Furth im Wald

Alles oder nichts

Der Further Drachenstich zählt zum immateriellen Weltkulturerbe. Jedes Jahr im August bietet sich Besuchern des oberpfälzischen Städtchens ein Spektakel, das sich im Herzen jedes Einzelnen ereignet.

Further Drachenstich
Seit 2010 begeistert der neue, technisch auf dem neuesten Stand befindliche Drache Fanny die Zuschauer beim Drachenstich. Seine Flügel bringen es auf bemerkenswerte zwölf Meter Spannweite. Foto: dpa
Further Drachenstich
Seit 2010 begeistert der neue, technisch auf dem neuesten Stand befindliche Drache Fanny die Zuschauer beim Drachenstich... Foto: dpa

Christen sind auch bei Reisen klar im Vorteil. Denn während es glaubenslosen Zeitgenossen nur um den Tapetenwechsel geht, können sie die freien Tage und Wochen auch für die Vertiefung des spirituellen Lebens nutzen. Eines der möglichen Reiseziele dafür ist Furth im Wald. Dort wird es auch in diesem Jahr vom 3. bis zum 19. August um alles oder Nichts gehen. Denn wenn die Einwohnerinnen und Einwohner von Furth im Wald sich wie in jedem Sommer seit 428 Jahren rüsten, um dem gefährlichen Drachen entgegenzutreten, der das kleine Städtchen Furth im Wald an Leib und Leben bedroht, spielen sie sich in eine Geschichte hinein, die nur scheinbar eine äußerliche ist, sich in Wirklichkeit aber mitten im Herzen jedes Einzelnen von uns ereignet.

Wie wahr dies ist, lässt sich nicht zuletzt daran ablesen, dass es in Süddeutschland und Österreich eine ganze Reihe von Orten gibt, in denen regionale Drachensagen überliefert werden. Viele von ihnen reichen weit in die Zeit zurück. In der christlichen Erzähltradition verbinden sie sich mit der Gestalt des Heiligen Georg. Er, der, was weniger bekannt ist, auch als Patron bei Tierseuchen angerufen wird, wird gemeinhin mit dem Drachen als Attribut dargestellt.

Überwindung des Drachens mit religiösem Bezug

Die Geschichte der Überwindung dieses Drachens ist sehr aufschlussreich in Bezug auf seine Rolle als einer der vierzehn Nothelfer. Sie spielte sich in der Stadt Silena in Libyen ab. Dort hauste in einem See vor der Stadt ein Drachen und verpestete die Stadt mit seinem Gifthauch. Es gab also offenkundig ein Problem, das die Atmosphäre der Stadt vergiftete. Um die Situation in einem relativen Gleichgewicht – des Schreckens möchte man anfügen – zu halten, musste man dem Drachen jeden Tag zwei Lämmer bringen. Doch als keine Lämmer mehr da sind, beginnen die Bürgerinnen und Bürger, ihre Söhne und Töchter zu opfern.

Beleuchtet man diese Legende einmal im Sinne der Traumdeutung C.G. Jungs, so haben wir hier einen Konflikt vor uns, der Energie zunächst bindet, dann beansprucht und schließlich in existenzieller Weise raubt. Die Situation spitzt sich zu, als die Tochter des Königs geopfert werden soll. Da kommt wie zufällig Georg daher und verspricht ihr seine Hilfe. Der Drache erscheint. Georg macht das Zeichen des Kreuzes über ihn und durchbohrt ihn mit seiner Lanze. Dann veranlasst er die Königstochter, ihren Gürtel zu lösen und ihn um den Hals des Drachen zu legen. Indem sie dies tut, öffnet sie sich und gürtet nun den Drachen und zieht ihn hinter sich her in ihre Stadt. Das heißt, sie integriert den Konflikt nicht nur, sie trägt ihn auch als Integrierte in ihre Umgebung hinein. Dadurch bringt sie die Menschen der Stadt gehörig in Bewegung, denn die wollen zunächst weglaufen. Aber Georg bewegt sie dazu, stehenzubleiben und verspricht ihnen, den Drachen zu töten, wenn sie sich zu Christus bekehren. Somit wird das Ungeheuer machtlos, wenn der zuvor in unguten Bindungen gefangene Mensch zum Selbststand gelangt und eine neue, heilbringende Orientierung gefunden wird.

Verheutigung der Auseinandersetzung

Dass die Further diesen Zusammenhang intuitiv begriffen haben, wird am ursprünglichen Datum des Drachenstiches deutlich. Er wurde vom 16. bis ins späte 19. Jahrhundert hinein nämlich am Fronleichnamsfest gefeiert. Dadurch wurde besonders einprägsam deutlich gemacht, dass es Jesus Christus, der menschgewordene Sohn Gottes ist, der die Menschen von den dunklen Mächten befreit. 1887 verlegte man den Drachenstich in den Sommer und integrierte ihn in ein Schauspiel, bei dem sich die Stadtbewohner in die dramatisierte Handlung hineinspielen konnten.

Dass es dabei um eine Verheutigung der Auseinandersetzung geht, die sich in jeder Zeit an anderen Konflikten entzündete wird an der 1951 verfassten Version des Schauspiels von Martin Bauer deutlich. Er verlegte den Drachenstich ins Jahr 1431,  die Zeit der Hussitenkriege , von denen auch das Grenzland rund um Furth im Wald stark betroffen war. Der Grund für dieses historische Setting liegt auf der Hand. 1951, sechs Jahre nach 1945, wollte niemand mehr etwas vom Krieg hören, aber das Thema war natürlich dennoch höchst virulent. Was in der direkten Konfrontation nicht aufzuarbeiten war, sollte in der Annäherung durch einen historischen Stoff heilsam betrachtet werden. Eine gute Idee und so wurde Bauers Drachenstich-Schauspiel bis 2005 jedes Jahr in Furth aufgeführt.

Nach der Jahrtausendwende war es Zeit für eine neue, von Regisseur Alexander Etzel-Ragusa kreierte Version, die nun ab 2006 präsentiert wird. Sie bezieht sich auf die nun aktuellen Themen, nämlich die Herausforderungen, die sich in der Folge des Zusammenbruchs des Ostblockes ergeben haben. 2018 werden die Further, die während der Festwochen zum Drachenstich die alte Geschichte mehrfach für die zahlreichen Besucherinnen und Besucher zu neuem Leben erwecken, mit besonderer Begeisterung bei der Sache sein, denn der Further Drachenstich wurde in diesem Jahr in die Liste des immateriellen Kulturerbes aufgenommen, eine wichtige Anerkennung für eine bemerkenswert langlebige regionale Tradition.

Seit 2010 begeistert der neue, technisch auf dem neuesten Stand befindliche Drache Fanny die Zuschauer beim Drachenstich. Seine Flügel bringen es auf bemerkenswerte zwölf Meter Spannweite, er kann eine fünf Meter lange Feuersäule spucken und wurde als derzeit weltweit größter Roboter 2012 sogar ins Guinessbuch der Rekorde aufgenommen. Zu Recht. Denn Fanny kommt mit 1,8 Kilometern pro Stunde nicht nur relativ schnell voran, er kann auch Kopf und Flügel bewegen und verfügt über eine Reihe furchterregender Gesichtsausdrücke.

Neben dem Festzug selbst können sich die Gäste an einem Kinderfest, an einem Volksfest und am Cave Gladium erfreuen. Hinter dieser lateinischen Bezeichnung, die übersetzt „Vorsicht vor dem Schwert“ bedeutet, verbirgt sich ein mittelalterliches Spektakel, dass die Besucher zu einer Zeitreise einlädt, bei der sie durch ein Heerlager streifen, Schaukämpfe beobachten, Handwerkern über die Schultern schauen und den mittelalterlichen Weisen der Spielleute lauschen können. Für das leibliche Wohl ist selbstverständlich auch gesorgt. Deshalb steht einer Reise nach Furth im Wald nun nichts mehr im Wege.