Omama

„Der Einsatz meiner Großmutter für das Leben vor der Empfängnis an ergab sich aus ihrem Glauben", schreibt Johanna Hohenberg, die Enkelin der Gründerin der STIFTUNG JA ZUM LEBEN, Johanna Gräfin von Westphalen

Wenn ich an meine Großmutter denke, ist es schwierig, spezifische Merkmale ihres Glaubens oder ihrer Überzeugungen zu nennen. Für mich war sie nicht nur eine liebevolle Großmutter, sondern auch Taufpatin und dadurch ein sehr prägendes Beispiel der Nächstenliebe, Frömmigkeit und eines unerschütterlichen Gottvertrauens. Aus meinem Blickwinkel – mit einem Abstand von zwei Generationen und 57 Lebensjahren – bestimmten ihr Handeln immer diese drei Parameter. Sie selbst setzte sich immer an zweite, dritte oder – meistens – letzte Stelle. Trotzdem strahlte sie eine felsenfeste Entschlossenheit und Stärke aus, von der viele nur träumen dürfen. Dies machte sie zum ultimativen Vorbild für eine werdende Frau wie mich. Mit zwölf Jahren fragte ich meine Mutter: „Was muss ich studieren, um das zu tun, was Omama macht?“

Der Einsatz meiner Großmutter für das Leben von der Empfängnis bis zum natürlichen Tod ergab sich hauptsächlich aus ihrem Glauben, aber auch aus den sehr realen Erfahrungen einer Ehefrau, Mutter und Großmutter. Als Teenager trug sie sich mit dem Gedanken, ins Kloster zu gehen, als sie in England ein Internat besuchte. Mit ihrer Rückkehr nach Deutschland verschwand dieser Gedanke. Dafür kam nur wenige Jahre später die zweite große Liebe. Meine Großeltern heirateten am 8. September 1956 und bekamen in kürzester Zeit sechs Kinder. Ihre Ehe war vorbildlich, liebevoll und von gegenseitigem Respekt geprägt. Mein Großvater war ein wahrer Gentleman der alten Schule und wusste genau, wie er seine willensstarke Frau fördern, aber auch in den richtigen Momenten wieder zur Ruhe bringen konnte. Er war ein Mann von wenigen und sie eine Frau von vielen Worten. Genau so kommunizierten sie am besten. Ohne seine Unterstützung wäre sie nicht die Frau gewesen, die sie war, und hätte nicht halb soviel erreicht. Als er 2014 starb, wurde mir das als Enkelin zum ersten Mal wirklich klar. Obwohl sie von einer Riesenschar von Kindern, Enkeln und Verwandten umgeben war, habe ich sie noch nie so einsam gesehen. Rückblickend war die Musterehe meiner Großeltern eine der wichtigsten – wenn nicht die wichtigste – Stütze(n) im Leben meiner Großmutter.

Noch ein großes Vorbild für sie – und für uns alle – war (und ist) der selige Kardinal Galen, ihr Großonkel. Auch „Löwe von Münster“ genannt, riskierte er sein Leben, um sich für die Wahrheit und die Menschenwürde einzusetzen. Seine Popularität bei den Menschen seiner Diözese rettete ihn vor der Verhaftung und dem Konzentrationslager. Immer wieder sprach er öffentlich in seinen Predigten gegen das menschenverachtende Verhalten der Nationalsozialisten und der Vernichtung „unwerten Lebens“ unter dem Regime. Meine Großmutter hatte eine ähnliche Vorgehensweise beim Lebensschutz – pflichtbewusst und von einer unprätentiösen Selbstverständlichkeit. Das Prinzip des Schutzes der Unantastbarkeit eines Menschenlebens war für sie nicht nur eine eiserne Überzeugung, sondern eine Lebensaufgabe. Da entwickelte sie eine furchtlose Geradlinigkeit und erlaubte sich keinen Raum für Kompromisse.

Als in den 70er Jahren „Fristenregelungen“ und ähnliches durch die westliche Welt wüteten, erkannte meine Großmutter früher als viele andere, was dies für das ungeborene Leben bedeutet und welche Auswirkungen es in unserer westlichen Kultur nur wenige Jahrzehnte später haben würde. Auf lokaler Ebene war sie als Vorsitzende des Sozialdienstes Katholischer Frauen in Meschede tätig, wo sie nicht nur Familien und Frauen in Not begegnete, sondern eben auch Frauen in Schwangerschaftskonflikten. Diese Begegnungen ließen sie nicht mehr los. Schwangeren Frauen und deren Kindern musste geholfen werden.

Sie wurde in der Politik aktiv, um die Wirkungen der neuen Abtreibungsgesetze zu bekämpfen und um die Familie als Grundstein unserer Gesellschaft zu schützen. Bei der CDU engagierte sie sich in deren Familien- und Elternarbeit. 14 Jahre lang war sie im Landesvorstand der CDU-Westfalen-Lippe beziehungsweise Nordrhein-Westfalen und in zwei Bundesausschüssen aktiv. Sie war Mitbegründerin der Initiative Christdemokraten für das Leben (CDL) und war deren Vorsitzende von 1985 bis 2002. Diese Initiative wurde innerhalb der Unionsparteien gegründet, um sich in der Politik für das Lebensrecht Ungeborener einzusetzen. In der Zeit, in der sie als Vorsitzende der CDL tätig war, wurde der Paragraph 218 StGB Anfang der 90er Jahre neu verhandelt. Ihre Jahre in der Politik verschafften meiner Großmutter einen weitreichenden Blick in die Lebensrechtsbewegung in Deutschland. Sie hörte die lauten Stimmen, die vehement die Würde des Menschenlebens verteidigten, und auch die leisen, ruhigen, die im Hintergrund wirkten. Sie spürte auch die gesellschaftlichen Änderungen, denen schwangere Frauen in Not ausgesetzt waren. 1988 gründete sie daraufhin mit ihrem ältesten Sohn die Stiftung Ja zum Leben. Durch die Stiftung wollte sie alle versammeln, die ihre Überzeugungen teilten und gemeinsam Lebensinitiativen helfen und fördern. Das Wachstum der Stiftung war ein Beweis dafür, dass es in Deutschland viele Menschen gibt, denen der Lebensschutz auch so nahe am Herzen lag wie ihr. 1991 wurde der Stiftungspreis eingeführt. Er wird verliehen an Personen, Initiativen und Institutionen, die sich in besonderer Weise für den Lebensschutz und die Förderung der Familie einsetzen. Ziel dieses Preises ist nicht nur, der Gemeinschaft der Lebensschützer zu helfen und deren Zusammenarbeit zu stärken, sondern auch gerade die zu belohnen, die sich eben besonders dafür eingesetzt haben.

Über die Jahre entwickelten sich immer mehr Projekte der Stiftung, die meine Großmutter ins Leben rief. Eine sehr prägende Kindheitserinnerung waren die schwarz-gelben „Tim-lebt“-Aufkleber, die wir als Enkelkinder in mehrfacher Ausführung immer geschenkt bekamen und daraufhin auch auf jedes Spielzeug, Möbelstück (und auch Geschwister!) geklebt haben. Unsere Großmutter hat uns immer begeistert die Geschichte von Tim erzählt – der tapfere Junge, der seine eigene Abtreibung überlebt hatte. Im Jahr 1998 initiierte sie mit der Stiftung, zusammen mit den Christdemokraten für das Leben und der Aktion Lebensrecht für Alle, die „Tim-Lebt“-Kampagne. Mit dem Beispiel von Tim brachte sie das große Unrecht der Spätabtreibungen an die Öffentlichkeit. Tim war für uns Enkelkinder ein sehr reales Beispiel der täglichen Arbeit unserer Großmutter, die sie wirklich berührte. Sein plötzlicher Tod zu Beginn dieses Jahres war daher ein trauriger und bewegender Moment für mich.

Aber nicht nur die ungeborenen Kinder waren meiner Großmutter ein Anliegen, sondern ebenso die Frauen, die unerwartet und ungeplant schwanger geworden waren. Sie erkannte, dass eine Gesellschaft, in der solche Frauen nicht unterstützt werden, „ja“ zum Leben zu sagen, auch keine Gesellschaft sein kann, in der Abtreibung undenkbar und unerwünscht ist. Im Jahr 2000 startete meine Großmutter daher mit dem Schwangerenfond „Kultur des Lebens“ ein neues Projekt der Stiftung, welches Schwangerenberatungsstellen unterstützt und fördert, die keine staatliche Finanzierung bekommen, weil sie keine Beratungsscheine für straffreie Abtreibungen ausstellen. So entstand auch die inzwischen sehr erfolgreiche Beratungsinitiative „1000plus“. Seit 2009 war meine Großmutter als Schirmherrin dieser Organisation tätig. In „1000plus“ sah sie eine Möglichkeit, schwangere Frauen und Familien in Not liebevoll, allumfassend und professionell zu beraten und zu begleiten, so dass sie sich für ihr Kind und somit für das Leben entscheiden können. Im letzten Jahr hat „1000plus“ über 15 000 Frauen beraten – eine Leistung, die meine Großmutter ausgesprochen gefreut hätte.

Neben der Stiftung Ja zum Leben und ihrem politischem Engagement war meine Großmutter auch in vielen kirchlichen Bereichen tätig. Sie war Vorstandsmitglied von Kirche in Not Deutschland, Kuratoriumsmitglied im „Forum Deutscher Katholiken“ und Schirmherrin des Kongresses „Freude am Glauben“. In der Schulpolitik wirkte sie durch die Katholische Elternschaft Deutschland. Im Jahr 2002 wurde sie auf Vorschlag von Joseph Kardinal Ratzinger von Papst Johannes Paul II. mit dem Großkreuz des Heiligen Gregorius ausgezeichnet. Von der Bundesrepublik Deutschland erhielt sie das Bundesverdienstkreuz.

Meine Großmutter war eine vielbeschäftigte und engagierte Frau. Ich hätte sie mir auch nicht anders vorstellen können. Ihr Pflichtbewusstsein und ihr starker Glaube drängten sie buchstäblich dazu, sich mit vollem Elan in ihre Projekte und Initiativen zu stürzen, da sie diese als gesellschaftlich für absolut notwendig einstufte. Die Not ungeborener Kinder und schwangerer Frauen ließ sie nicht los, daher engagierte sie sich demütig und bedingungslos für sie. Trotz der zahllosen ungeborenen Kinder hatte sie in ihrem großen Herzen dennoch immer auch Platz für ihren Mann, sechs Kinder, elf Enkelkinder und zahllose Patenkinder. Sie war stets das Zentrum unserer Familie. Unbewusst wirkte sie durch ihr Lebenswerk als Vorbild für eine ganze „pro-life Generation“ im deutschsprachigen Raum und nicht zuletzt auch für mich.

Johanna Hohenberg, 25 Jahre, Communications Analyst bei ADF International

 

Consuela Gräfin von Ballestrem, Mitglied im Stiftungsrat

„Ich unterstütze die STIFTUNG JA ZUM LEBEN, weil das „Ja zum Leben“ und die Zuwendung zum Schwachen, Kleinsten, Hilfsbedürftigen oder Sterbenden der Schlüssel zum Wohl jedes Einzelnen und der gesamten Gesellschaft ist. Dieses „Ja“ entspricht der natürlichen Grundintuition der meisten Menschen, nicht nur der Christen. Es schenkt ihnen Glück, Sinn und Selbstachtung. Dank ihrer treuen Spenderinnen und Spender kann die Stiftung Initiativen und Institutionen finanziell unterstützen, die für eine Kultur des Lebens eintreten und Müttern, Vätern und Familien in Krisensituationen helfen, „Ja“ zu ihrem noch ungeborenen Kind zu sagen.“

Rückblick