Zur Lage der katholischen Kirche im deutschsprachigen Raum: Halbbildung ist mehrheitsfähig: Warum kritisieren Sie Hans Küng?: Ich kann das alles nicht nachvollziehen: Weltabgewandtheit ist ehrenwert

Singen, wenn es ans Sterben geht – bei den Schwänen, zumindest in der musikalischen Aufarbeitung ist es ergreifend. Ich frage mich allerdings, ob das derzeitige Absingen von Klageliedern nicht eher an Wolfsgeheul erinnert. Bleiben wir aber lieber beim Schwanengesang. Oder gäbe es da nicht noch ein drittes Bild? In der deutschen Kirchenlandschaft scheint es unvermeidlich zu sein, dass Schwäne zu Hühnern mutieren. Theologen, meist sehr unbekannte Wesen, marschieren mit dem Schwabenspieß mutig voran, und das Kirchenvolk beeilt sich pflichtschuldigst, Schritt zu halten. Deutschland, das Katholische, schlägt sich an die Brust, zerreißt medienträchtig seine Kleider, schämt sich unverschämt exhibitionistisch für „seinen“ Papst. Und ich schäme mich für Deutschland. Wir sind wirklich peinlich. Was geht hier eigentlich ab? Ich weiß, es ist genug geschrieben worden zu diesem Thema, nur, was hier abgeht, darf nicht als Headline heute in den Medien hochgekocht und morgen verschämt entsorgt werden. Das ist das eine. Das andere ist, dass ich mich massiv unterrepräsentiert fühle in meiner Eigenschaft als ganz normaler Pfarrer mit einer soliden Ökumene vor Ort, mit einer großen Sympathie für das Judentum (nicht für den Zionismus) und mit einem ganz normalen Verhältnis zum II. Vatikanum (nicht zu dem, was die Achtundsechziger und kreative Liturgieklempner daraus gemacht haben). Ich fühle mich unterrepräsentiert in einer Kirchengesellschaft, die auf demokratische Optik setzt und auf den Weg, die Botschaft Jesu konsensfähig zu machen. Und ich bekomme Angst, wenn ich angesichts eines solchen Kirchendesigns feststelle, dass die Halbgebildeten mehrheitsfähig geworden sind. Die armen Bischöfe bekommen das Lächeln nicht mehr aus dem Gesicht, viele Mitbrüder auch nicht, der Rest geht auf Tauchstation. Schließlich wollen sie sich nicht den letzten Rest gut gesinnter Mitarbeiter in der Pfarrei auch noch vergraulen. Und genau da zeigt sich der Skandal. Es kann nicht sein, dass wir uns zwingen lassen, diese undefinierbare Suppe aus kundenorientierter Bürgernähe und theologisch verpackter Tagesmeinung tagtäglich auszulöffeln. Das ist keine Pastoral mehr, höchstens Pastoralklempnerei. Es kann nicht sein, dass wir uns Standpunkte (nichts anderes sind Dogmen) zum Vorwurf machen lassen von einer immer dogmatischer sich gebärdenden anonymen Gesellschaft. Es kann nicht sein, dass die Begriffe „Einig, Heilig, Katholisch und Apostolisch“ auf kaltem Wege entsorgt werden, nachdem die diesbezügliche Bereinigung aus dem offiziellen Glaubensbekenntnis bisher in Rom noch nicht durchzusetzen ist. Und es ist mir unerklärlich, warum all die, die derart unter der Unbeweglichkeit unserer Kirche leiden, ausgerechnet in der pluralsten aller Gesellschaften sich gezwungen fühlen, in dieser Kirche zu bleiben.

Ich glaube nicht, dass der Vatikan im Rückwärtsgang die gravierenden Probleme der gegenwärtigen Kirche lösen kann. Warum polemisiert Ihre Zeitung immer gegen Hans Küng und seine Geistesverwandten? Er ist wohl einer der gebildetsten und auch konstruktivsten lebenden Theologen, sonst wäre er ja schon aus der Kirche ausgetreten (wie der larmoyante Eugen Drewermann, der gleichwohl die wunderbare therapeutische Dimension des Evangeliums herausgearbeitet hat). Der Papst schreibt wunderschöne Bücher, aber letztlich sind sie leider weltfremd. Die Menschen sind halt nicht so, wie die Päpste sie gerne hätten. Man kann doch nicht als Katholik seinen Verstand an der Kirchentüre abgeben. Die Liebe und die Nähe zu den heutigen Menschen müssen in der Kirche wieder viel mehr spürbar werden, nicht nur in der äußerst verdienstvollen Caritas, sondern auch und vor allem im Umgang der Kirche mit den Menschen. Viele Menschen haben ein (sehr) schweres Leben, auch in unseren Breiten. Sie brauchen Verständnis, Hilfe und Zuwendung und viel Ermutigung. Das alles hat Jesus den Menschen gegeben. Natürlich muss Kirche auch quer zum Zeitgeist liegen und natürlich sind die Medien kritisch zu hinterfragen, aber trotzdem darf man dies nicht als Totschlagargument gegen jede Kritik an kirchlicher Verknöcherung verwenden. Dogmen können die Liebe töten. Sie sind historisch-kritisch zu hinterfragen und gegebenenfalls anzupassen. Die Kirchengeschichte bietet doch genug Beispiele für Veränderungen im Laufe der Zeit. Es gibt keine wirklich fundierten biblischen Argumente für den Zölibat und gegen die Frauenweihe. In den ersten Jahrhunderten nach Christus war man hier viel offener. Gerade die größere Hingabefähigkeit der Frauen prädestiniert sie für kirchliche Ämter und nicht nur für Hilfsdienste. Deshalb habe ich sehr viel Freude mit der Revolte der Basis (mag sie auch gelegentlich über die Stränge schlagen) und hoffe, dass dieser Widerstand für die Kirche fruchtbar wird und das Herrliche der christlichen Religionen deutlicher sichtbar macht.

Mit großem Interesse verfolge ich die Berichterstattung Ihrer Zeitung zum Thema Pius-Bruderschaft und Aufhebung der Exkommunikation durch den Hl. Vater Benedikt XVI. Ich bin mir sehr sicher, dass Ihre Redaktion die medialen Stellungnahmen zu diesen aktuellen Themen weltweit, vor allem aber auch in der deutschen Medienwelt, sehr genau zur Kenntnis nimmt und auswertet. Ich bin sehr froh, dass ich als Abonnent unseres Bistumsblattes nicht nur auf dessen Stellungnahmen angewiesen bin, sondern als Bezieher der Wochenend-Ausgabe ASZ Ihrer Zeitung auch die umfassende, sachliche und wohltuende Darstellung dieses Themenkreises wahrnehmen kann. Dafür möchte ich Ihnen herzlich danken.

Ganz besonders möchte ich die großartigen Stellungnahmen des bedeutenden Philosophen Robert Spaemann in der ASZ vom 31. Januar „Die Aufhebung der Exkommunikation ist ein absolut unpolitischer Akt“ und den Diskussionsbeitrag zum Streit um die Pius-Bruderschaft „Die Achillesferse der Katholiken“ in der ASZ vom 21. Februar von Professor Klaus Berger erwähnen. Diesem kurz gefassten, hervorragenden Beitrag ist wohl nichts hinzuzufügen.

Dass die in irgendwelcher fernen Zukunft liegende Rückkehr der Pius-Bruderschaft in die römisch-katholische Kirche die volle Anerkennung des II. Vatikanischen Konzils zur Bedingung haben muss (neben vielen anderen Voraussetzungen), ist sicher unumstritten. Dass diese Forderung jetzt von allen Seiten, namentlich auch von Vertretern des deutschen Klerus, besonders lautstark hervorgehoben wird, soll wohl geflissentlich die Tatsache übertönen, dass man es mit den Dekreten des Konzils in der Praxis des kirchlichen Lebens leider keineswegs sehr genau nimmt. Herr Spaemann weist auf diesen Umstand ebenfalls hin, vor allem aber die Leserzuschrift von Martin Lienhart in der ASZ vom 14. Februar, über die ich mich ganz besonders gefreut habe. Den von ihm genannten Beispielen darf ich als langjähriger Kirchenchor-Leiter noch das Konzilsdekret über die Kirchenmusik hinzufügen.

Papst Benedikt wollte der Priesterbruderschaft Pius X. durch die Aufhebung der Exkommunikation der vier Bischöfe die Hand reichen zur Versöhnung und damit den Anfang setzen zur Beseitigung eines nur schwer verständlichen Schismas innerhalb der katholischen Kirche. Das ist auch seine Pflicht als Oberhirte dieser Kirche. Verwunderlich ist nur, wie schnell und voreilig Stellungnahmen führender Persönlichkeiten in der katholischen Kirche dieses Bemühen für völlig unmöglich halten. Mit wieviel lobenswerter Energie wird von katholischer wie evangelischer Seite versucht, die seit der Reformation bestehende Kirchenspaltung zu beseitigen! Aber dieses vergleichsweise junge Schisma soll einfach als gegeben hingenommen werden? Ich kann das nicht nachvollziehen.

Ich gebe zu bedenken, dass die „Weltabgewandtheit“ (Glosse „Endlich Fastenzeit“, DT vom 24. Februar), die man dem Papst anlastet, um ihn in eine antimoderne Ecke zu verbannen, auch als ein ehrenwertes Prädikat für ihn gewertet werden kann. Sie macht nämlich bei näherem Hinsehen darauf aufmerksam, dass er sich nicht von rein weltlich ausgerichteten Gedanken leiten lässt: also nicht allein vom Willen zur Lust oder vom Willen zur Macht; dass er sich in seinem Petrusdienst nicht abhängig macht von Menschen, die nur das gelten lassen, was allein soziologisch oder psychologisch erklärbar und insofern nützlich ist.

In seiner Versöhnungsgeste zeigt sich der Papst als einer, der sein Verhalten allein aus der geistig/noetischen Dimension, also aus einer höheren theologisch begründeten Perspektive tätigt und dafür Unangenehmes in Kauf nimmt. Seine „Weltabgewandtheit“ zeigt sich als eine Lebensart, die von echter Freiheit zeugt und sich auch nicht von (möglichen) emotionalistisch verursachten Anfeindungen von außen einschränken lässt. Man kann dem Papst für dieses Beispiel nur dankbar sein. Wir brauchen jedenfalls keinen Papst, der berechnet, ob er anderen gut sein soll, oder der sich allein danach richtet, ob ein versöhnendes Tun bei anderen gut ankommt.

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