„In deinem Licht schauen wir das Licht“

Streben nach Gott: Gedanken zum Sinn und Zweck einer Hochschule. Von Gudrun Trausmuth

Gudrun Trausmuth.
Gudrun Trausmuth.

Der zweite Band des demnächst im Heiligenkreuzer Be&Be Verlags neu aufliegenden Doppelromans „Das Schweißtuch der Veronika“ von Gertrud von le Fort, spielt in der traditionsreichen Universitätsstadt Heidelberg, wo die Dichterin selbst studiert hatte. Im „Kranz der Engel“, der 1946 erstmals erschien, begegnet uns ein interessantes, sehr freies Bild des Studiums und der Universität, das von der heutigen Situation weit weg scheint: Was die Hauptperson Veronika als Fach konkret studiert, erfährt man gar nicht, zentral aber ist die Rolle ihres Vormunds, der als Professor an der Heidelberger Universität offenbar Religionsphilosophie lehrt. Seine Vorlesungen vermitteln Veronika eine besondere Art der Erkenntnis: „ich erlebte damals unbewusst die beglückende Wahrheit, dass Denken nicht wie Wissen von außen her gelehrt, sondern von innen her erweckt wird“. Dieses Bild ist für heutige Begriffe gleichermaßen fremd, wie es zugleich für den Kontext einer katholischen universitären Einrichtung relevant sein kann. Die von le Fort beschriebene innige Korrespondenz des Geistes des Lehrenden und der Geistes des Studierenden beruht ja auf der Annahme einer gemeinsamen Prägung, einem Verstehen und Verständnis, das nur deshalb möglich ist, weil eine gemeinsame Grundlage es ermöglicht. Dieses Fundament aber ist im Falle des Kontextes der theologisch-philosophischen Hochschule Heiligenkreuz nicht eine abstrakte Konvention, sondern eine beiderseitige existenzielle Beziehung zum Schöpfer, der in Jesus Christus ein Antlitz hat.

Dieses bewusste gemeinsame Sich-Unterstellen unter den Herrn, den „Meister“, gründet eine radikal andere Schüler-Lehrer-Beziehung als sonst zwischen Lernendem und Lehrendem üblich. Nicht nur ein gemeinsames wissenschaftliches Interesse, ein Ausbildungsziel, eine Lehr- und Forschungsintention verbinden, sondern es verbindet die alles entscheidende innere Beziehung zwischen Gott und Mensch. Vor diesem Hintergrund steht das akademische Arbeiten im fordernden Anspruch einer Einheit von Denken und Leben und besitzt eine Spannung und Brisanz, eine Lebendigkeit und ein Leuchten, die der alten Institution der Universität vielfach abhanden gekommen sind. Denn wie alle früheren Autoritäten und großen Institutionen ringt die Universität heute um ihre Identität: Was ist sie ihrem Wesen nach? Und wie kann ihr Wesentliches im Heute fruchtbar werden?

Der universitäre Raum präsentiert sich als eine der letzten Bastionen, wo ein freies, großzügiges, „auf das Ganze der Wirklichkeit“ gerichtetes Denken eingeübt und realisiert werden könnte, wie Josef Pieper in seinem anregenden kleinen Aufsatz „Was ist eine Universität?“ darlegt: „Was sie zur Universität macht, ist nicht – die Wissenschaft! Sondern? Sondern die entschiedene Ausrichtung des Denkens auf das Universum, auf das einheitliche Allgesamt der Dinge; die dezidierte und beharrliche Bemühung um Offenheit für das Ganze, jene Bemühung also, die seit je als Philosophieren verstanden und bezeichnet worden ist.“

Katholisches Denken wieder wahrnehmen

Der Habitus, den Pieper hier als Grundtugend des Universitären herausschält, impliziert Menschen mit einem wachen, hungrigen Geist und jener Haltung der Aufmerksamkeit (vgl. im Französischen den gemeinsamen Wortstamm von „attention“ = „Aufmerksamkeit“ und „attente“ = „Erwartung“), die die französische Philosophin Simone Weil unvergleichlich analysiert hat. Es bedarf der Bereitschaft, sich stets neu auf die Wirklichkeit einzulassen, sie staunend zu studieren und zu befragen, in der Weite und Freiheit einer unbefangenen und zugleich hochsensiblen Begegnung „die individuellen Studenten müssen in den Stand gesetzt werden, ja sie müssen durch den Geist der Institution selbst ausdrücklich dazu angeregt, ermutigt, herausgefordert, gedrängt werden, immer wieder einmal als sie selber den Blick auf das Totum von Welt und Dasein zu richten – zum Beispiel, indem sie die Frage erörtern, wie es mit der menschlichen Freiheit bestellt sei, nicht allein psychologisch betrachtet, biologisch, juristisch, sondern ,überhaupt‘, und unter jedem denkbaren Aspekt; oder, was Dichtung im Grunde sei und was sie ,solle‘; oder: was im Sterben eines Menschen, über das Physiologische und das bloß Biographische hinaus, sich wahrhaft zutrage; und so fort.“

Mit seinem Ansatz, das universitäre Denken (wieder) auf das „Totum von Welt und Dasein“ zu beziehen, ja, diese philosophische Grundhaltung als Wesen der Universität zu begreifen, eröffnet Pieper eine weitreichende Dimension: Gewöhnt, seit der Aufklärung von einer meist wenig wohlwollenden Wissenschaftsgeschichtsschreibung in die Ecke gedrängt zu werden, ermutigt Piepers Betrachtung der „universitas“ nicht nur zu einem positiven Selbstbild und gesundem Selbstbewusstsein der Theologie, die die Erkenntnis Gottes in ihr Zentrum stellt, sondern unterstreicht, indem sie vom „Totum des Daseins“ spricht, die unabdingbare Notwendigkeit, die Gottesfrage grundsätzlich in den wissenschaftlichen und universitären Diskurs mit einzubeziehen.

Die weitgehende Ausklammerung des Gottesbezugs, ja, die kontinuierliche und systematische Punzierung eines solchen als un- und vorwissenschaftlich, hat in der Reaktion zu einer gefährlichen impliziten Übernahme dieses Bildes von Seiten des Christentums selbst geführt, welches sich in kleinlauter Schüchternheit, in einem fast vollständigen Verstummen seiner Stimme im wissenschaftlichen und kulturellen Diskurs äußert. Was aber nicht mehr hörbar und lesbar ist, wird von Generation zu Generation immer blasser, verschwindet schließlich. Als Beispiel sei die eingangs erwähnte Dichterin Gertrud von le Fort genannt: Bis Anfang der 1970er Jahre international anerkannt und eine „Bestsellerautorin“ christlicher Literatur, gibt es mittlerweile Generationen von Geisteswissenschaftlern, die nicht einmal mehr ihren Namen im richtigen Kontext verorten können.

Die Tradition katholischen Denkens und Fragens muss wieder wahrgenommen werden, die großen Texte in Philosophie, Theologie und Literatur, die das christliche Abendland geprägt haben, müssen gelesen, exzerpiert und besprochen werden, um sie wieder und auf neue Weise fruchtbar zu machen und auf ihren Spuren weitergehen zu können. Es gilt aufzuzeigen, dass es in der Geschichte des menschlichen Geistes eine kontinuierliche Sehnsucht und Suche nach Gott gibt, oft verworren und verdeckt, doch nachvollziehbar, staunenswert und spannend genug, um sich auch aus glaubensloser Ferne auf einen Weg zu machen. Dazu gehört, dass katholische und kirchlich verankerte Akademiker sich als kompetente Gesprächspartner am wissenschaftlichen und kulturellen Diskurs beteiligen, mit besonderem Engagement und besonderer Freundlichkeit.

Denn bei aller unbedingt notwendigen Sachlichkeit und wissenschaftlichen Disziplin: Kälte und Härte sind keine geeignete Ausstattung für einen Menschen, der über sich hinaus wirken möchte – oder, wie der große C.S. Lewis in „Die Abschaffung des Menschen“ drastisch warnt: „ein hartes Herz ist kein unfehlbarer Schutz vor einem weichen Hirn“. Die Herzenshaltung hat Einfluss auf die Qualität, die Vermittlung und die Resonanz des Denkens. Kompetenz, Zugänglichkeit und nicht zuletzt Begeisterung für das eigene Fach stecken an; vielleicht sollten wir in Bezug auf unsere geistige Arbeit mehr um jenes „brennende Herz“ (Lk 24, 32) beten, das die Jünger bei der Begegnung mit dem Auferstandenen empfanden?

Monastische Theologie prägt die Hochschule

Die Wahrheit als Ziel jeder Erkenntnis kann sich nur entfalten, wenn der Blick auf die Wirklichkeit nichts ausklammert. Wenn aber, wie Josef Pieper es als Wesen des Universitären definiert, der Bezug auf das Ganze, das Totum der Wirklichkeit, den roten Faden seines Erkenntnisstrebens darstellt, verhält es sich genau umgekehrt, als es uns die Wissenschaftstheorie der Aufklärung seit Jahrhunderten einimpfen will: Nicht wer Gott in sein Erkenntnisstreben einbezieht, sondern wer ihn ausschließt, geht in die Irre. Er begeht – wie Benedikt XVI. immer wieder betont hat – eine fatale Reduktion seines Wirklichkeitsraumes. Solchermaßen präsentieren sich Orte, die um Gott als Ausgang und Ziel aller Erkenntnis und allen Studiums wissen, als große Hoffnung. Die philosophisch-theologische Hochschule Benedikt XVI. in Heiligenkreuz prägt eine monastische Theologie, von der Jean Leclerc OSB sagt: „sie bestimmt sich einzig und allein nach den zeitlosen Forderungen des Strebens nach Gott“. Wenn das Chorgebet der Mönche, wie es in Heiligenkreuz der Fall ist, die tragende und prägende Struktur darstellt und sich der Stundenplan der Hochschule diesen Gebetszeiten konsequent unterordnet, grundiert dies vom Monastischen her die „rectitudo“ der intellektuellen Bemühungen: Die rhythmische Hinwendung zu Gott im Chorgebet ist gleichermaßen Ausdruck einer unstillbaren und unruhigen Sehnsucht nach der Wahrheit, wie auch Ausdruck des kühnen Anspruchs, seine Erkenntnis in das Licht des Höchsten zu stellen: „Denn bei dir ist die Quelle des Lebens, in deinem Licht schauen wir das Licht“ (Ps 36,9).

Dem vielfach trostlos und trüb gewordenen Licht des „siecle des lumieres“, wie sich die Aufklärung in ihrem Kernland stolz nannte, muss wieder die Helligkeit eines Erkenntniswillens entgegengesetzt werden, der die Wirklichkeit Gottes ehrt. Eo mens est imago Dei, quo capax Dei est et particeps esse potest – der Mensch, den der hl. Augustinus als „capax Dei“, „Gottes-fähig“ beschreibt, sehnt sich nach der Fülle der Erkenntnis. Je näher und verbundener er der Quelle und dem Ziel allen Lebens ist, desto tiefer und wahrer wird er erkennen. Adoro, ergo intellego.

Rückblick