Nichts als Liebe

„Mein Name ist John und Jesus liebt euch“ - Mit Fußbällen und einer Bibel wollte der 27-jährige John Allen Chau ein abgeschiedenes indigenes Inselvolk zum Christentum bekehren und bezahlte das mit dem eigenen Leben. Von Benedikt Winkler

John Allen Chau (27) wollte den Sentinelesen das Christentum bringen. Foto: dpa
John Allen Chau (27) wollte den Sentinelesen das Christentum bringen. Foto: dpa

Abenteuerlustig war er von Anbeginn: Er wuchs mit Romanen wie „Robinson Crusoe“ auf, schmierte sich mit seinem Bruder Blaubeersaft ins Gesicht und spielte mit Pfeil und Bogen in Hinterhöfen. Außerdem reiste er viel, nach Israel und Südafrika und kletterte in den Felsen des North Cascades National Park an der Nordwestküste der USA herum.

Doch für John Allen Chau, 27, einen evangelikalen Christen aus Vancouver war das nicht genug. Er wollte mehr. Er wollte das Evangelium dorthin bringen, wo die Menschen noch nichts von Christus gehört haben. An die Ränder der Zivilisation. Ein ehrenwerter Gedanke – zumal, wenn man den Missionsbefehl betrachtet und das Wirken früherer Missionare. Was wäre Europa ohne die Heiligen Missionare Bonifatius, Sturmius und Willibrord? Was wäre Südamerika ohne mutige und einsatzbereite Missionare aus Spanien und Portugal? Nicht zu vergessen das globale Netzwerk der Jesuiten, das einst auch in Asien auf heftige Gegenwehr stieß, wovon der Martin Scorsese-Film „Silence“ auf Grundlage des Romans von Shusaku Endo eindrucksvoll Zeugnis gibt.

Und so reiste Chau mit einem indischen Touristenvisum auf die Andamanen und Nikobaren, ein Archipel im Indischen Ozean, um die Sentinelesen, ein dort lebendes indigenes Volk auf der Insel North Sentinel, zum Christentum zu bekehren. Ein Wunsch, der für postmoderne Europäer wahrscheinlich wie eine fromme Donquichotterie wirkt. Und wie eine gefährliche Donquichotterie noch dazu. Wenn nicht eine verbotene.

Die Sentinelesen gehören zu den sogenannten „unkontaktierten“ Völkern, von denen es weltweit nur 170 gibt, wie GfbV-Direktor Ulrich Delius angibt. Fremden gegenüber sind sie extrem misstrauisch, was an unguten Erfahrungen aus der Kolonialzeit herrührt. Im Zuge der britischen Kolonisierung der Andamanen wurden, laut CNN, viele dort lebende Stämme dezimiert. Tausende Eingeborene starben – nur ein Bruchteil der Urbevölkerung überlebte.

Ein halbes Dutzend Menschen lebt heute auf dem abgelegenen und geschützten Eiland. Fremden ist es nicht gestattet, sich auf fünf Seemeilen an die Insel heranzuwagen. Wer es trotzdem macht, kann schlechte Erfahrungen machen. 2006 töteten die Eingeborenen zwei Fischer. John Allen Chau wusste das, doch er nahm es offensichtlich als Herausforderung. Vielleicht als Glaubensprüfung. Er fürchtete sich nicht. Oder war er naiv? Nichts als Liebe habe er für die Eingeborenen, soll er gesagt haben. Um sich der Insel mehrmals illegal zu nähern, bestach er Fischer. Mit einem Kajak fuhr er zum Ufer der Insel, im Gepäck Fußbälle, Angelsehnen und Scheren. Doch auf Fußballspielen hatten die Sentinelesen keine Lust. Sie begrüßten ihn mit Pfeil und Bogen. Ein Insulaner soll laut FAZ einen Pfeil auf ihn geschossen haben, der in Chaus Bibel steckenblieb. Ein Zeichen des göttlichen Schutzes? Ein Zeichen zum Aufhören?

Ein Pfeil blieb in seiner Bibel stecken

Chau nahm es wohl als Zeichen, weiterzumachen. Denn: Er kehrte weitere Male auf die Insel zurück. Die Liebe trieb ihn an, der Missionsauftrag. Nun sieht es so aus, dass Chaus Wunsch, den Inselbewohnern das Evangelium zu bringen, ihn das Leben gekostet hat. Fischer sagen, dass sie beobachten konnten, wie die Eingeborenen den leblosen Körper des Mannes herumschleiften und im Sand vergruben. Die Polizei glaubt den Augenzeugenberichten der Fischer. Bislang konnte die Leiche aber nicht geborgen werden. Womit die Frage im Raum steht: Ist John Allen Chau ein Märtyrer? „Er war jemand, der aus Liebe für diese Menschen starb, um die Frohe Botschaft Jesu Christi zu bringen“, sagte ein Freund von Chau, John Middleton Ramsey, kürzlich gegenüber Medienvertretern in Köln. „Wir weigern uns, ihn einen Touristen zu nennen“, sagt Dependra Pathak, Generaldirektor der Polizei der Andamanen und der Nikobaren. Die Polizei des Archipels führt auf der Website bei „About us“ ein eigenes Martyrologium, darauf taucht Chau aber nicht auf. Vielleicht noch nicht? „Aus Menschenrechtssicht gilt, dass die kulturelle Vielfalt und Minderheiten geschützt werden sollten“, sagt der Anthropologe Christoph Antweiler dem Magazin FOCUS Online. Die Indische Regierungsautoritäten respektieren aber den Wunsch der Sentinelesen, allein gelassen zu werden, um autark zu leben.

Wie christliche Mission mit den „Unkontaktierten“ gelingen kann, ist im britischen Film „The Mission“ (1986) zu sehen. Man kennt die berühmte Szene, als im 18. Jahrhundert der spanische Jesuitenmissionar Father Gabriel (gespielt von Jeremy Irons) sich mit einer Oboe in das Herz der Guaraní-Indianer spielt. Hätte Chau auf North Sentinel lieber eine Flöte als einen Fußball mitnehmen sollen?