Trier

Erfahrungen fürs Leben

Wie Beziehungsmangel in der Kindheit zur Belastung fürs Zusammenleben in Partnerschaft und Ehe wird.

Albert Wunsch
Albert Wunsch ist Sozialpädagoge, Kunst- und Werklehrer, Psychologe und promovierter Erziehungswissenschaftler. Foto: privat

Wir sind Analphabeten im Bereich unseres Gefühlslebens“, lässt der Regisseur Ingmar Bergman den Protagonisten in dem Beziehungsfilm „Das Schweigen“ sagen. Und die Psychologin Jirina Prekop ruft dazu auf, die „Impotenz des Herzens“ zu überwinden. Aber wie können Paare „emotionale Kälte“ überwinden, wenn ihre eigenen Bedürfnisse unerfüllt blieben und/oder Beziehungs-Brüche im Erwachsenenleben einen tiefen Selbstwertverlust auslösen? Was muss geschehen, dass solche Erfahrungen sich nicht als Generationen-Muster „vererben“?

„Die Vorbereitung auf Partnerschaft, Ehe und Familie beginnt einen Tag nach der Geburt“, sagt man. „Nun“, meinte schmunzelnd der Referent eines Wochenend-Seminars für Paare, „24 Stunden sollten neue Erdenbürger schon die Chance haben, lernstressfrei das Umfeld zu erkunden“. Schnell wurde jedoch klar, dass es nicht ums Kind, sondern um die erzieherische Grundhaltung der Eltern geht. Erhält es von Mutter und Vater Nähe und Zuwendung, die es stabil macht, oder wird diese nur ansatzweise eingebracht? Wird das Kind herausgefordert oder verwöhnt? Führt die Erziehung in die Eigen-Verantwortung oder die Ent-Mutigung? Hat es die Chance, eine Identität als Junge oder Mädchen zu entwickeln, oder soll ein „politisch korrektes“ Gender-Neutrum heranwachsen? Wird ihm Erotik und Sexualität als bereichernd oder verklemmt vermittelt? Werden ihm altersgemäße Konfliktlösungen zugetraut oder per Harmonie-Sucht erstickt? Kann es genügend Abwehrkräfte gegenüber einem schillernden Lebensstil zwischen Genuss-Streben, sofortiger Wunscherfüllung und einer Sucht nach dem leichten Sein entwickeln?

Von den alltäglichen Lebenserfahrungen wird es abhängen, ob sich ein durch Selbstständigkeit und Eigenverantwortung geprägtes stabiles Selbst entwickelt. Denn nicht nur in Partnerschaft und Ehe, sondern auch in Beruf und Freizeit benötigen wir durch Empathie, Widerstands-Fähigkeit, Durchhalte-Kraft und Verantwortungs-Bewusstsein geprägte „ich-starke“ – kurz resiliente – Menschen.

Die Bindungsfähigkeit entwickelt sich in der Kindheit

Häufig wird ausgeklammert, dass die Intensität und Kontinuität beglückender Bindungserfahrungen in der Kindheit die Basis dafür ist, in welchem Umfang Erwachsene überhaupt bindungsfähig sind. Denn wer nicht ein durch Urvertrauen, Selbstwirksamkeit und ungeschuldete Liebe geprägtes „Kind-Selbst“ im kontinuierlich-behutsamen Kontakt mit fürsorglich-verlässlichen Bezugspersonen entwickeln konnte, wie soll dieser als Erwachsener die Voraussetzungen für ein liebevolles und tragfähiges „Erwachsenen-Selbst“ entwickeln? So werden durch grundlegende Mangel-Erfahrungen geprägte Kinder als Erwachsene schon auf kleine Unsicherheiten oder Defizite im Partnerschafts-Alltag überreagieren. So fragen sich mit einem großen Sicherheitspolster ins Leben gestartete Menschen, wenn der Partner oder die Partnerin später als erwartet nach Hause kommen, welche betrieblichen oder verkehrstechnischen Probleme wohl entstanden sein könnten, während bei unsicher Aufgewachsenen schnell düstere Untreue-Szenarien entstehen. Ich bin jedes Mal überrascht beziehungsweise erschüttert, wenn ich über meine Hochschultätigkeit solch negativen Mutmaßungen von Studierenden höre.

Glücksgeheimnis: Geben-Können statt Haben-Wollen

Jede aufs Geben und Empfangen gerichtete Beziehung gibt dem Leben Sinn und Kraft. Das Fehlen einer positiven Beziehung – auch zu sich selbst – ist meist viel schwerer zu ertragen als körperliche Beeinträchtigungen. Besonders unsichere Zukunftsbedingungen und ein harscher beruflicher Wettkampf stärken die Sehnsucht nach Ausgleichs- und Auftank-Orten. In diesen wird dann Nähe, Schutz, Beachtung, liebevolle Zuneigung und Verbundensein gesucht, um so den Hauch eines Lebens in Fülle zu spüren. Aber die allermeisten „Erwachsenen“ in zivilisierten Gesellschaften suchen noch so stark nach Anerkennung und Liebe, dass sie als Bedürftige beides kaum geben können und unfähig für eine nachhaltige und tragfähige Beziehung sind. Menschen, welche häufig zwischen einem „Rumpf-Selbst“ und einem „Herrschsüchtigen-Ego“ pendeln, prägt ein mangelhaftes gereiftes Selbst und damit ein Unvermögen zu einer „bedingungslosen Liebe“ als Basis eines beglückenden Zusammenlebens.

Besonders amerikanische Sozialforscher haben den Lebensalltag daraufhin untersucht, durch welche Faktoren die Selbst-Entwicklung begünstigt wird. So hatte die aktive Eingebundenheit in religiöse Gemeinschaften zum Beispiel nicht nur eine äußerst positive Auswirkung auf die Aufbauleistung in ärmlichen und sehr zerstörten Stadtteilen von New Orleans nach dem verheerenden „Hurrikan Katrina“, sondern dies zeigte sich auch beim Integrations-Erfolg von Immigranten unterschiedlichster Herkunft. Auch belegen etliche Untersuchungen, dass bei religiös geprägten Paaren, verstärkt wenn diese kirchliche Ehevorbereitungs-Seminare besuchten, die Scheidungsrate wesentlich geringer und die Zufriedenheit im Zusammenleben wesentlich ausgeprägter ist.

Beziehungen in Geborgenheit stiften Sinn und wirken wie ein Airbag, wenn zu viel auf Menschen einprasselt. Sie schützen uns vor Aufgeben und Rückzug und kräftigen ein „Selbstwert-Lebensmut-Polster“. Sind die Voraussetzungen für ein solches Miteinander zu mager, wachsen nicht Können und Vertrauen, sondern Unklares, Missliches und Störendes, bis das Fass überläuft. Aber so wie sich Enttäuschungen, Lieblosigkeiten oder Verletzungen ansammeln, so können auch positive Ereignisse, bereichernde Begegnungen, freudige Überraschungen, verlässliche Übereinkünfte und gezielte Hilfestellungen im Alltag abgespeichert werden. Auch wenn Glück meist limitiert ist und außerhalb unserer Verfügbarkeit liegt: Zufriedenheit ist ein Produkt unseres Wirkens. Sie aktiviert übrigens dieselben Hirnareale, wie dies beim Glücksgefühl der Fall ist. Das daraus resultierende Wohlbehagen schafft gleichzeitig den idealen Humus fürs Wachsen tragfähiger liebevoller Beziehungen in Partnerschaft, Ehe und Familie.

Von Albert Wunsch


Zum Autor

Albert Wunsch ist Sozialpädagoge, Kunst- und Werklehrer, Psychologe und promovierter Erziehungswissenschaftler. Er lehrt an verschiedenen Hochschulen und arbeitet in eigener Praxis als Paar-, Erziehungs- und Konfliktberater sowie als Supervisor und Coach (DGSv). Wunsch ist in verschiedenen Feldern der Jugendhilfe und Erwachsenenbildung sowie kirchlich-sozialen Initiativen ehrenamtlich engagiert. 2013 wurde ihm dafür das Bundesverdienstkreuz verliehen.Er ist Vater von zwei erwachsenen Söhnen und Großvater von drei Enkeltöchtern. Als Autor ist er unter anderem mit „Die Verwöhnungsfalle“, „Boxenstopp für Paare – damit Ihre Beziehung weiter rund läuft“ und „Mit mehr Selbst zum stabilen ICH! – Resilienz als Basis der Persönlichkeitsbildung“ bekannt geworden.

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