Als es in Rom drunter und drüber ging

Wie der Tyrann Cola di Rienzo nachträglich zum Patron der Eroberung des Kirchenstaats wurde. Von Natalie Nordio

Statue von Cola di Rienzo beim "Altar des Vaterlands"
Die Statue von Cola di Rienzo beim „Altar des Vaterlands“. Foto: IN

Unzählige Besucher Roms ziehen auf ihrem Weg zum Kapitol oder vom Kapitol wieder hinunter an einer Statue vorüber, ohne wirklich Notiz von der Bronzeplastik zu nehmen. Sie steht etwa auf der Hälfte der „Cordonata“. So heißt die von Michelangelo geplante großzügige Freitreppe, die auf das Kapitol führt. Und linker Hand, in Richtung des schneeweißen Viktor-Emanuel-Denkmals, steht die Statue auf einem Rasenstück. Nicht besonders groß, ja fast unscheinbar, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen, versteckt sich hinter der mit einer Kutte bekleideten Figur, die in der linken ein Schwert hält, während die erhobene rechte Hand eine kraftvolle Geste vollzieht, eine der spannendsten Persönlichkeiten des römischen Mittelalters: Cola di Rienzo. Cola, der eigentlich Nicola hieß, war Römer und trotz seiner niederen Herkunft recht gebildet und ziemlich schlau. Schuld an den katastrophalen Missständen in der Stadt war laut Cola di Rienzo allein der römische Adel, der sich lieber bekriegte, anstatt für Ordnung zu sorgen. Gemeinsam mit seinen Anhängern eroberte Cola 1347 das Kapitol und ließ in Rom nach antiker Manier die Republik ausrufen. Er selbst wurde zum Volkstribun. Letztlich beendete sein eigener Machthunger die Karriere, die einst so heroisch begonnen hatte. Als vom Papst eingesetzter Senator herrschte di Rienzo wie ein Tyrann und hatte am Ende alle gegen sich. Die verfeindenden Adelsfamilien machten, um ihn zu vernichten, gemeinsame Sache, und auch die Sympathien des Volks hatte er längst verspielt. Im Oktober 1354 kam er vor Gericht. Doch zu einem Urteil kam es nie, denn ein wütender Römer beendete kurzerhand das Spektakel und ermordete Cola di Rienzo nach wenigen Minuten im Gerichtssaal. Girolamo Masini, ein Florentiner Bildhauer, hat die Plastik im Jahre 1871 angefertigt. An ihren heutigen Standort kam die Figur um das Jahr 1886. Eine so umstrittene Persönlichkeit, die viele als antiklerikal abtaten, kam dem römischen Volk und der Stadtregierung mitten im Risorgimento, der italienischen Staatsgründungsbewegung, der am Ende der alte Kirchenstaat zum Opfer fiel, gerade recht, um ein für alle Mal klar zu machen, wer in Rom und ganz Italien künftig den Ton angeben würde.

Rückblick

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  26. Die grünen Herzen Roms
  27. Neros „Goldenes Haus“
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  34. Das Sträßchen der Rosenkränze
  35. Roms Uhren: Wem die Stunde schlägt
  36. Santa Maria della Vittoria - Maria zum Siege
  37. Der „Königsweg“ zum Papst
  38. Die Papstmessen: Wie sie ihren Anfang nahmen
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