Volendam

Offen und unter sich

Im holländischen Volendam boomt der Katholizismus - aber auch der Rechtspopulismus.

Grobe Röcke: Die Volendamer ticken etwas anders.Volendam Experience Foto: Foto:
Grobe Röcke: Die Volendamer ticken etwas anders.Volendam Experience Foto: Foto:

Dieses ehemalige Fischerdorf im Norden Hollands ist ungewöhnlich: Erstens bildet Volendam dank seiner Tracht und seines Traditionsbewusstseins einen Fluchtpunkt für die niederländische Identität, zweitens sticht Volendam durch sein hochgradig rechtspopulistisches Wahlverhalten heraus, und drittens ist Volendam eine katholische Insel in einem mehrheitlich konfessionslos-protestantischen Meer. Ob das eine mit dem anderen zusammenhängt, gilt es herauszufinden.

Die Niederlande sind ein modernes, perfekt asphaltiertes, zentimeterweise parzelliertes, effizient auf den Welthandel ausgerichtetes Land. So etwas wie niederländische Folklore gibt es kaum. Die punktuellen Ansätze einer Volksmusik führen eine Schattenexistenz, auf dem königlichen Haager Silvesterfest wird der Jahreswechsel schon mal mit einem englischen Popsong aus den Charts begangen.

So etwas wie eine Nationaltracht gibt es auch nicht. Inoffiziell spielt die Volendammer Tracht diese Rolle, verstärkt durch „Frau Antje“, der 1961 für den deutschen Markt erfundenen Werbefigur des niederländischen Molkereiverbands. Obwohl Volendam keinen eigenen Käse hat, trägt das hübsche Käsemädchen Volendammer Tracht. Nach Nacktfotos einer Antje-Darstellerin im „Playboy“ wurde die Kampagne 1998 eingestellt, seit 2000 wirbt Frau Antje wieder. Holländern ist sie eher peinlich, in Deutschland ist sie populär. Ein Drittel des 3, 7 Milliarden Euro schweren Käseexports geht nach Deutschland.

Bildungsbürgerlich rechts wird gewählt

Volendam, eine halbe Stunde nördlich des Amsterdamer Zentrums gelegen, ist ein beliebtes Ausflugsziel. Das „Markermeer“, ein eingedeichter Binnensee, war eigentlich zur Trockenlegung vorgesehen, dann hat man aber doch keine weitere künstliche Provinz gebraucht. Der Damm am Markermeer ist eine touristische Gastromeile. Asiatinnen zahlen für ein Foto in Volendammer Tracht, in der Schaukäserei wird auch auf Arabisch bedient, und die Georg-Hering-Gemälde im 1881 eröffneten holzgetäfelten Bäderhotel Spaander zeigen anno dazumal – gegrämte Gesichter, Schnapsgläser in der Hand.

Thierry Baudet, nach Pim Fortuyn und Geert Wilders der dritte rechtspopulistische Politstar der Niederlande, holte bei den Provinzwahlen im März landesweit 14 Prozent, in Volendam aber – 41. Vorher wählten sie hier Wilders. Baudet ist die bildungsbürgerliche Alternative zum rüden Koran-Verbieter Wilders. Baudet spielt Klavier, schrieb einen Liebesroman, seine Antrittsrede im Parlament hielt er auf Latein. In seinem auch auf Deutsch vorliegenden Buch „Oikophobie – Der Hass auf das Eigene und seine zerstörerischen Folgen“ verteidigt Baudet Traditionen wie den Stierkampf. Nur die echten holländischen Traditionen, die werden im Buch nicht genannt. Die muss man in Volendam suchen.

Dafür gibt es das Aktiv-Museum „Volendam Experience“. Man taucht per Spezialbrille in einen 360-Grad-Film ein, in ein sturmumtostes Fischerboot, und man steckt mitten drin, wenn der Fischer seine Angebetete im überfluteten Dorf findet. Ein Heiratsantrag, ein Ja. Die Museumsführerin ist eine Volendammerin in Tracht. „Der grobe Rock ist der schönste“, erklärt sie. Inspirierend ihr Hinweis, dass die Volendammer Arbeitstracht derjenigen des fernen Fischerdorfs Urk ähnelt.

Die frühere Insel Urk ist eine Hochburg des orthodoxen Calvinismus, 3,2 Kinder pro Frau, sonntäglicher Gottesdienstbesuch 94 Prozent. Ist Volendam ein katholisches Urk? Nicht ganz, jedenfalls enthält die Führung durch „Volendam Experience“ mehrere antikatholische Kommentare. Als die Führerin den Bettkasten zeigt, in dem die Kinder angeblich schichtweise schliefen, sagt sie missbilligend: „Wegen der Religion durften sie nicht ausgestreckt schlafen, sonst hätte sie der Teufel holen können.“ Sie erzählt, dass ihre Mutter zehn Geschwister hatte, und kritisiert, dass „der Pfarrer jedes Jahr kam“ und fragte, ob sie noch „een kindje nemen“.

Warum also wählt Volendam rechtspopulistisch? Die Führerin erklärt, dass der Tourismus nur wenige Arbeitsplätze schafft, die Mehrheit pendelt nach Amsterdam und weiter, und dass die Leute „giftig van“ werden, „wenn sie drei Jahre auf eine Wohnung warten müssen und Asylanten bekommen sofort eine“. Viele Volendammer geben zur Antwort, dass sie linke Parteien ablehnen, da „man selbst sein Geld verdienen muss“, und dass „man die Dinge beim Namen nennen muss, wenn Muslime Terroristen sind, dann muss man das sagen.“ Einige sind froh darüber, dass die von Wilders attackierten Marokkaner „nicht in Volendam, sondern eher in Edam drüben wohnen“.

Die Mehrheit der Niederländer sind konfessionslos. 23 Prozent sind Katholiken, aber nur zehn Prozent lassen ihre Kinder katholisch taufen und nur vier Prozent heiraten katholisch. Tausend Kirchen stehen vor der Schließung. Volendam hebt den Schnitt deutlich, denn laut Pfarrer sind 18 000 der 22 000 Volendammer katholisch, „1 300 kommen einmal in der Woche zur Messe“. Über der Hafenausfahrt von Volendam wacht eine filigrane Statue der Muttergottes. Die zentrale Pfarrkirche ist sehr groß, und im Leaflet zu ihrer Geschichte wird mit entwaffnender Bescheidenheit betont, dass sie keinerlei künstlerische Bedeutung hat.

Der katholische Pfarrer, in Holland „pastoor“ genannt, ist kein Volendammer. Paul Stomph wuchs nicht im Glauben auf, seinen Weg wies ihm unter anderem „eine echte niederländische Heilige“, die bettlägrige Lidwina von Schiedam. Stomph ist Witwer. Er ist seit acht Jahren in Volendam, und Volendam erstaunt ihn immer noch – „getauft sind sie in Volendam alle“. Es gibt seit vierzig Jahren eine charismatische Gebetsgruppe, im Oktober und im Mai wird der Rosenkranz gebetet. Stomph beschreibt das Gänsehautgefühl, als beim Tod eines 32-Jährigen alle in der vollen Kirche niederknieten, „und jeder – auch die nicht mehr regelmäßig zur Messe kommen – sang Heilig heilig heilig“.

Der Pfarrer mag Lidwina von Schiedam

Der Pfarrer erzählt von „einer Last“: Die Volendammerin Hille Kok behauptet, seit 1985 Botschaften von der Muttergottes zu erhalten, und „sie sagt, Papst Franziskus sei der Antichrist“. Zwar hängt ihr nur eine Minderheit seiner Gläubigen an, mehr Anhänger pilgern aus Belgien herbei, aber auch so bedeutet das eine quälende Spaltung.

„Die Volendammer sind sehr offen“, sagt Stomph, „aber sie bleiben unter sich.“ Schon seine Vorgänger im 19. Jahrhundert klagten, wie oft sie einen Dispens einholen mussten, da die Volendammer so gerne Nichten und Neffen heirateten. „Das ist immer noch ein Problem. Es gibt deswegen eine erhöhte Zahl von Abtreibungen wegen Missbildung.“

Damit ist der Unterschied zum calvinistischen Fischerdorf Urk benannt: Während Urk wie ein Mann christdemokratische Parteien wählt, folgt Volendam dem Rechtspopulisten der Stunde. Dabei vertreten weder Geert Wilders noch Thierry Baudet typisch christliche Positionen. Ist das den Volendammern nicht wichtig? Ihr Pfarrer sagt: „Scheinbar nicht.“