Ein Grabmal der besonderen Art

Die Cestius-Pyramide: Ein wunderbares Zeugnis der Mal- und Dekorationskunst zu Beginn der römischen Kaiserzeit. Von Natalie Nordio

Cestius-Pyramide in Rom
Als Kleopatra Mode war, erhielt auch Rom Pyramiden. Foto: Natalie Nordio

Was macht denn eine Pyramide mitten Rom? Diese Frage stellen sich viele Besucher der Ewigen Stadt. Die meisten entdecken die nach ihrem Erbauer Gaius Cestius benannte Cestius-Pyramide eher zufällig. Während eines Besuchs des Protestantischen Friedhofes, dessen ältester Teil sich im unmittelbaren Schatten der Pyramide erstreckt, oder aber auf dem Weg zu den Ausgrabungen von „Ostia antica“. Denn die Metro-Station der blauen B-Linie „Piramide“, die direkt neben dem Bahnhof liegt, an dem man den Zug nach Ostia und das Lido, also den Strand, nimmt, hat ihren Namen natürlich von besagtem Bau, der auf der anderen Straßenseite, vom Bahnhof gut zu sehen, majestätisch in den Himmel ragt.

Gaius Cestius lebte im ausgehenden ersten vorchristlichen Jahrhundert. Lange Jahre hatte der Prätor und Volkstribun Cestius in Asien verbracht und dort ein stattliches Vermögen angehäuft. Da er weder Kinder noch eine Ehefrau hatte, die ihn hätten beerben können, beschloss er, große Teile seines Reichtums in sein eigenes Grabmal zu investieren. Die Vorgaben des Bauherren waren klar. Er wünschte sich ein Grabmal in Form einer Pyramide, die mit 330 Tagen, wie es die Inschrift an der Außenmauer verrät, in einer unglaublichen Rekordzeit zwischen 18 und 12 vor Christus errichtet wurde.

Gaius Cestius war mit seiner Begeisterung für das Land am Nil mit seinen Pharaonen-Gräbern, den fremden Gottheiten und orientalischen Gebräuchen in bester Gesellschaft. Die Römer der Antike waren regelrecht Ägypten-verrückt. Die schöne Pharaonin Cleopatra, die als Geliebte Cäsars bei ihrem Besuch in der Hauptstadt des Weltreiches zwar offiziell als „Persona non grata“ galt und von der römischen Upperclass wie Luft behandelt wurde, stieg dennoch zur heimlichen Stil-Ikone auf. Die reichen Römerinnen waren ganz hin und weg von ihrer Frisur und ihrem Makeup und kopierten das Aussehen der ägyptischen Herrscherin.

Es gab sogar noch eine weitere Pyramide, die sogenannte „Meta Romuli“. Sie soll etwas größer als die Cestius-Pyramide gewesen sein und zwischen dem Circus des Nero – heute steht dort in etwa der Petersdom – und dem Mausoleum des Hadrians, der Engelsburg, gestanden haben. Ob sie älter oder jünger war als jene des Cestius, kann man heute nicht mehr sagen, denn nicht ein einziger Stein ist von dieser Pyramide übrig geblieben.

Dank der erst vor kurzem abgeschlossenen Restaurierungsarbeiten strahlt die Außenverkleidung der Cestius-Pyramide aus weißem Marmor nun wieder wie vor zweitausend Jahren, als mit ihrem Bau begonnen wurde. Die römische Pyramide ist mit einer Höhe von knapp 37 Metern und einer Seitenlänge von etwa 30 Metern zwar ziemlich beeindruckend, kann aber im direkten Vergleich mit ihren ägyptischen Vorbildern, wie beispielsweise der Cheops-Pyramide, die ganze vier Mal größer ist, nicht wirklich mithalten. Im Innern der Pyramide befindet sich die Grabkammer. Der rechteckige Raum besitzt einer Seitenlänge von sechs auf fünf Meter und ist von einem Tonnengewölbe überdacht. Nicht nur außen, sondern auch hier im Innern haben die Restauratoren ganze Arbeit geleistet und die Malereien von Schmutz und Staub der letzten Jahrzehnte befreit. Die Reste der Malereien und Stuckdekorationen lassen noch erahnen, wie prächtig diese einst waren, als die Urne mit der Asche des Gaius Cestius um das Jahr 12 vor Christus beigesetzt wurde. Nymphen tänzeln noch vereinzelt an den Wänden und halten Girlanden oder Amphoren. In den Ecken sind geflügelte Viktorien zu sehen, die dem Verstorbenen die Krone des Siegers bringen. An der Decke soll einst die Apotheose des Grabeigentümers dargestellt gewesen sein. Doch davon ist leider nichts mehr zu sehen. Im späten dritten Jahrhundert begann Kaiser Aurelian mit dem Bau seiner großen Schutzmauer um die Stadt und wie andere ältere Bauten wurde auch die Pyramide des Cestius in die Aurelianische Stadtmauer einbezogen. Später haben Plünderer im Mittelalter die Graburne des Gaius Cestius entwendet und den Bau auf der Suche nach anderen Schätzen schwer beschädigt. Da viele der vorchristlichen Bauten aus der römischen Antike heute nicht mehr existieren, ist die Cestius-Pyramide nicht nur aufgrund ihrer speziellen Architektur, sondern vor allem wegen ihrem Dekorationsprogramm in der Grabkammer ein wunderbares Zeugnis der Mal- und Dekorationskunst zu Beginn der römischen Kaiserzeit.

Wer also geplant hat, „Ostia antica“ oder den Protestantischen Friedhof zu besuchen, dem sei auch die Cestius-Pyramide empfohlen. Mit gerade einmal 1,50 Euro ist der Eintritt sehr günstig. Führungen werden meistens am Samstagvormittag oder auch am Sonntag angeboten, sind aber nur nach Voranmeldung möglich. Daher sollte man sich vorher kurz im Internet über die aktuellen Öffnungszeiten und Führungsangebote informieren.

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