.

Dass es erst jetzt in die Schlagzeilen geriet, ist der Mutter eines fünfzehnjährigen Schülers zu verdanken. Dieser brachte eine Einverständniserklärung mit nach Hause, die die Eltern unterschreiben sollten. Darin hätten sie auch angeben sollen, wie viele Trinkeinheiten ihr Sohn zu sich nehmen dürfe, unter anderem als Alkopops, Bier, Wein oder auch „harte“ Alkoholika. Der zuständige Leiter des Experiments verteidigt sein Programm.

Johannes Lindenmeyer ist Direktor der Salus-Suchtklinik in Lindow. Widerspruch hingegen kam nicht nur von Eltern, sondern auch von der CDU Brandenburg. Roswitha Schier, Sprecherin für Arbeitsmarkt und Soziales ihrer Landtagsfraktion, warnte: „Kinder aus alkoholfreien Haushalten werden durch den Gruppenzwang zum Trinken verführt. Man lädt ja auch nicht alle Schüler zum Rauchen ein, um vor den Gefahren des Tabaks zu warnen. Das ist ja krank!“ Auch die DAK lehnt das Trink-Programm ab. Stattdessen setzt die Krankenkasse auf ihre Kampagne „Bunt statt blau“. Unter anderem veranstaltet sie seit 2010 jährliche Malwettbewerbe, mit denen sie ein Bewusstsein für die Folgen des Alkoholkonsums schaffen will. „Lieber schlau als blau“ erinnert hingegen an die von Timothy Leary in den sechziger Jahren initiierten Experimente mit psychedelischen Drogen zur „Bewusstseinserweiterung“: Der Psychologe Leary, damals Dozent an der US-amerikanischen Harvard University, animierte seine Doktoranden auf wöchentlich stattfindenden Drogenpartys, sogenannten „Sessions“, dazu, „unter Aufsicht“ LSD, Mescalin oder Psilocybin zu konsumieren. Die Probanden sollten ihre Erfahrungen „protokollieren“.

Wie man weiß, ging das Drogenexperiment nicht gut aus. Ähnliches ließe sich für ein Experiment vorhersagen, bei dem 60 Jahre später Kindern Alkohol verabreicht wird, so dass einige von ihnen schon im jungen Alter „auf den Geschmack kommen“. In einem Land wie Brandenburg mit etwa 54 000 Alkoholabhängigen sowie weiteren 300 000 Personen mit einem „riskanten Alkoholkonsum“, in dem die Jugendlichen durchschnittlich mit 14 Jahren zum ersten Mal betrunken sind, ist die Gesundheitsministerin gut beraten, eine effektive Prävention zu entwickeln. Risikobehaftete Trinkversuche an Schulen gehören sicher nicht dazu und sind kontraproduktiv.