Mehr als Pizza und Pompeji

Eine Reise in die süditalienische Stadt Neapel bietet für Katholiken viel Sehens- und Staunenswertes: Beeindruckende Kirchen, einzigartige Klöster und ein Wunder - mindestens eins. Von Josef Bordat

Aerial view of Naples (Napoli) with Mt Vesuvius at sunset, Italy
Das katholische Christentum hat Neapel geprägt – und tut dies nach wie vor mit seinen Kirchen, Klöstern, Heiligen und prächtigen Prozessionen. Foto: fotolia.de

Neapel, die Stadt am Fuße des Vesuv, von dessen zerstörerischer Kraft die Ruinenstädte Herculaneum und Pompeji zeugen, begrüßt den Besucher stets mit angenehmen Temperaturen und Sonnenschein. In der Hauptstadt Kampaniens gibt es keine ruhigen Ecken. Wer die Ruhe schätzt, muss mit der Fähre nach Capri übersetzen – oder auf Angela Merkels bevorzugte Urlaubsinsel Ischia. Die Gassen und Plätze Neapels sind voller Menschen, Tag und Nacht. Es riecht abwechselnd nach Pizza, Espresso und Vespa-Abgasen. Der Straßenverkehr scheint nur tendenziell irgendwelchen Regeln zu folgen. Aus dem Stimmengewirr erhebt sich gelegentlich ein lauter Ruf – die Pizza ist fertig oder jemand hat noch Fisch zu verkaufen. Spielt der SSC Neapel, verwandelt sich die Altstadt in eine himmelblaue Fanmeile. Bei all der positiven Stimmung bedrückt es ein wenig, dass auf einem halben Kilometer Einkaufsmeile mehrere gepanzerte Fahrzeuge stehen und man zwischen Soldaten mit Maschinengewehren im Anschlag bummelt. Verstehen kann man sie, die Botschaft Roms an die neapolitanische Mafia, die zugleich die Kleinkriminalität auf den Straßen senkt. Doch etwas gewöhnungsbedürftig ist es schon.

Die unübersehbare Militärpräsenz ist nicht das einzig Besondere an Neapel. Vor allem der Reichtum an Kunstschätzen und Artefakten der antiken Alltagskultur, die im Archäologischen Nationalmuseum zu bewundern sind, ist beeindruckend. Vieles stammt aus Pompeji, der römischen Hafenstadt, die im Jahre 79 von der Asche des feuerspeienden Vesuv vollständig bedeckt und erst ab dem 18. Jahrhundert nach und nach freigelegt wurde – die Ausgrabungsarbeiten sind immer noch nicht abgeschlossen. Ein Tagesausflug lohnt sich. Ebenso wie ins ehemalige Feriendomizil der Reichen und Schönen des Alten Rom – Herculaneum. Die archäologische Stätte ist viel überschaubarer als das riesige Gelände von Pompeji, zeigt aber ebenfalls zahlreiche Zeugnisse des Lebens in der Antike, das auch dort ein so jähes Ende fand.

Und dann ist es natürlich das Christentum katholischer Konfession, das Neapel geprägt hat und nach wie vor prägt, die Kirchen und Klöster der Stadt, die von den Einheimischen besonders verehrten Heiligen, die prächtigen Prozessionen und die berühmten Krippen im typischen Stil der Region. Gefühlt jedes dritte Haus in der Altstadt ist eine Kirche – nicht immer gleich als solche zu erkennen, aber doch zumeist sehenswert. Im Dominikanerkloster kann man die Zelle Thomas von Aquins besichtigen, in der er während seiner Zeit in Neapel gelebt und gearbeitet hat. Es ist die nächstgelegene zur Kapelle. Zeichen seiner Frömmigkeit, aber auch der Rücksichtnahme auf den nicht gerade sportlichen Ordensmann.

Im Dom wird das Blut des Stadtheiligen San Gennaro (Januarius) aufbewahrt, das sich regelmäßig verflüssigt, am Samstag vor dem 1. Mai, am 19. September, dem Festtag des Heiligen (Januarius wurde während der Christenverfolgung unter dem römischen Kaiser Diokletian am 19. September 305 enthauptet), und am 16. Dezember. Das „Blutwunder von Neapel“ ist erstmals für das Jahr 1389 belegt. Seitdem geschieht es dreimal im Jahr. Skeptiker vermuten, dass es sich bei dem Ampulleninhalt um eine thixotrope Substanz handelt, der zur Farbgebung lediglich etwas Blut beigemischt wurde. Solche Stoffe sind im Ruhezustand gelartig und erscheinen damit fest, können sich aber durch Schütteln verflüssigen. Das habe man auch schon im Spätmittelalter gewusst. Die ruckartigen Bewegungen der Träger während der Prozession sowie das Drehen der Ampulle durch den Zelebranten löse die Verflüssigung aus. Im Labor ließe sich das zeigen. Für die katholischen Neapolitaner steht indes fest: Es ist das Blut des Heiligen, das sich verflüssigt. Ein Ausbleiben des Wunders wird als schlechtes Omen für die Stadt gedeutet – möglicherweise erwacht dann der seit 1944 schlafende Vesuv. Als das Blutwunder 1980 ausblieb, brachten die Neapolitaner das Erdbeben in der Irpinia damit in Verbindung, mit fast 3 000 Toten die verheerendste Naturkatastrophe der italienischen Nachkriegsgeschichte.

Wie dem auch sei – in der Domschatzkammer wird es wieder ganz konkret. Dort kann man wertvollen Schmuck für die Silberbüste bestaunen, in der die Ampulle mit der wundersamen Flüssigkeit aufbewahrt wird. Eine mit Gemmen übersäte Mitra und ein Edelstein-Collar, für dessen Anfertigung viele Bürger Neapels spendeten. Der Heilige Januarius ist nicht nur Stadtpatron, er ist die Identifikationsfigur für die Neapolitaner. Der beeindruckendste Sakralbau Neapels ist jedoch nicht der Dom, sondern die Jesuitenkirche Gesu Nuovo, die gegenüber dem Kloster Santa Chiara liegt. Äußerlich unscheinbar, überrascht Gesu Nuovo den Besucher durch einen gigantischen Innenraum. In ihr wird der 1987 heiliggesprochene Arzt Giuseppe Moscati verehrt, sein Arbeitszimmer kann besichtigt werden. Von zahlreichen Heilungen durch den Mediziner, der ebenso fromm wie volksnah gewesen ist, zeugen Votivtäfelchen in verschiedenen Räumen der Kirche. Lauter ganz persönliche Wundererfahrungen. Dass Gesu Nuovo überhaupt noch in der bestehenden Form existiert, ist selbst ein kleines Wunder: eine Fliegerbombe explodierte nicht.

Nicht so gut erging es im Zweiten Weltkrieg dem Kloster Santa Chiara, das sich durch seinen kunstvoll gefliesten Kreuzgang einen Namen gemacht hat. Die Klosterkirche wurde 1943 bei einem Bombenangriff zerstört. Das wiederum eröffnete die Chance zum Rückbau der im Barockstil ausgestatteten Kirche in ihre ursprüngliche gotische Form. So erstrahlt sie heute auf ihre ganz eigene Weise in der Schlichtheit eines Gotteshauses aus dem 14. Jahrhundert. Die Franziskaner, die heute im Kloster Santa Chiara leben, deuten die baulichen Maßnahmen spirituell: als Wiederentdeckung der Quelle.

Die Quelle neapolitanischer Gastronomie ist die Tomate und der Büffelmozzarella. Beides zusammen ergibt eine deliziöse Vorspeise. Und danach – eine Pizza. Neapels Exportschlager, der heute auf der ganzen Welt bekannt ist, entstammt einer Zeit, in der Armut und Not erfinderisch machten. Mit einfachsten Mitteln musste eine Mahlzeit zubereitet werden. Und tatsächlich: Es gelang. In Neapel ist die Pizza Teil des „Street-Food“-Angebots, es gibt sie zusammengefaltet auf die Hand. Die 1984 gegründete „Associazione Verace Pizza Neapolitana“ kümmert sich derweil darum, dass die berühmteste Tochter der Stadt, die „wahre neapolitanische Pizza“, so bleibt, wie sie ist. Ein elfseitiges Regelwerk zur Herstellung, den Zutaten und den erforderlichen Geräten gibt detailliert Auskunft darüber, wie man das „Reinheitsgebot“ achtet. Mit ihrer Pizza verstehen sie keinen Spaß.

Ansonsten ist „Lebensfreude“ vielleicht der geeignetste Begriff, sich dem Stil der Neapolitaner anzunähern. Und wer genug hat von der Stadt und auch dem Inselurlaub nichts abgewinnen kann (oder der Kanzlerin aus dem Weg gehen will), für den bieten sich auf der sorrentinischen Halbinsel und an der Amalfiküste viele Möglichkeiten für ausgedehnte Wanderungen, immer mit Blick aufs Meer.