Trier

Mythos "vereinbar"

Warum in der Familie nicht alles gleichzeitig geht.

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„Wir können uns als Mütter und Väter nicht vierteilen oder die Zeit vermehren.“ Foto: Adobe Stock

Völlig unbemerkt vom Geldbeutel der meisten Familien überschlagen sich derzeit die Freudenbotschaften der Politik, was man alles für Familien, für Kinder und natürlich für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf tue. „Wir schaffen als erstes Bundesland die Gebühren in Krippe, Tagespflege, Kindergarten und Hort komplett ab“, jubilierte erst kürzlich Manuela Schwesig im sozialen Netzwerk Twitter. Ja hurra! Gäbe es ein Langenscheidt-Wörterbuch „Deutsch – Sozialistisch“, diese Nachricht der Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern läse sich übersetzt so: „Verehrte Genossinnen und Genossen, mit großer Freude berichtet das Großflächen-Kombinat Mecklenburg-Vorpommern, die Planerfüllung zur vollständigen Lufthoheit über den Kinderbetten als Erster erreicht zu haben.“

Schwesig vergaß auch nicht, sich artig bei Franziska Giffey zu bedanken, denn dieser Meilenstein der Familienpolitik sei nur dank des neuen „Gute Kita Gesetzes“ realisierbar, ein Finanzierungspaket des Bundes mit einem Namen wie aus der Laborwerkstatt eines fiktiven „Schönsprechministeriums“. Und dabei haben wir uns noch gar nicht an die Segnungen des „Starke-Familien-Gesetzes“ gewöhnt, das seit 1. Juli 2019 in Kraft ist und finanzielle „Entlastung“, als auch gesellschaftliche „Teilhabe“ verspricht. Über allem schwebt das Endziel der „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“, denn wie könnten nicht alle wunderbar ihren Beruf mit allem und jedem vereinen, wären da nicht die Kinder, diese Störfaktoren einer reibungslosen Familienpolitik.

Frühe Kita-Betreuung schadet der Familienstärke

Am Beginn jeder Kosten-Nutzen-Rechnung steht die Frage: Was will man erreichen? Ohne klare Zielvorgabe kann ja nicht entschieden werden, ob das eingesetzte Geld auch tatsächlich die erwünschte Wirkung erzielt hat. Was macht also eine Kita gut? Und was macht eine Familie stark? Nimmt man allein diese Euphemismen, mit denen die Politik versucht, bereits mit der Namensgebung der Gesetze deren Bewertung oder gar Effizienz diskussionslos vorwegzunehmen, um dem unbedarften Bürger das eigenständige Denken zu erleichtern oder ganz abzunehmen, ist zumindest klar: Was gut sei, bestimmt auf jeden Fall der Staat.

Wann ist eine Kita also gut und vor allem für wen? Ist es gut, wenn eine Kita schon um sechs Uhr morgens öffnet und auch 24-Stunden-Betreuung für Nachtschicht-Eltern anbietet? Die Politik sagt ja, die Wirtschaft auch, selbst gestresste Eltern, die das in Ermangelung von Alternativen in Anspruch nehmen, sagen oft ja. Doch ist es auch gut für das Kind und wäre es nicht Aufgabe von Politik, die Bedürfnisse der Kinder an die oberste Stelle zu setzen und Lösungen anzubieten, die sich daran orientieren? Mehr Qualität und weniger Gebühren für Eltern sollte das „Gute Kita-Gesetz“ bringen. Man kann dieselbe Summe aber nicht zweimal ausgeben, also eher gute Qualität oder Gebührenfreiheit. Wäre man böse, man könnte sagen: Manuela Schwesig hat sich jedenfalls gegen die Qualität entschieden.

Kleinstkinder brauchen keine Bildungsprogramme, sondern Bindungspersonen, ist Birgit Kelle überzeugt. Foto: Kerstin Pukall

Macht es also wenigstens Familien stark, dass Kinder möglichst rund um die Uhr abseits ihrer Familie von fremden Menschen betreut werden, damit besser „vereinbart“ werden kann? Die schlichte Antwort ist „Nein“. Die Stärke jeder Gruppe ergibt sich aus Zusammenhalt, Loyalität, Zugehörigkeitsgefühl. Wenn etwa ein Unternehmen Teambildung fördern will, tut es dies ja auch nicht, indem man die Mitarbeiter möglichst den ganzen Tag voneinander trennt, sondern indem man sie zusammenbringt, gemeinsam Probleme lösen oder auch Freizeit verbringen lässt. Weil es Bindung zueinander schafft.

Bindung ist das Zauberwort jeder erfolgreichen Gruppe, die Familie ist die kleinste dieser Gruppen in einer Gesellschaft und die wichtigste, weil wir, sobald wir den Mutterleib verlassen, als Menschen auf Bindung zu Anderen angewiesen sind. Die Mutter ist dabei der wichtigste Faktor, zunächst die einzige Konstante in einer Welt vollen Unbekannten. Sie hat neun Monate Bindungsvorsprung, erst später kommen alle anderen Bindungen dazu. Jedes Kind muss sich langsam ein Netzwerk an vertrauten Personen aufbauen, Bindungen festigen und kann dann sicher und neugierig seine Welt erkunden.

Die Politik in Deutschland redet nicht gerne von Bindung, wir hören stattdessen ständig das Schlagwort der „frühkindlichen Bildung“, Förderung, Bildungspakete, Teilhabe an Bildung, gleiche Bildung, Recht auf Bildung. Suggeriert wird die Professionalität in den Betreuungseinrichtungen, bloß kein Zeitfenster verpassen. Da müssen schon Profis ran, damit all diese kleinen Talente nicht verkümmern. Eltern, die ihre Kinder selbst betreuen, würden ihren Kindern diese „frühkindliche Bildung“ vorenthalten. Nahezu fahrlässig! Wir reden von „individueller Förderung“ jedes einzelnen Kindes, von Vielfalt und „Diversity“, gemeint ist aber offenbar nur die Vielfalt sexueller Spielarten, nicht die Vielfalt der Lebensweisen, Erziehungsweisen, Wertvorstellungen und Überzeugungen, wie wir sie nur in der Vielfalt der Familien wiederfinden.

Wenn Vereinbarkeit meint, dass die Bedürfnisse des Kindes ignoriert werden, weil sie kein Hindernis für das Arbeitspensum der Eltern sein dürfen, dann ist es keine Vereinbarkeit, sondern ein Gegenrechnen. Ein Leben auf Pump, auf Kosten der emotionalen Stabilität des Kindes, das seine Bedürfnisse vielleicht noch nicht einmal artikulieren kann, weil es zu jung ist, um überhaupt sprechen zu können.

Die Bedürfnisse der Kinder müssen gleichberechtigt sein

Wann ist also eine Kita gut? Dann, wenn Kinder alt genug sind, um sich von der Bindung zu den Eltern für ein paar Stunden lösen zu können und dort genug Erzieherinnen mit genug Zeit für jeden Einzelnen auf sie warten. Und wann ist eine Familie stark? Dann, wenn in ihr vor allem Liebe herrscht, wenn sie Probleme lösen kann, schwierigen Zeiten standhält, die Verantwortung selbst trägt und sie nicht an Institutionen oder den Staat weiterreicht oder reichen muss, weil man ihr weder Geld noch Zeit zum Atmen lässt.

Ja, Vereinbarkeit ist möglich, allerdings nur dann, wenn die Bedürfnisse von Kindern genauso gleichberechtigt stehenbleiben, wie jene ihrer Eltern oder die des Arbeitsmarktes. Wir können uns als Mütter und Väter nicht vierteilen oder die Zeit vermehren und deswegen heißt Vereinbaren, sich von der Gleichzeitigkeit mancher Ambitionen zu verabschieden und jedem Ding seine Zeit zu geben. Kinder und Beruf zu vereinen ist möglich. Man muss es aber in manchen Lebensabschnitten hintereinander tun, statt gleichzeitig. Leichter gesagt, als getan.

Von Birgit Kelle


Zur Autorin:

Birgit Kelle wurde 1975 in Siebenbürgen, Rumänien, geboren, ist Mutter von vier Kindern und in zahlreichen Frauen- und Familienverbänden engagiert. In verschiedenen Landtagen und vor dem Familienausschuss des Bundestages trat sie als Sachverständige für die Interessen von Müttern und Familie, sowie als Expertin im Themenkomplex „Gender“ auf. Kelle ist Autorin diverser Bücher, kürzlich erschienen ist „MUTTERTIER. Eine Ansage“.

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