Ausgebeutet und bedroht

Sklaverei im Libanon: Das Kafala-System ermöglicht die Ausbeutung ausländischer Migrantinnen. Von Stefan Maier

Bedroht durch Gewalt und sexuellen Missbrauch. Ausländische Hausangestellte im Libanon führen ein Leben, das oft in den Selbstmord führt. Foto: S. Maier
Bedroht durch Gewalt und sexuellen Missbrauch. Ausländische Hausangestellte im Libanon führen ein Leben, das oft in den ... Foto: S. Maier

Bis zum Ausbruch des Bürgerkriegs beschäftigten libanesische Haushalte arabische Frauen und kurdische Flüchtlinge als Hausmädchen. Während des Bürgerkrieges kam es zu Spannungen zwischen Syrern, Palästinensern und Libanesen, auch zwischen Libanesen unterschiedlicher Konfession, so dass man die Praxis beendete, arabische junge Frauen als Hausmädchen einzustellen. Die Gefahr von Spannungen oder Konflikten war zu groß. Nun schlug die Stunde asiatischer Frauen, zunächst aus Sri Lanka: Sie waren bereit, für geringen Lohn zu arbeiten und galten als gefügig. Heute wird die Tätigkeit als Haushaltshilfe ausschließlich mit asiatischen oder afrikanischen Frauen assoziiert. Libanesische Frauen wären weder bereit, für ein so geringes Gehalt zu arbeiten, noch dazu, ständig im Haushalt des Arbeitgebers zu leben.

Seit es zum starken Anstieg asiatischer und afrikanischer Hausangestellten kam, sank das Ansehen dieser Tätigkeit, da diese mit rassistischem Stigma behaftet wurde: Hausarbeit galt als niedrige, schlecht bezahlte Tätigkeit zu schlechten Bedingungen, die von Migrantinnen aus Asien oder Afrika verrichtet wird. Zugleich war im Libanon der Bedarf an Hausangestellten stark gestiegen, da immer mehr Frauen außer Haus zu arbeiten begannen. Auch ist es in der libanesischen Kultur unüblich, ältere Verwandte in Altersheime zu geben. Also zogen es viele libanesische Familien vor, Migrantinnen als Haushaltshilfen einzustellen, da diese billiger sind als Sozialeinrichtungen.

Es gibt eine Hierarchie zwischen den Nationalitäten

Migrantinnen wurde wegen ihres geringen Gehalts selbst für libanesische Familien mit geringerem Einkommen erschwinglich. Seit Ende der 1990er Jahre ist es im Libanon „in“, eine Haushaltshilfe aus Sri Lanka zu haben, oder gegen Aufpreis eine Philippina. Einige Jahre hindurch machten asiatische Frauen aus Sri Lanka und von den Philippinen, später zunehmend aus Äthiopien, den überwiegenden Teil der Migrantinnen im Land aus. Es bildete sich eine Hierarchie zwischen den Nationalitäten, wobei die Philippinas die höchste Stufe einnahmen, gefolgt von Äthiopierinnen, während die Frauen aus Sri Lanka die unterste Schicht bildeten. Später erweiterte sich das Spektrum der Herkunftsländer. Wegen der schlechten Arbeits- und Lebensbedingungen dieser Frauen im Libanon verhängten einige Länder Reisebeschränkungen für weibliche Migrantinnen, die jedoch umgangen werden. Während früher Frauen aus Sri Lanka die unterste und am Schlechtesten bezahlte Schicht ausmachten, werden ihre Gehälter heute von Frauen aus Nepal und Bangladesch unterboten.

Bis 2012 war der Libanon das Hauptzielland weiblicher Migranten. Zusätzlich zu den offiziell ausgegebenen Arbeitsbewilligungen gehen NGOs davon aus, dass es bis zu 85 000 Personen ohne eine gültige Arbeitserlaubnis gibt. Im Lauf der Jahre haben sich bei den libanesischen Arbeitgebern stereotype Ansichten über Migrantinnen je nach Nationalität durchgesetzt. So gelten Frauen aus Sri Lanka als schlechter ausgebildet und mit wenig Erfahrung im Umgang mit elektrischen Geräten, während Philippinas als sauberer, effizienter und vertrauenswürdiger gelten, da sie im Regelfall besser ausgebildet seien. Je heller die Hautfarbe der Migrantin, desto höher ihr Ansehen und ihr Gehalt. Daneben spielen die wahrgenommene Intelligenz, Unterwürfigkeit sowie Sprachkenntnisse eine Rolle, doch bleibt die Hautfarbe von wesentlicher Bedeutung.

Es gibt noch andere Formen von Rassismus libanesischer Arbeitgeber gegenüber den ausländischen Hausangestellten. Nach der Ankunft der Migrantin bestehen einige Arbeitgeber darauf, ihr die „richtige Hygiene“ beizubringen, oft in sehr erniedrigender Weise, indem sie unter der Dusche von Kopf bis Fuß gesäubert werden, oder indem ihnen die Haare abgeschnitten werden. Dabei wird oft mit Sauberkeitsgründen argumentiert, ein wohl nicht unwesentlicher Grund ist jedoch, dass ihnen ein unattraktives Aussehen gegeben werden soll, um so die sexuelle Verlockung für den Hausherren zu reduzieren.

Im Land zeigen sich rassistische Tendenzen etwa darin, dass ausländische Migrantinnen am Meer oder in Schwimmbädern nicht ins Wasser dürfen. Die Ansicht, dass Migrantinnen schmutzig seien, äußert sich oft darin, dass sie im Haus des Arbeitgebers ein eigenes Badezimmer bekommen, selbst wenn sie kein eigenes Zimmer zum Schlafen haben. Auch müssen sie ihre Wäsche meist getrennt von der Wäsche des Arbeitgebers und seiner Familie waschen und eigenes Essbesteck benützen.

Die ausländischen Migrantinnen kommen im Rahmen des Kafala-Systems ins Land. Das Kafala- oder „Sponsorship-System“ ist ein Bürgschaftssystem. Es ist in den 1950er Jahren entstanden, um die Beziehungen zwischen Arbeitgebern und Migranten in vielen Ländern West-Asiens zu regeln. Es ist immer noch Routine in den Staaten des Golf-Kooperationsrates, Bahrain, Kuwait, Oman, Katar, Saudi-Arabien und in den Vereinigten Arabischen Emiraten, sowie in Jordanien und im Libanon. Ziel ist, genügend zeitlich befristete, rotierende Arbeitskräfte zur Verfügung zu haben. Sie können in Zeiten wirtschaftlichen Aufschwungs rasch ins Land gebracht und in schlechten Zeiten ebenso rasch wieder fortgeschickt werden. Im Kafala-System wird der Aufenthaltsstatus von Migranten rechtlich für einen vertraglich festgelegten Zeitraum an einen Arbeitgeber und Bürgen (Kafeel) gebunden. Ein Migrant kann nicht ohne eine schriftliche Genehmigung des Kafeels das Land betreten, die Arbeitsstelle wechseln oder das Land verlassen. Der Kafeel muss den Einwanderungsbehörden melden, sobald ein Migrant seine Arbeit verlässt. Das bedeutet, dass er auch für die Kosten des Rückfluges aufkommen muss. Der Kafeel hat den Migranten durch die Konfiszierung des Reisepasses in der Hand. Die Migrantin ist für die Bestreitung des Lebensunterhaltes und für den gültigen Aufenthaltsstatus dem Kafeel ausgeliefert. Die Macht, die das Kafala-System dem Bürgen überträgt, ist eine Form moderner Sklaverei.

Wenn eine Hausangestellte von ihrem Arbeitgeber flüchtet, kann sie ihre Reisedokumente und ihre Aufenthaltsgenehmigung, die die Information über ihren Arbeitsplatz, Arbeitgeber und die Dauer ihres Visums enthält, nicht mitnehmen. Als Folge des Kafala-Systems wird jede Migrantin, die ihren Arbeitsplatz ohne die Genehmigung verlässt, als illegale Einwanderin betrachtet. Es drohen ihr Festnahme, Haft und Abschiebung. Migrantinnen, die ohne Pass oder nach Ablauf ihres Aufenthaltsvisums aufgegriffen werden, werden verhaftet und in das Schubhaftgefängnis der Sicherheitsdirektion überstellt. Viele misshandelte und ausgebeutete Hausangestellte sind so in einem Teufelskreis gefangen: Ihre Rechte werden vom Arbeitgeber verletzt, und wenn sie versuchen, zu fliehen, werden sie vom Staat wie Kriminelle behandelt. Die fehlende staatliche Kontrolle der privaten Arbeitsvermittlungsagenturen verstärkt die Verwundbarkeit von Migranten.

Viele Rekrutierungspraktiken und das Profitstreben der Betreiber dieser Agenturen sind problematisch: Oft werden die Migrantinnen über die Arbeitsbedingungen getäuscht und über ihre Gehälter und Vertragsbestimmungen in die Irre geführt. Den Arbeitgebern wird von den Agenturen empfohlen, die Pässe ihrer Hausangestellten zu konfiszieren und deren Gehälter zurückzuhalten. Die Agenturen zwingen Hausangestellte, selbst bei Missbrauch treibenden Arbeitgebern zu bleiben, nicht selten misshandeln sie die Frauen auch selbst, etwa wenn Hausangestellte von unzufriedenen Arbeitgebern zur Agentur zurückgebracht werden. Dem Missbrauch sind diese Frauen auf vielfältige Weise ausgesetzt. Selbst wenn sie nicht ständig in der Wohnung eingesperrt werden, verfügen nur die wenigsten über die Wohnungsschlüssel. Für gewöhnlich ist es ihnen verboten, ohne Erlaubnis das Haus des Arbeitgebers zu verlassen. Viele Arbeitgeber fürchten, dass die Hausangestellten sexuelle Kontakte haben, einen Freund finden und schwanger werden, während der Abwesenheit der Familie einen Mann mit nach Hause bringen, die Wohnung ausplündern oder von Bekanntschaften animiert werden, davonzulaufen, um anderswo einer besser bezahlten Beschäftigung oder der Prostitution nachzugehen.

Zudem ist Hausarbeit eine der isoliertesten Formen von Arbeit. Hausangestellte arbeiten meist allein in Haushalten und teilen ihren Arbeitsplatz nicht mit anderen. Das erschwert ihnen jede Kontaktaufnahme. Migrantinnen als Hausangestellte sind doppelt isoliert, da sie nicht nur weit von ihrer Heimat entfernt tätig, sondern auch mit sprachlichen Barrieren konfrontiert sind. Vielfach dürfen die Frauen, die oft jahrelang von zu Hause weg sind, nur einmal pro Monat bei ihrer Familie im Heimatland anrufen. Weitere Probleme bereiten die Nichtauszahlung des Lohns durch den Arbeitgeber und extreme Überarbeitung. Tägliche Arbeitszeiten von 5 Uhr in der Früh bis Mitternacht, wenn Gäste im Haus sind auch länger, sind keine Seltenheit. Oft leben die Frauen von Brot, Reis und Tee, während andere die Reste der Mahlzeiten der Familie ihres Arbeitgebers bekommen. Auch die Unterbringung der Frauen lässt vielfach zu wünschen übrig. Viele haben kein eigenes Zimmer, sondern müssen auf einem Sofa, in der Küche am Boden oder gar auf dem Balkon schlafen.

Zu den gravierendsten Problemen zählen aber körperliche Gewalt und sexueller Missbrauch. Es scheint, dass die härteste Behandlung durch die Arbeitgeber oft zu Beginn der Arbeitstätigkeit geschieht. Häufig geht die Frau des Hauses in dieser ersten Zeit besonders hart gegen die Hausangestellte vor und züchtigt sie körperlich, um sie gut zu „trainieren“ und um sicherzustellen, dass es später keine Missverständnisse gibt. Von Seiten männlicher Arbeitgeber ist oft sexueller Missbrauch im Spiel. Oft werden Männer in Folge von Zurückweisung durch die Hausangestellte gewalttätig. All dies führt zu einer hohen Selbstmordrate unter ausländischen Migrantinnen im Libanon. Inzwischen ist die Zahl der Selbstmorde auf zwei pro Woche angestiegen.