Die Idee lebt fort

Viele Kollektivsiedlungen in Israel setzen auf Privatisierung, nicht so der Kibbuz Magen. Von Josefine Janert

Die Wienerin Vera Tal glaubt an die Zukunft der Kibbuzim. Foto: Josefine Janert

Der Gazastreifen – das sind Moscheen, Wohnhäuser und Wachtürme am Horizont. 1,8 Millionen Palästinenser leben dort, dichtgedrängt, in Armut. Der Gazastreifen gehört zu den Palästinensischen Autonomiegebieten und wird von der islamistischen Hamas kontrolliert. Vera Tal steht auf einer Anhöhe am Rand des Kibbuz Magen und schaut nach Nordwesten, wo man den Gazastreifen sehen kann. Sie ist glücklich auf diesem Flecken Erde in den Ausläufern der Negev-Wüste, auf dem sie mit ihrem Ehemann lebt.

Bis zur Grenze sind es knapp fünf Kilometer. Wenn der Wind günstig steht, manövriert die Hamas Lenkdrachen mit Brandbomben in Richtung israelisches Territorium. Trotzdem, sagt Vera Tal in ihrem weichen Wiener Akzent, „haben wir hier eine hohe Lebensqualität. Sieht man vom Kriegslärm ab, führen wir ein ruhiges Leben.“

Sozialistische Ideen spielten eine wichtige Rolle

Die hellbraunen Baracken, in denen die Familien leben, liegen friedlich in der Mittagssonne. Kinder spielen auf den gepflegten Rasenflächen zwischen den Gebäuden, planschen im Swimmingpool. Auf kleinen Wagen tuckern Senioren vorbei. Ein leichter Wind spielt mit Vera Tals grauem Haar und fährt in die Falten ihrer blaugemusterten Bluse. Die Tochter von Holocaust-Überlebenden kam in Wien zur Welt und schloss sich einer internationalen zionistischen Jugendorganisation an, die auch sozialistisches Gedankengut verbreitete. „Wir waren begeistert von der Idee, Österreich zu verlassen und in einem Kibbuz zu leben, um Israel mit aufzubauen“, sagt sie. Dass damals viele jüdische Menschen in ihrem Alter Europa den Rücken kehrten, hing auch mit den antisemitischen Anfeindungen zusammen, denen sie in vielen Ländern ausgesetzt waren.

Die landwirtschaftlichen Kollektivsiedlungen sind ein Markenzeichen des jüdischen Staates. Kibbuzim, so der hebräische Plural, ziehen seit den 1960er Jahren Freiwillige aus Westeuropa und den Vereinigten Staaten an, die hier eine Zeit lang arbeiten und dem Leben in der Kommune frönen. Doch ein Kibbuz sieht heute anders aus als 1965, dem Jahr, in dem Vera Tal in Israel eintraf. Das Wirtschaften im Kollektiv erscheint vielen Israelis heute nicht mehr attraktiv, weshalb ein großer Teil der rund 260 Kibbuzim auf Privatisierung setzt. Nicht so der Kibbuz Magen. Dort gehen die Einkünfte aller Bewohner weiter in eine gemeinsame Kasse. Jedem Bewohner fließt daraus ein Budget zu. Ältere Menschen erhalten eine Pension. Üppig ist das nicht, aber ein Urlaub, zwei, drei Friseurbesuche pro Jahr und Ähnliches ist drin. „Nach langen Diskussionen haben wir vor zwei Jahren beschlossen: Wir bleiben ein kooperativer Kibbuz“, sagt Vera Tal. „Ich freue mich darüber.“ Der erste Kibbuz entstand 1909 im damaligen Palästina. Zehn Männer und zwei Frauen machten ein malariaverseuchtes Gebiet am See Genezareth urbar, schufteten „ohne Ausbeuter und Ausgebeutete“, wie sie 1910 schrieben. Die von russischen Marxisten übernommene Idee war, neue Menschen zu erschaffen, die die gleichen Einkünfte erhielten und über alles gemeinsam entschieden. Tagsüber sollten sie das Land beackern und sich abends möglichst noch bilden. In den 1960er Jahren, der Hoch-Zeit der Kibbuzim, gab es etwa 300, in denen etwa fünf Prozent der Bevölkerung lebten. Mehr waren es nie, doch die Kollektivsiedlungen haben Israel geprägt. Einwanderer fanden hier eine Heimat. Junge Menschen lernten, dass es bisweilen sinnvoll ist, persönliche Wünsche zum Wohle der Gemeinschaft zurückzustellen. Bedeutende israelische Persönlichkeiten wie der Schriftsteller Amos Oz und die Politiker Golda Meir, Schimon Peres und Teddy Kollek haben mal in einem Kibbuz gelebt. Die Gründer der ersten Kibbuzim teilten fast alles miteinander, sogar ihre Kleidung. Sie hausten in Zelten und Baracken, wo für Kinder kein Platz war. Die Kleinen durften nicht einmal bei ihren Eltern schlafen. Auch im Kibbuz Magen wuchsen sie bis in die 1980er Jahre hinein in einem Kinderhaus auf, wo sie gemeinsam erzogen wurden. Vera Tal konnte ihre drei Kinder tagsüber und nachts mehrmals besuchen und fand das alles ganz normal. „Es funktionierte gut“, sagt sie, erklärt aber gleich, dass sie die Idee mit dem Kinderhaus im Nachhinein skeptisch sieht. Einigen Kibbuz-Kindern sei das gut bekommen, andere würden bis heute an den Folgen leiden. Der Kibbuz Magen wurde 1949 von acht rumänischen Überlebenden des Holocaust gegründet. Seitdem hat sich viel verändert. Das Kinderhaus wurde in den 1980er Jahren in eine Kindertagesstätte umgewandelt. Eine dicke Betondecke schützt das Gebäude, denn die Kleinen können nicht – wie die anderen Kibbuzbewohner – bei Raketenalarm innerhalb von 15 Sekunden in einen der vielen Sicherheitsräume eilen. Noch immer treffen die rund 400 Kibbuz-Bewohner wichtige Entscheidungen gemeinsam – etwa, welche Menschen neu in den Kibbuz aufgenommen werden. Noch immer gibt es einen Speisesaal. Doch anders als früher versammeln sich nicht mehr alle zur selben Zeit zu einer Mahlzeit. Früher durften die Familien nicht einmal einen eigenen Wasserkocher besitzen. Heute können sie auch mal für sich selbst kochen. Wenn sie wünschen, bedienen sie sich im Speisesaal, und ihr Budget wird bargeldlos mit dem Gegenwert belastet.

Die größte Einnahmequelle ist nach wie vor die Landwirtschaft, der Anbau von Getreide, Kartoffeln, Erdnüssen. Außerdem stellen sie Jojobaöl und Eco-Solarheizsysteme für Swimmingpools her und betreiben Werkstätten für landwirtschaftliche Geräte und Maschinen, die auch Menschen aus der Umgebung frequentieren. Anders als in den Anfangsjahren ist ein Teil der Bewohner außerhalb des Kibbuz tätig, auch Vera Tal, die Bibliothekarin und Literaturwissenschaftlerin ist und an einem College arbeitet.

Dem Kibbuz geht es wirtschaftlich gut. Doch viele Kibbuzniks finden die gemeinsame Kasse unmodern. So ist es Älteren kaum möglich, mit ihrem Budget ein finanzielles Polster anzulegen. Es fällt ihnen schwer, ihre Kinder zu unterstützen, wenn diese studieren oder eine Immobilie kaufen möchten. In Israel gibt es kaum Mietwohnungen, und die Preise in den Städten sind horrend.

Dennoch, so betont Vera Tal, sei das Leben im Kibbuz attraktiv, gerade für Familien. „Für Kinder ist es ein Paradies“, sagt sie – den ganzen Tag an der frischen Luft sein, fernab der Gefahren der Städte. Hinzu kommt, dass die Kindergärten und Schulen der Kibbuzim heute einen guten Ruf haben, das Leben dort preiswerter ist als in Tel Aviv oder Jerusalem. Freilich gibt es im Kibbuz Magen auch kein Kino, kein Theater, keine Discothek. „Natürlich haben Kibbuzim eine Zukunft“, sagt Vera Tal, „aber wer weiß, wie sie aussieht.“