Asyl für das Jesuskind

Die Unesco will das Gedenken des Besuchs der Heiligen Familie in Ägypten in die Liste des „immateriellen Kulturerbes“ aufnehmen. Sogar ein „Pilgerweg der Heiligen Familie“ ist geplant. Von Michael Hesemann

Die Katze galt den Ägyptern als heiliges Tier einer Göttin, deren Tempel sich einst an der Stelle dieses Trümmerfeldes e... Foto: Hesemann

Es ist, als sei kein Stein auf dem anderen geblieben. Trümmer, so weit das Auge reicht, gleichmäßig über ein quadratisches Feld von rund 200 Metern Seitenlänge verteilt. Eher ein gigantischer Schuttplatz als eine Ruine. Strukturen, etwa die Umrisse von Gebäuden, sind nicht mehr zu erkennen. Nur wenige wieder aufgerichtete Stelen, mit Hieroglypheninschriften und den Kartuschen altägyptischer Königsnamen geschmückt, zeugen davon, dass hier einst ein antiker Tempel stand.

Mehr als dieses steinerne Chaos verraten uns die umherstreunenden Katzen, wo wir sind. Auch sie haben einmal bessere Zeiten gesehen. Die Katze galt den Ägyptern des Altertums als heiliges Tier einer Göttin, deren Tempel sich einst an der Stelle dieses Trümmerfeldes erhob. Es trägt noch immer ihren Namen: Tell el-Basta, „der Hügel der Bastet“. Bei den Griechen hieß der Ort Bubastis. Ihre Verehrung reicht zurück in die Frühzeit Ägyptens. Schon in der 2. Dynastie, um 2 800 v. Chr., war die einstige Stadtgöttin im ganzen Land bekannt. Pharao Amenemhet I., ein Zeitgenosse Abrahams, bezeichnete sich als „Sohn der Bastet“; Ramses II., den viele für den Pharao des Exodus halten, machte die Tempelstadt zur Hauptstadt des 18. Ägyptischen Gaus. Seine Blütezeit erlebte Bubastis jedoch, als Pharao Scheschonk es kurzfristig zu seiner Hauptstadt erklärte. Unter dem Namen Schischak finden wir ihn auch in der Bibel; er fiel 925 v. Chr. über Jerusalem her und raubte den Tempel aus (1 Kön 14,25–26). Von der Beute, darunter den goldenen Schilden Salomons, ließ er den Tempel seiner Göttin prächtiger denn je ausbauen. Es dauerte fast ein Jahrtausend, bis ein anderer „König der Juden“ ihn zum Einsturz brachte, wie es heißt.

Die Flucht der Heiligen Familie nach Ägypten ist eines der geheimnisvollsten Kapitel der Kindheitsgeschichte Jesu. Nur der Evangelist Matthäus hat sie überliefert. Dabei war nichts an ihr ungewöhnlich, hatten Juden doch seit Jahrhunderten schon Zuflucht am Nil gesucht. So hatte Alexandria die größte jüdische Auslandsgemeinde der antiken Welt, zu deren Mitgliedern nicht wenige politische Flüchtlinge und Herodesgegner zählten. In ganz Ägypten gab es damals über eine Million Juden und sogar einen Nachbau des Jerusalemer Tempels.

Tatsächlich hat sich in zahlreichen Lokaltraditionen des Nillandes eine Erinnerung an den Besuch des Jesusknaben erhalten. Vieles davon mag legendär sein, doch oft genug lässt sich die Verehrung ihrer Stätten bis in die Frühzeit der Kirche zurückverfolgen. Trotzdem dauerte es fast 2 000 Jahre, bis die ägyptischen Christen, die Kopten, den Versuch unternahmen, diese Stätten zu kanonisieren. So trafen sich der koptische Patriarch Schenouda III., sein katholischer Amtsbruder Stephanus II., Ägyptens Premierminister Atef Ebeid, Außenminister Amr Musa und der muslimische Scheich Mohammed Sayed al-Tantawi am 1. Juni 2000 in der Kirche von Ma'adi am Ufer des Nils, um der Ankunft Jesu, Marias und Josephs zu gedenken. Damals veröffentlichte Shenouda III. eine persönlich approbierte Karte ihrer Reiseroute, wie sie mit größtmöglicher Genauigkeit von einer mit dieser Aufgabe betrauten Expertenkommission rekonstruiert worden war.

19 Jahre später plant die UN-Kulturorganisation UNESCO, das Gedenken an den Besuch in die Liste des „immateriellen Kulturerbes“ aufzunehmen. Ein Expertenteam mehrerer ägyptischer Ministerien arbeitet derzeit an einer Dokumentation der Feiern in der nordägyptischen Provinz Scharkia, wo Tell el-Basta liegt. Der Gouverneur von Scharkia hofft auf die Entwicklung des einheimischen und ausländischen Tourismus. So stellten Vertreter der ägyptischen Regierung schon 2017 im Vatikan ihren Plan zur Förderung eines „Pilgerweges der Heiligen Familie“ vor. Kein Zweifel besteht, dass Tell el-Basta, nur eine Stunde nordöstlich der Metropole Kairo gelegen, zu seinen faszinierendsten Stätten gehört.

Tatsächlich war Scharkia, das biblische Land Gosen, ein logisches Ziel. Hier siedelten sich zur Zeit des Patriarchen Joseph die Israeliten an, hier leisteten sie ihre Frondienste für den Pharao, hier begann der Exodus. Die Ruinen von Tell el-Maskuta konnten von Archäologen als die freilich recht kläglichen Überreste des biblischen Pithom identifiziert werden, bei Tell el-Kebir lag das Vorratslager Ramses. Die wichtigste Stadt dieser Region aber war, zumindest zur Zeitenwende, noch immer das prächtige Bubastis. Schon der koptische Patriarch Theophilus, der im späten 4. Jahrhundert nach einer Marienvision alle verfügbaren Traditionen zur Flucht der Heiligen Familie akribisch sammelte, wusste von dem Wunder, das sich ereignet haben soll, ebenso das apokryphe „Armenische Kindheitsevangelium“ aus dem 6. Jahrhundert, das älteren syrischen Quellen folgte. Weitere Details lieferte der gelehrte Bischof Zacharias von Sakha, der im 7. Jahrhundert sorgfältige Quellenstudien betrieb.

Ein Bauer namens Klum, so heißt es, habe der Heiligen Familie erst Wasser angeboten, sie dann in sein Haus eingeladen. Dort, wo heute die Mar Girgis-Kirche von Zagazig steht, heilte das Jesuskind seine gelähmte Ehefrau. Aus Dankbarkeit wollte er ihm das jährliche Fest der Katzengöttin in Bubastis zeigen, das jedes Jahr um den 3. Juni begann. Das „Schöne Fest der Trunkenheit“, wie es auch genannt wurde, nahm zeitweise orgiastischen Charakter an. Gesegnet von der Göttin wollte kein Pilger die Nacht allein verbringen. Neun Monate später, Anfang März, kamen die Kinder zur Welt, an deren Väter sich die Mütter nicht mehr erinnern konnten. Da sie beim Fest der Bastet gezeugt worden waren, nannte man sie „Bastarde“.

An den Tagen aber erwartete den Pilger ein farbenprächtiges Spektakel. In Prozessionen wurden prachtvoll ausstaffierte Katzen, die heiligen Tiere der Bastet, in kleinen Sänften durch die Tempelanlage getragen. Von Zimbeln und Trommeln begleitet, besangen Priester ihre Göttin. Der Tempel selbst bestand aus rotem Granit, in seinem Innenhof erhob sich, von Bäumen umgeben, das Standbild einer Katze. „Andere Tempel waren vielleicht größer und aufwändiger, aber keiner erfreute das Auge so sehr“, schwärmte einst der griechische Reisende Herodot. Nur der Heiligen Familie war der heidnische Kult zuwider. Kaum hatte das Jesuskind den Tempel betreten, so heißt es, seien die Granitstatuen der Göttin zu Boden gestürzt und zerschmettert, habe sich die Prophezeiung des Jesaja (19,1) erfüllt: „Seht, der Herr fährt in einer leichten Wolke daher: Er kommt nach Ägypten. Vor seinem Angesicht zittern die Götter Ägyptens, den Ägyptern verzagt das Herz in der Brust.“ Doch das Jesuskind zerstörte nicht nur die heidnischen Idole, es ließ auch Wasser aus dem Tempelgelände quellen. Während die entsetzten Priester nach Soldaten riefen, um das unheimliche Kind festnehmen zu lassen und der Heiligen Familie nur mit Hilfe Klums die Flucht gelang, tranken andere von diesem Wasser – und wurden augenblicklich von Krankheiten geheilt. Der Brunnen, den sie anschließend bauten, steht noch heute. Er ist das eigentliche Geheimnis von Tell el-Basta. Erst 1991 wurde er von Mahmud Umar, Professor für Archäologie an der Universität von Zagazig, wiederentdeckt und gründlich untersucht. Sechs Jahre später stand fest: Der Brunnen war tatsächlich unmittelbar nach dem Einsturz des Tempels gebaut worden. Die ältesten Holzreste von Schöpfeimern und Tierknochen, die man in ihm gefunden hatten, stammten laut C14-Methode aus der Zeit um 20 n. Chr. Zudem zeugten Scherben von Votivgaben und kultisch genutzten Gefäßen von einer Verehrung in den ersten Jahrhunderten nach der Zeitenwende. Als daraufhin tausende Kopten sein Wasser tranken, gab es erneut Berichte von Heilungen. Doch die ägyptische Regierung sperrte den Brunnen ab, behauptete, das Wasser sei bakteriell verseucht. Gut möglich, dass er bald freigegeben und der einstige Tempel der Katzengöttin wieder zum Wallfahrtsort wird.