Dublin

Im literarischen Dublin

Seit Jahrhunderten ist die irische Hauptstadt ein Zentrum für Schriftsteller - An vielen Ausstellungsorten kann man heute leicht in die oft abenteuerlichen Dichterphantasien eintauchen.

Hinter zwei Ahnenreihen von Marmorbüsten beherbergt der „Long Room“ des Trinity College 200 000 der ältesten Bücher der Bibliothek. Foto: Trinity College

Wer möchte sich schon nachts mit schwarzen Panthern herumärgern? Einem irischen Schriftsteller kann so etwas passieren. Überhaupt sind irische Dichter etwas ganz Besonders und kaum sonst werden die Hommes de lettres so verehrt wie in Dublin – ja Dublin ist geradezu die Hauptstadt der Literatur, sogar die „UNESCO-Stadt der Literatur“. Ob auf den Bildergalerien der unzähligen Pubs oder den goldenen Stolpersteinen auf den Gehwegen – überall sind die Schriftsteller gegenwärtig. Immerhin gab es auch vier irische Nobelpreisträger: William Butler Yeats (1923), George Bernhard Shaw (1925), Samuel Beckett (1969) und der 2013 verstorbene Seamus Heaney (1995). Verehrt werden aber auch noch zwei andere Söhne der Stadt: James Joyce und Oscar Wilde, von dem Zitate auf Schritt und Tritt zu finden sind. James Joyce aber hat die Stadt selbst zum Thema seines Romans „Ulysses“ (1922) gemacht. Wer ihn gelesen hat, der hat zugleich den Stadtplan der Hauptstadt gelernt. Die Geschichte spielt am 16. Juni 1904 und beschreibt die Odyssee des Anzeigenaquisiteurs Leopold Bloom, der in der noch existierenden Drogerie Sweny's Shop Zitronenseife kauft, in Davy Byrnes Pub ein Gorgonzolabrot mit Rotwein zu sich nimmt, was Joyce-Fans dort heute noch gern tun; Bloom nimmt aber auch an einer Beerdigung teil, besucht die prächtige Nationalbibliothek oder auch ausführlich eine Zeitungsredaktion. Die Ereignisse sind Grund genug für Joyce-Fans aus aller Welt, am Tag der Romanhandlung den Bloomsday zu feiern. Doch so wenig sich im Roman über Alltäglichkeiten hinaus ereignet, so ungewöhnlich waren doch die Geschehnisse in dem Turm für Joyce selbst, in dem der Roman gleich im ersten Satz beginnt.

Dart-Bahn direkt am Meer

Der Joyce-Turm ist leicht in zwanzig Minuten mit der S-Bahn Richtung Süden der Stadt erreichbar. Die Dart-Bahn fährt einen wunderbaren Weg direkt am Meer entlang in den Dubliner Vorort Sandycove, wo der Turm am Ende einer Bucht auf einem Hügel sichtbar wird. Hier herrscht mediterrane Atmosphäre, Palmen in den Vorgärten der hübschen Einzelhäuser und Yachten im Hafen. Vor einer kleinen steinigen Küste, an der die Gischt meterhoch aufspritzt, dann der Turm. Er war ursprünglich als Verteidigungsposten mit Kanone gegen die napoleonische Flotte mit 50 anderen Türmen an der Küste zu beiden Seiten Dublins gebaut. Es war der irische Schriftsteller und Politiker Oliver St. John Gogarty, der hierher Dichter zu Diskussionen einlud; nach Gogarty sind auch ein beliebtes Pub mit Live Musik und ein Hotel in Dublin benannt. Den jungen an Geldmangel leidenden Joyce – dessen Vater hatte das Familienvermögen verspielt und vertrunken – lud er 1904 ein, eine zeitlang hier zu wohnen. Doch schon nach wenigen Tagen hatte ein weiterer Mitbewohner des Turmzimmers, Gogartys Freund und Sohn des Erzbischofs Richard Chenevix Trench, Samuel Dermot Chenevix Trench, der an mentalen Problemen litt, wie die Turmführung erklärt, in einem Alptraum einen schwarzen Panther vor dem offenen Kaminfeuer gesehen. Er zog seine Pistole und schoss auf die Wahnvorstellung, Gogarty entwand ihm die Pistole und feuerte auf die an der Decke hängenden Kochtöpfe. Von dem unglaublichen Spektakel zwischen den engen dicken Steinmauern war natürlich auch Joyce erwacht, verstand die Botschaft seines Gönners, packte seine Sachen und verschwand über die Leiter nach draußen, um nach Zürich auszuwandern. Im Roman „Ulysses“ wurde dann Gogarty Vorbild für die Figur des Buck Mulligan, der sich im ersten Satz des Romans auf dem Rundgang des Turms rasiert: „Stattlich und feist erschien Buck Mulligan am Treppenaustritt, ein Seifenbecken in den Händen, auf dem gekreuzt ein Spiegel und ein Rasiermesser lagen.“

Sehenswert: Joyce Center in der North Great George Street

Wer seine Joyce-Kenntnisse nach dem herrlichen Turmbesuch noch vertiefen möchte, hat dazu im Joyce Center in der North Great George Street 35 im nördlichen Dublin Gelegenheit, in dem Joyce aber nie wohnte. Sind im Turm der Spazierstock von Joyce oder eine bunt gepunktete Krawatte, die er einst seinem Schriftteller-Kollegen Samuel Beckett geliehen hatte, zu sehen, so gibt es hier im hübschen Bürgerhaus georgianischen Stils neben Gemälden ein Arbeitszimmer zu bewundern, oder die ehemalige Eingangstür von Eccles Street 7, wohin sich Joyce seinen Leopold Bloom samt Ehefrau Molly im „Ulysses“ phantasierte – damals ein leerstehendes Haus. So waren Phantasie und Wirklichkeit verbunden. Wer nicht die Zeit mitbringt, hier Vorlesungen oder Seminare zu besuchen, kann aber eines der beengten Zimmer sehen, wie sie Joyce bewohnt hat, und in dem das Bett den meisten Platz einnimmt.

Details zum bekanntesten Schriftsteller Dublins

Weitere Details zum bekanntesten Schriftsteller Dublins gibt es gleich um die Ecke am Parnell Square. Hier grenzt direkt an die neogotische Presbyterianische Kirche, die als eine der schönsten in Irland gilt, das Dublin Writers Museum an. Hier werden die irischen Schriftsteller von den Anfängen der Moderne mit Jonathan Swift („Gullivers Reisen“ , 1726) bis in die Gegenwart in stattlichen Räumen präsentiert. Weitere Autoren mit internationalem Status sind hier im ersten Raum Congreve, Goldsmith und Sheridan. Thomas Moore und seine Nachfolger machten Irland dann auch zum Thema ihrer Werke. Irlands dunkle Phantasien stellte Bram Stoker in „Dracula“ dar, auch Oscar Wilde und Bernard Shaw sind gleich zu Anfang Thema im Museum. Im zweiten Raum dominieren die literarischen Giganten des zwanzigsten Jahrhunderts wie Yeats und Sygne, Joyce, O'Casey sowie die vielfarbige Gestalt des schon genannten Oliver Gogarty. Diese Dichter des frühen vorigen Jahrhunderts hatten teils mit dem Aufstieg des Abbey Theaters zu tun, auf jeden Fall aber mit der kraftvollen Erneuerung der irischen Literatur wie mit den Kämpfen um die Unabhängigkeit des Landes – auch hier spielte Gogarty wieder eine spektakuläre Rolle, der während des irischen Bürgerkriegs von der IRA verhaftet werden sollte und nur durch einen beherzten Sprung in den Fluss Liffey dem Kugelhagel entkam. Das Museum zeigt auch persönliche Gegenstände wie die Schreibmaschine von Samuel Beckett, Mary Josephine Lanvis' Teddybär oder die Gewerkschaftskarte von Brendan Behan. Neben Briefen und Dichter-Fotos gibt es auch eine Abteilung für Kinderbuchliteratur.

Zeit für eine Stärkung, denn jetzt geht es weiter zu Fuß Richtung Süden in den Stadtteil unterhalb der Liffey mit ihren vielen Brücken. Die Stadt ist übersichtlich und wer gut zu Fuß ist, kann jedes Ziel leicht erreichen. Der Weg führt über die O'Connell-Brücke, benannt nach dem einflussreichen Politiker Daniel O'Connell (1775-1847), der sich für die Gleichberechtigung der Katholiken im Land einsetzte, denn es gab damals noch Gesetze gegen Katholiken wie eine Abgabe des Zehnten an die Anglikanische Kirche. In seinem Versuch, die Union zwischen Irland und Großbritannien zu beenden, scheiterte er jedoch. Im südlichen Teil der Stadt nun, besonders in Bereich Temple Bar, reiht sich Pub an Pub, in denen man gut essen kann. Wer auch hierbei literaturbeflissen sein will, wird die gebratene Niere, wie sie Leopold Bloom im „Ulysses“ so gern mochte, eher selten finden. Doch gibt es zuweilen noch Nieren-Pies und Stew – ein Eintopf aus Kartoffeln, Fleisch und Gemüse, wie es Tradition ist. Der „Ulysses“ gibt Einblicke in die damalige Küche: „Mr. Leopold Bloom aß mit Vorliebe die inneren Organe von Vieh und Geflügel. Er liebte dicke Gänsekleinsuppen, leckere Muskelmägen, gespicktes Bratherz, paniert kross geröstete Leberschnitten, gerösteten Dorsch- rogen. Am allerliebsten hatte er gegrillte Hammelnieren, die seinem Gaumen einen feinen Beigeschmack schwachduftigen Urins vermittelten.“

Literarischer Höhepunkt nach kulinarischem Genuss

Nach solch köstlichen Mahlzeiten steht nun ein besonderer literarischer Höhepunkt der Stadt bevor: Das „Buch von Kells“ im Trinity College. Der Campus der Universität, die 1592 im Herzen der Stadt nach dem Vorbild von Oxford und Cambridge von Königin Elisabeth gegründet wurde, gehört zu den schönsten der Welt; allein die Bibliothek mit ihren drei Millionen Büchern in acht Gebäuden ist überwältigend. Die Hauptkammer ist der hohe Long Room mit 200 000 der ältesten Bücher hinter zwei Ahnenreihen von Marmorbüsten von Aristoteles bis zu den Klassikern der englischsprachigen Literatur und Philosophie. Unter dem Raum befindet sich das „Buch von Kells“ in der Dauerausstellung „Die Finsternis in Licht verwandeln“ . Das Buch wurde vor mehr als tausend Jahren geschrieben, als die irische Kirche größtenteils in Klöster gegliedert war. Es ist eine prächtige und reich verzierte Abschrift des lateinischen Textes der vier Evangelien mit ganzseitigen Abbildungen von Christus, Maria und den Evangelisten. Das Buch wird auf den Heiligen Colum Cille (521–597) zurückgeführt, der sein bedeutendstes Kloster um das Jahr 561 auf der Insel Iona an der westlichen Küste Schottlands gründete. Es wird vermutet, dass die Mönche des Klosters das Buch zu Beginn des 9. Jahrhunderts auf Iona, wahrscheinlich aber auch in Kells in der irischen Grafschaft Meath geschrieben haben, wohin sie 806 umzogen. Während der Feldzüge Oliver Cromwells wurde der Schatz 1653 zur Sicherheit nach Dublin gebracht.

National Library mit Dauerausstellung zu William Butler Yeats

Nicht verpassen sollte man schließlich auch die vom Trinity College wenige Straßen entfernte Dauerausstellung zu William Butler Yeats (1865–1939) in der National Library. Hier befindet sich auch die weltweit größte Sammlung von Werken des Schriftstellers, der der irischen Dichtung zu einer Erneuerung und Vertiefung ihrer mythisch-keltischen Grundlagen verholfen hat. Dem Klang seines wohl berühmtesten Gedichts „The Lake Isle of Innisfree“, von Henry David Thoreau („Walden“) beeinflusst, kann der Besucher hier lauschen und dem Wunsch des Dichters folgen, auf der Seeinsel von Innisfree im nördlichen Irland eine Hütte zu bauen. Pound, Joyce und Eliot nahmen die Motive seiner Dichtung auf.

Eines hat sich nicht verändert: Noch heute kann der Interessierte in Pubs auf Literaten und Journalisten treffen. Die hochprozentigen Treffpunkte wie Davy Byrne's, McDaid's, Toner's oder The Duke waren schon vor hundert Jahren beliebt und zeigen das auch mit Erinnerungsfotos an ihren hölzernen Wänden.