Neros „Goldenes Haus“

Die Luxusvilla war zwar ein Sinnbild kaiserlichen Größenwahns, aber auch eine architektonische Meisterleistung. Von Natalie Nordio

„Domus aurea“, das „goldene Haus“
Wie im Pantheon fiel durch ein Kuppelloch Licht in die „Sala ottagona“. Foto: IN

Durch meinen Tod verliert die Welt einen großen Künstler.“ Mit diesen Worten auf den Lippen, so die Überlieferung, soll Kaiser Nero aus dieser Welt geschieden sein, als er sich im Juni des Jahres 68 von einem Sklaven einen Dolch ins Herz stoßen ließ. Da war Nero gerade einmal dreißig Jahre alt. Mit siebzehn bestieg er 54 nach Christus den Kaiserthron. Dafür hatte seine ehrgeizige Mutter Agrippina gesorgt, die ihren Ehemann und Stiefvater ihres Sohns, Kaiser Claudius, vergiftet haben soll.

Zu Beginn seiner Regentschaft, als er noch sehr unter dem Einfluss seiner Mutter und Beratern wie Seneca stand, galt Nero als gerechter und guter Herrscher. Doch das änderte sich. Je älter Nero wurde, umso weniger hörte er auf den Rat seiner einstmals engsten Vertrauten. Seneca fiel wie viele andere ehemalige Berater einer der von Nero durchgeführten Säuberungsaktionen zum Opfer und wurde von kaiserlichen Handlangern ermordet. Nero sah seine wahren Talente weniger in der Politik als Staatsmann, sondern eher in den Schönen Künsten. Es wundert daher kaum, dass einer der schönsten Bauten des antiken Rom von ihm erbaut wurde: die „Domus aurea“, das „goldene Haus“.

Diese Luxusvilla ersetzte einen älteren Vorgängerbau, die sogenannte „Domus transitoria“, die, wie weite Teile der Stadt, dem Großen Brand von Rom im Jahr 64 zum Opfer fiel. Obwohl die Anschuldigungen heute historisch nicht eindeutig belegt werden können, wird Nero selbst immer wieder als Brandstifter verantwortlich gemacht. Die Tatsache, dass Nero, anstatt die durch das Feuer zerstörten Häuser der Armen wieder aufzubauen, das frei gewordene Bauland lieber für sein eigenes Haus nutzte, spricht ziemlich gegen ihn. Die „Domus aurea“ war natürlich kein normales Haus, sondern ein Palastkomplex, der sich über eine Gesamtfläche von mehr als achtzig Hektar – die Vatikanstadt ist mit 44 Hektar gerade einmal halb so groß – zwischen und auf den römischen Hügeln Palatin, Esquilin und Caelius erstreckte und zu dem neben kaiserlichen Wohnhäusern, Bibliotheken, Museen, Hallen und Sälen für große Festbankette auch Weinberge, Felder und Parkanlagen gehörten. Sogar einen Zoo mit exotischen und heimischen Tieren gab es auf dem Gelände und einen großen künstlich angelegten See. Bis heute ungeklärt ist die Frage, zu welchen Bereichen das römische Volk Zutritt hatte und welche allein dem Kaiser und seinem Hofstaat vorbehalten waren.

Besonders eindrucksvoll müssen die großen Festsäle gewesen sein. Sie hatten bewegliche Decken aus Elfenbein, von denen es Blumen auf die Gäste herabregnete und Parfum versprüht wurde. Natürlich kam auch der Name „aurea“ nicht von ungefähr. So sollen einige Wände und Decken mit Blattgold verkleidet gewesen sein. Die „Sala ottagona“, ein kreisrunder Bau mit einem Loch in der Kuppel, durch das Licht ins Innere kam, soll sich sogar „bei Tag und Nacht bewegt haben“, wie der Nero-Biograf Sueton berichtet. Das soziale Ungleichgewicht wurde immer größer, denn während Nero in seiner Luxusvilla mit goldenen Wänden saß, verarmte sein Volk immer weiter. Die Staatskassen, an denen Nero sich zur Befriedigung seiner Baulust immer wieder bedient hatte, waren leer und der Senat zog die Notbremse und erklärte Nero im Jahr 68 zum Staatsfeind. Der Gefahr, im Gefängnis zu verrotten und am Ende doch einer Verschwörung zum Opfer zu fallen, ging Nero aus dem Weg. Das von ihm gewählte Ende ist bekannt.

Nach Voranmeldung am Wochenende Führungen

Nach seinem Tod und der über ihn verhängten „damnatio memoriae“, der Verdammung des Andenkens, wurde der gesamte Komplex der „Domus aurea“ ziemlich schnell überbaut. Vor allem Vespasian, der nach einem Jahr der Krise 69 nach Christus als erster Flavischer Kaiser herrschte, wollte dem Volk von Rom das Vertrauen in den Kaiser zurückgeben und den Römern das Land wiedergeben, das Nero ihnen gestohlen hatte. Er ließ Neros großen See trockenlegen und errichtete in den folgenden Jahren das größte Amphitheater aller Zeiten: das Kolosseum. Andere Teile der „Domus aurea“ blieben als Stützkonstruktionen, wie unter den Thermenanlagen der Kaiser Titus und Trajan, erhalten.

Die archäologischen Ausgrabungen können seit Februar letzten Jahres meistens am Wochenende besichtigt werden. Allerdings nur in Form einer Führung nach Voranmeldung und bisher leider auch nur auf Italienisch, Englisch, Spanisch und Französisch. Doch die wundervollen Malereien an den Wänden und die einzelnen großen Hallen und Säle wirken auch ohne Worte und versprühen noch viel von der einstigen Pracht, als Kaiser Nero Gedichte aufsagend oder zum Klang der Harfe singend durch diese Gänge wandelte.

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