Unter karibischer Sonne

Nur 179 Quadratkilometer ist die Karibikinsel Aruba groß. Die Mehrheit der 120 000 Einwohner bekennt sich zum Katholizismus - und der Glaube zwischen Sonne und Strand ist enorm lebendig. Von Andreas Drouve

Alto Vista Chapel on Aruba island in the Caribbean
Die einsame Kapelle Alto Vista ist wohl das schönste und historisch bedeutsamste Gotteshaus der Karibikinsel Aruba. 1952 wurde die Kapelle mit dem bescheidenen Spitzturm geweiht. Foto: fotolia.de

Da reibt man sich die Augen! Welch ein befremdlicher Mix! Kleine helle Kreuze einer Via Crucis vor einem Meer aus Kakteen, die in den Himmel über Aruba stechen. Der Kreuzweg führt im Nordwestteil parallel zu einem Inlandssträßchen auf die einsame Kapelle Alto Vista zu, dem schönsten und historisch bedeutsamsten Gotteshaus der Karibikinsel. Mitte des 18. Jahrhunderts entstand hier eine erste schlichte Kapelle aus Holz, geweiht Unserer lieben Frau vom Rosenkranz. Da im Laufe der Zeiten andernorts Pfarrkirchen entstanden, verlor Alto Vista an Bedeutung und verfiel vorübergehend in Ruinen – doch die Magie dieses Platzes blieb bestehen, hier auf einem Hügel der 179 Quadratkilometer großen Insel mit Aussicht auf das leuchtende Blau der Karibik.

1952 wurde eine neue Kapelle geweiht, die einen bescheidenen Spitzturmaufsatz trägt. Das Portal steht täglich von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang offen. Immer wieder finden sich Gläubige ein, lassen sich auf den Holzbänken zu Gebet und Einkehr nieder. Eine warme Brise fährt ins Innere. Der Boden ist mit schwarz-weißen Steinquadraten ausgelegt, an den Seiten zieren Minireliefs vom Kreuzweg die Wände. Die Frontwand um den Altar ist türkis gestrichen. In einer hellblauen Nische zieht die in ein orangeblaues Gewand gehüllte Jungfrau mit dem Kind die Blicke an, umgeben von Gaben aus Kunstblumen und zwei Rosenkränzen, einer davon mit einem eigenwilligen Christuskopf. Die Kerzenopfer bringen die Gläubigen selber mit. Jeder weiß, dass auf einem Bänkchen vor dem Altar die Streichholzpackung liegt.

Neun lebendige Pfarrgemeinden

Bei Temperaturen um 30 Grad kommt man herein, der Hitze entsprechend gekleidet, auch mal in Flipflops und Muskelshirts, aber stets mit gebührendem Respekt. Wer zusätzlich Besinnung und Stille sucht, betritt außerhalb der Umfassungsmauern der Kapelle das „Friedenslabyrinth“, bestehend aus Steinmustern auf dem Boden. Hier ist das touristische Aruba des Kreuzfahrthafens in der Hauptstadt Oranjestad und der Vorzeigestrände Palm Beach und Eagle Beach mit ihren Hotelkästen weit, weit weg.

Kleine helle Kreuze eines Kreuzwegs stehen vor einem Meer aus Kakteen
Welch ein befremdlicher Mix! Kleine helle Kreuze eines Kreuzwegs stehen vor einem Meer aus Kakteen. Foto: Drouve

Aruba ist ein autonomes Anhängsel der Niederlande, zu den Kleinen Antillen gehörig, nur 25 Kilometer von der südamerikanischen Küste zu Venezuela entfernt. Die Mehrheit der 120 000 Einwohner bekennt sich zum Katholizismus, aber auch Baptisten, Methodisten, Protestanten und Anglikaner sind vertreten. Für die Katholiken gibt es neun Pfarrgemeinden – und zwar enorm lebendige! Die Teilnahme am sonntäglichen Gottesdienst zählt für viele Arubianer ungebrochen zur Tradition, zur Bereicherung ihres Alltags. So wie in Oranjestad in der Kirche San Francisco di Asis, neben deren Haupteingang sich Palmblätter im Wind wiegen. Im langgestreckten, hallenartigen Innern schlägt einem die Kühle der Klimaanlage entgegen. Die Beleuchtung durch Neonlicht wirkt nüchtern, doch das tut dem Glauben keinen Abbruch. Sonntags sind vier Gottesdienste angesetzt, während der übrigen Tage ist es jeweils einer. Bei den Gläubigen findet sich ein Querschnitt der bunten Inselgesellschaft ein, die aus sage und schreibe 98 Nationalitäten besteht. Und: Die Reihen sind bestens gefüllt bei den Messen, auch von Familien mit Kindern. Dann ist die gelebte Freude des Glaubens greifbar. Es knistert regelrecht in der Luft. Die Gesänge, auch vom kleinen Chor auf der Empore, kommen voller Inbrunst daher. Am Ende brandet sogar Applaus für den von Gitarrenspiel begleiteten Chor auf.

Eine Messe gibt Fremden gleichzeitig eine gute Gelegenheit, Bekanntschaft zu machen mit Papiamento. Das nämlich ist, neben Niederländisch, die offizielle Sprache auf der Insel. Ein Mix, in den Elemente aus dem Spanischen, Portugiesischen, Englischen und sogar Deutschen eingeflossen sind. „Danke“ heißt auf Papiamento „Danki“. Einen englischsprachigen Gottesdienst hält Pfarrer Santiago Tomasik einmal wöchentlich, sonntags um elf Uhr, im Distrikt Noord in der Kirche Santa Anna ab. Dann kann derart starker Andrang herrschen, dass die Gläubigen bis zur Tür hinaus stehen; oft sind 300 Menschen anwesend. Die Kirche ist in seichtem Orangeanstrich gehalten und der mittlerweile fünfte Sakralbau an selber Stelle. Ein Tornado, der Dach und Mobiliar im August 2011 zerstörte, erforderte die komplette Renovierung. Bei Gottesdiensten fährt man direkt ans Kirchengebäude ran und parkt dort. Türen und Fensterläden stehen offen, statt Aircondition sorgen im Innern Ventilatoren für klimatische Linderung. Künstlerisches Prunkstück ist der aus Eiche und Kupfer gearbeitete Hochaltar, ein Werk des Bildhauers Hendrik van der Geld (1838–1914). „Der niederländische Michelangelo“, zieht Pfarrer Santiago Tomasik in leichter Übertreibung einen Vergleich heran.

Pfarrer Santiago, der eigentlich Wieslaw heißt

Auf jeden Fall, so Tomasik, sei das Retabel der Stolz der Diözese, die ihren Sitz auf der südöstlichen Nachbarinsel Curaçao hat. Mit Vornamen heiße er eigentlich nicht Santiago, sondern Wieslaw, aber das könne niemand richtig aussprechen, erklärt der Pfarrer. Er stammt aus Südpolen, genauer: aus der Nähe von Krakau. Seit über drei Jahrzehnten ist der 57-Jährige in der Karibik tätig und hat hier seine Erfüllung gefunden. Zu Beginn war er fünf Jahre auf Bonaire, dann zehn Jahre auf Curaçao, jetzt im 17. Jahr auf Aruba.

Maria mit dem Jesuskind.
Blickfang im Innern der Kapelle: Maria mit dem Jesuskind. Foto: Drouve

Tomasik ist ein Multisprachtalent, Papiamento beherrscht er wie Polnisch, Englisch, Spanisch. Was macht die Glaubenskraft hier auf Aruba aus? Da weiß Tomasik gleich Antwort: „Glauben mit der Inbrunst und Seele der Latinos, gepaart mit jener Strenge und Ordnung, die den frühen Patres aus den Niederlanden zu danken ist.“ Das hält er für die ideale Kombination, nicht nur beim Christenglauben an sich, sondern auch in sozialen Belangen. Respektvoll erinnert er an seine Vorgänger, die „immer volksverbunden“, nie abgehoben waren. „Die Kirche hier war immer mit dem Volk, und für das Volk war die Kirche alles“, so Tomasik. Dann bittet er den Chronisten ins Pfarrhaus, bietet ihm Kaffee und Wasser an. Er holt alte Bücher und Dokumente hervor und unterstreicht, wie detailliert selbst die Buchführung bei den niederländischen Patres ablief, „alles war bestens organisiert“. Bei der Frage nach heutigen Problemen kommt ihm die steigende Emigration in den Sinn, vor allem aus dem nahen Venezuela. Und was macht ein in der Karibik tätiger Pfarrer in seiner Freizeit? Früher auf Bonaire liebte er Tauchgänge, Fischfang mag er. Manchmal fährt er auf einem Fischerboot raus oder angelt einfach vom Ufer aus. Und gelegentlich gehe er an der Nordwestküste der Insel schwimmen, entweder an der Eagle Beach oder Arashi. Die Hitze macht ihm ein wenig zu schaffen, da sei Abkühlung gut. Bemerkt er, trotz voller Kirchenbänke mit einem erstaunlichen Anteil an jüngeren Leuten, bröckelnden Zuspruch? „Vielleicht ein ganz klein wenig im Vergleich zu früher“, sagt Tomasik, „aber das raubt mir nicht den Schlaf.“