Vergessene Sommerfrischen

Nicht nur in Castel Gandolfo „urlaubten“ die Päpste, auch in Rom selbst und im heutigen Präsidentenpalast fanden sie Ruhe und Erholung. Von Ulrich Nersinger

"Coffee House" des Papstes in den Gärten des Quirinals.
Das „Coffee House“ des Papstes in den Gärten des Quirinals. Foto: Fotos: Archiv Nersinger

Bis in die jüngste Vergangenheit galt Castel Gandolfo als die traditionelle Sommerfrische der Päpste. Doch die Nachfolger Petri nahmen in den heißen Monaten des Jahres auch andere Orte innerhalb und außerhalb der römischen Stadtmauern als Refugien wahr, die ihnen den Sommer erträglich machten.

Eine innerstädtische Sommerresidenz war der Turm Pauls III. auf dem Kapitolshügel. Mehr als dreihundert Jahre lang erhob er sich über die Dächer Roms und prägte das Bild der Stadt am Tiber. Seine Geschichte ist eng mit einer anderen Papstresidenz verbunden, mit der des Palazzo Venezia. Der Venezianer Pietro Barbo war im Jahre 1440 zum Kardinaldiakon von Santa Maria Nuova kreiert worden, 1451 erhob ihn der Papst zum Kardinalpriester von San Marco. Seinen Wohnsitz nahm der Purpurträger in einem kleinen Palast bei seiner Titelkirche, den er schon bald durch einen gewaltigen Neubau, den Palazzo Barbo (den späteren Palazzo Venezia) erweitern ließ. 1464 bestieg Pietro Barbo als Paul II. den Stuhl Petri. Der Palazzo Barbo wurde für die ersten Jahre seines Pontifikates zur Papstresidenz, bis der Pontifex 1470 in den Apostolischen Palast des Vatikans übersiedelte. Knapp sieben Jahrzehnte später zog wieder ein Papst in den Palazzo ein, Paul III. (1534–1549).

Von seiner Residenz aus fiel der Blick des Papstes auf den Kapitolinischen Hügel und die Basilika Ara Coeli. Ara Coeli übte auf Paul III. eine starke Anziehung aus; schließlich fasste er den Entschluss, auf dem geschichtsträchtigen römischen Hügel einen Sommersitz zu bauen, um sich in den stillen Gärten von Ara Coeli zu erholen. Der Pontifex ließ dort eine gewaltigen viereckigen Turm errichten, aus dessen weiten Bogenfenstern man die ganze Stadt überblicken konnte. Paul III. wohnte mit Vorliebe in dem Turm und erwog sogar einen gedeckten Gang hinüber zum Palast von San Marco zu bauen – „ad commodiorem transmigrationem – zu einem bequemeren Übergang“, wie es in einem päpstlichen Breve hieß. Der Papst wolle sich „mit zwei Schritten und einem Sprung von seinem Haus bei Ara Coeli nach San Marco begeben“, spottete man in Rom. Papst Paul IV. (1555–1559) übertrug den Turm dem Konvent der Franziskaner von Ara Coeli. Der „Torre di Paolo III” aber blieb nur wenige Jahre im Besitz der Franziskanerbrüder. Ein Papst aus dem Geschlecht der Medici, Pius IV. (1559–1565), fand wieder Gefallen daran, ihn ihm die Sommermonate zu verbringen. Der kunstsinnige Pontifex bereicherte den Turm und das anstoßende Haus um wertvolle Werke und ließ die Wölbung der Wohn- und Empfangssäle von Taddeo und Federigo Zuccari mit Fresken ausschmücken. Auf dem Turm selber ließ er eine große Loggia bauen, die die höchsten Gebäude der Stadt überragte und von der man einen unvergleichlichen Blick auf Rom und die Umgebung hatte.

Papst Sixtus V. (1585–1590), ein Franziskaner, gab dann seinen Mitbrüdern den Turm wieder zurück. Im September 1870 ging die weltliche Herrschaft der Päpste über Rom und den Kirchenstaat zu Ende. Das Königreich Italien begann die Güter der kirchlichen Orden und religiösen Gemeinschaften zu beschlagnahmen. Am 2. Januar 1886 nahm die Regierung von dem Turm Besitz und begann unverzüglich mit dem Abbruch. Mit der alten Sommerresidenz Pauls III. verschwand eines der charakteristischsten Gebäude des Kapitolinischen Hügels aus dem Stadtbild Roms. Durch eine Reihe von Kunstwerken – so in den Aquarellen von Franz Roesler – blieb es jedoch der Nachwelt erhalten.

Gregor XIII. (1572–1585) unternahm im Sommer vom Palazzo Venezia aus oft Spaziergänge zum Quirinal. Die dortige, klimatisch ausgesprochen angenehme Lage schien ihm für eine neue Stadtresidenz ideal. Unter ihm und seinem Nachfolger Sixtus V. entstand eine imposante Sommerresidenz, die später sogar zum Regierungssitz der Päpste und zum Ort für eine beträchtliche Anzahl von Konklaveversammlungen wurde. Mit dem Bau des Palastes war Domenico Fontana beauftragt worden. Unter Papst Benedikt XIV. (1740–1758) entstand in den Parkanlagen des Quirinals ein Gartenhaus als eine zweite „Sommerresidenz“.

Der „Diario Ordinario“ vom 5. August 1741, eine Art römischer Tageszeitung, beschreibt, wie der Grundstein zu dem Gartenhaus gelegt wurde: „Seine Heiligkeit wollte, da das Rituale Romanum für Neubauten eine bestimmte Segensformel kennt, diese Zeremonie selbst vornehmen, das Fundament segnen und den ersten Stein legen, in den einige Medaillen eingeschlossen waren. Das alles für einen Neubau, den er auf eigene Kosten im Garten des Quirinals zur Bequemlichkeit der Päpste errichten lässt; er umfasst einen Portikus und mehrere Räume, die sehr geeignet sind, um im Genuss der freien Luft Privataudienzen und Geschäfte zu erledigen, die Seine Heiligkeit zum Nutzen des Heiligen Stuhles und der Öffentlichkeit jede Stunde des Tages unablässig beschäftigen.“

Ein Romführer aus dem Jahre 1745 vermerkt: „Beim Palast des Quirinals liegt ein schöner Garten, der ungefähr eine Meile im Umkreis misst und von Urban VIII. ganz mit einer hohen Mauer umgeben wurde. Er bietet breite Alleen, schattige Spazierwege mit schönen Ausblicken, viele sehr interessante Pflanzen und seltene Blumen. Springbrunnen, Wasserkünste und alles, was man an Lieblichkeit oder Pracht nur wünschen kann, gibt es dort, auch eine Orgel, die durch unsichtbare Wasserströme einen sanften Wohlklang hören lässt. Der Garten birgt eine kleine Kapelle, mit Fresken der Muttergottes, des heiligen Dominikus, des heiligen Philippus und anderer Heiligen von Giovanni Odazzo, und auch einen kleinen Palast, den Benedikt XIV. vom päpstlichen Hofarchitekten Ferdinando Fuga bauen ließ.“

Eine in den Vatikanischen Archiven verwahrte Rechnung weist als Kosten für die Gartenresidenz 12 725 Scudi und 84 Baiocchi auf. Aus dem Beleg geht hervor, dass für den Bau 12 775 Scudi veranschlagt worden waren – es trat der für die damalige (wie auch heutige Zeit seltene) Fall auf, dass noch 49 Scudi und 16 Baiocchi an die päpstliche Schatzkammer zurückgeführt werden konnten. Im neunzehnten Jahrhundert ließ Papst Gregor XVI. (1831–1846) das Gebäude, das man in Rom schon sehr früh „Coffee House“ nannte, restaurieren. Mit dem Ende des alten Kirchenstaates im Jahre 1870 mussten die Päpste ihre Residenz auf dem Quirinal an den italienischen König abtreten. Der Garten des Palastes, der heute dem Staatspräsidenten als Amtssitz dient, kann zu bestimmten Zeiten besichtigt werden.

Leo XIII. (1878–1903) sollte der erste Papst sein, der seine ganze Amtszeit – ein Vierteljahrhundert – hinter den Mauern des Vatikans als dessen freiwilliger Gefangener verbrachte. Der Papst hatte den Torre di Leo IV, den größten Turm der alten vatikanischen Verteidigungsmauer, wohnlich herrichten lassen. Ein vom Papst hochgeschätzter Künstler, der Maler Seitz, hatte auf dem Gewölbe des Turms sinnbildlich den Sternenhimmel Roms, und zwar im Zeichen des Löwen, dargestellt. Diese Huldigung an den Papst wurde leider durch einen technischen „Einfall“ des Architekten Mannucci abgewertet. Die Sterne am Gewölbe entsprachen ebenso vielen kleinen Lämpchen, die aufflammten, wenn ein bestimmter Schalter umgelegt wurde. Wandbespannungen, Statuen, Bilder und Mobiliar im Fin-de-siecle-Stil sollten dem Papst den Aufenthalt angenehm machen. Leo XIII. gefiel der Raum so gut, dass er sich immer häufiger zum Arbeiten dorthin zurückzog und sogar Empfänge in ihm abhielt.

In der Nähe des Turmes ließ er nach einigen Jahren einen gemauerten Pavillon errichten, um dort Kaffee zu trinken und etwas Muße zu finden. Aus dem kleinen Pavillon wurde dann mit der Zeit eine Palazzina, ein Landhäuschen, in dessen Erdgeschoss sich dann auch seine Begleitung aufzuhalten pflegte. Durch einen kleinen Aufzug gelangte man in das einzige Stockwerk, das die Wohnräume des Papstes enthielt. Es befand sich dort ein kleiner, mit grüner Seide und Gold ausgeschlagener Salon, den entsprechende Möbel und ein Thron zierten. Zwei Türen rechts und links vom Thron führten in das Schlafzimmer und in eine Kapelle. „Das wird Unser kleines Castel Gandolfo sein“, hatte Leo XIII. gesagt, als er den Vorsatz bekannt gab, im Garten seinen „Sommerurlaub“ zu verbringen.

Rückblick

  1. Die grünen Herzen Roms
  2. Neros „Goldenes Haus“
  3. Ein „päpstlicher“ Bahnhof
  4. Alte Tradition für die Gegenwart
  5. Franziskus – ein Papst für die Armen und der Peripherie
  6. Das „Küken“, das den Obelisken trägt
  7. Ein Grabmal der besonderen Art
  8. Präfektur des Päpstlichen Hauses - Das Empfangskomitee seiner Heiligkeit
  9. Das Sträßchen der Rosenkränze
  10. Roms Uhren: Wem die Stunde schlägt
  11. Santa Maria della Vittoria - Maria zum Siege
  12. Der „Königsweg“ zum Papst
  13. Die Papstmessen: Wie sie ihren Anfang nahmen
  14. Was ist eine Basilika?
  15. Kommentar: Wenn die Synode ruft
  16. Eine Oase der Andacht
  17. Wo sich Himmel und Erde berührten
  18. Auf den Spuren einer extravaganten Frau
  19. Mit Paulus in Rom, der Ewigen Stadt
  20. Fotos von und mit dem Papst
  21. Die Kummerkästen Seiner Heiligkeit
  22. Die große Neuheit des Pontifikats
  23. Mit Volldampf nach Castel Gandolfo
  24. Erkundungen im Borgo
  25. Mit Caravaggio durch Rom, der etwas andere Pilgerweg für Kunstliebhaber
  26. Wie dreidimensional vor 430 Jahren
  27. Das Heilige Jahr der Beichte
  28. Die römische Kurie als Dauerbaustelle
  29. Im Schwalbennest am riesigen Dom
  30. Päpstliche Orden und Auszeichnungen
  31. Beste Aussichten auf Rom
  32. Der Besuch einer Bar muss einfach sein
  33. Der Ringkuss auf dem Prüfstand
  34. Zwischen Anspruch und Wirklichkeit
  35. Zwei Päpste – zwei Kurien
  36. Wo die Herzen der Päpste ruhen
  37. Die Bischöfin und der Reformer
  38. Wo Caesar zu Boden ging
  39. Als es in Rom drunter und drüber ging
  40. Kommentar: Der Grund der Hoffnung