Zur neu eröffneten Debatte um den Hirntod: Wirklich tote Organe ungeeignet: Als Hospizhelfer muss ich warnen

Zu Ihrem Artikel „Debatte um Hirntod wieder eröffnet“ (DT vom 4. September): Wird die „Ressource Mensch“ in absehbarer Zukunft etwa „sozialpflichtig“, fragt ein Beitrag in einem 2006 erschienenen Sammelband zur „Biomedizin im Kontext“ und bezieht auch das Problem sogenannter postmortaler Organspenden in diese Perspektive ein. Welche politischen Regulierungen sind notwendig, um den Anreizen aus dem bereits florierenden internationalen Organhandel zu widerstehen?

Bislang gilt in Deutschland die erweiterte Zustimmungslösung, bei der entweder der Spender – im Voraus – in bewusster und informierter Gewissensentscheidung sich zur unentgeltlichen Organspende bereit erklärt hat, oder Angehörige von irreparabel Bewusstlosen, zum Beispiel nach Unfällen oder sonstiger schwerster Hirnschädigung, nach dem „mutmaßlichen Willen“ des Versterbenden und dessen „mutmaßlicher“ Spendenbereitschaft von Transplantationsbeauftragten und Ärzten befragt werden.

Als juristische Grundlage gilt das Deutsche Transplantationsgesetz von 1997, das den sogenannten Hirntod als medizinisch definierten Ganztod ansetzt. Man ist auf diese medizinische Todesdefinition verwiesen, um bei der Organentnahme in juristischer Perspektive kein Tötungsdelikt zu begehen. Dabei ist bekannt (oder auch nicht), dass man sich auf internationaler Ebene durchaus keines einheitlichen Hirntodkonzepts bedient. Zur jeweiligen Hirntoddefinition sind international durchaus variable Kriterien im Umlauf. Diese Vielzahl von Hirntodkonzepten verfolgen jeweilige Sonderinteressen und werden in Hinblick auf mögliche „Erweiterungen“ in der Transplantationsmedizin aufgrund eines allseits konstatierten „Organmangels“ auch fortwährend weiter diskutiert („Widerspruchslösung“, „Teilhirntodkon-zept“, „Non-heart-beating-donors“). Da eine hirntote Frau bei entsprechend fortgesetzter apparativer Behandlung nachweislich ein lebendes Kind gebären und damit Leben weitergeben kann, Hirntote zudem bei ihrer Intensivüberwachung Körperwärme und wiederholt eigenes Reflexverhalten neben anderen Lebenssymptomen und -dynamiken zeigen, also zumindest ein vegetatives Menschenleben und eine Integration der Organsysteme belegen, hat die Internationale Gesellschaft für Sterbebegleitung und Lebensbeistand vor wenigen Wochen ein Informationsblatt zur Organspende herausgegeben. Es hinterfragt die derzeitige Gesetzesregelung im Bezug auf ihre Schlüssigkeit. Man hält es allerdings für eine „Verschleierung“, wenn von „postmortaler Spende“ gesprochen oder geschrieben wird und man diese quasi als Gegensatz zur „Lebendspende“ (vorwiegend bei paarigen Organen) apostrophiert.

Medizinisch gesichert ist derzeit, dass wirklich tote, zu Ende gestorbene Organe für eine Transplantation nicht mehr tauglich sind. Handelt es sich beim Hirntoten also um einen menschlichen und damit auch um einen anthropologisch neu zu bewertenden Sonderstatus? Ist der Hirntod demnach ein Übergangsstatus vom Leben zum Tod, ein prozesshaftes Sterben, ein allmähliches „Versterben“? Jedenfalls ist der Hirntote noch keine erkaltete Leiche, über die als reine Sache bedenkenlos zu verfügen wäre und der Hirntod kein solches Ereignis, nach dem der operative Eingriff der Explantation – mit nachfolgendem Todeseintritt – nur durch vorausverfügten „Widerspruch“ juristisch zu verhindern wäre.

Spenden kann man nur selbst und freiwillig. Spende ist der Eigen-Appell eines bewussten Ichs an dessen freies Handeln. Man kann und sollte diesen Appell in eigener Verantwortung prüfen und diese ureigene Entscheidung möglichst schriftlich niederlegen. Im Geist christlicher Nächstenliebe ist eine derartige Gewissensentscheidung „offen“: Organspende kann ein letzter Akt der Hingabe sein – ein Akt persönlicher Freiheit.

Es besteht die dringende hospizliche Pflicht, für die Rechte von Sterbenden und ihrer Angehörigen einzutreten. Diese sind juristisch „wetterfest“ und human zu formulieren.

Ich habe bewusst keinen Organspende-Ausweis. Deshalb will ich meine Einstellung zur Transplantationsmedizin, soweit es die Organentnahme betrifft, begründen. Die Hirntod-Definition wurde geschaffen, um das Ausschalten von lebenserhaltenden Maschinen zu rechtfertigen und um Organentnahme für eine Transplantation zu ermöglichen. Der Organspender ist zu Beginn der Organentnahme nicht tot, sondern stirbt bei der Organentnahme auf dem Operationstisch. An der Explantation Beteiligte nennen es „kontrolliertes Zuendesterben“, ich nenne es „aktive Sterbehilfe“. Jedenfalls ist dabei eine Sterbebegleitung, wie ich sie als Hospizhelfer verstehe, nicht möglich. Allerdings betrachte ich Leben nicht nur einseitig materiell und diesseitig, sondern auch geistig und jenseitig. Auch habe ich Achtung vor den Menschen, die sich für eine Organspende entscheiden, egal ob aus Nächstenliebe oder aus Angst vor einem behinderten Weiterleben, wenn sie sich gründlich aus neutralen Quellen informiert haben.

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