Zur DT-Serie „Die fünfzig Hauptwerke der Philosophie“: Das regt zum Nachdenken an: Fragen wird man ja noch dürfen

Ich möchte Ihnen für ihre Reihe über die fünfzig Hauptwerke der Philosophie danken. Zwar gestehe ich, dass ich nicht allem, was da geschrieben wird, folgen kann. Dennoch wirkt diese Serie inspirierend und regt mich immer wieder zum Nach- und Weiterdenken an. Schon die vorausgegangenen Reihe über die fünfzig besten Bücher hat mir gut gefallen. Ich kann Sie nur zu weiteren Artikel-Serien dieser Art ermuntern. Das würde mich und sicher viele andere Leser auch sehr freuen.

Besten Dank für den kenntnisreichen, auch für einen Laien verständlich geschriebenen Beitrag „Empirische Aufklärung“ von Susan Gottlöber über John Locke: Versuche über den menschlichen Verstand (DT vom 7. Juni): Beschränken möchte ich mich auf die Aussagen im zweiten Buch, der Klassifizierung von Ideen, deren Eigenschaften erst durch die „sinnliche Wahrnehmung“ vermittelt werden. Die herausragende Betonung individueller Erfahrung habe zur Folge, Tradition zu verneinen. Vorweggenommen hat dies bereits Luther, der das Festhalten an der „Traditio“ als kirchliche Praxis radikal verworfen hat. Gerade das bisherige Denken in den überlieferten Glaubenskategorien (Scholastik) waren Haupttriebfedern für seine Reformbestrebungen. Die „Tradition“ war in seinen Augen das Haupthindernis für die Etablierung seiner Lehre, die alles auf den Prüfstand setzte, um dem von ihm verkündeten Glaubensindividualismus zum Durchbruch zu verhelfen. Dieses Angebot der Erneuerung hat viele Gebildete fasziniert und, gestützt durch die Wucht von Luthers Sprache, mitgeholfen, den neuen Glauben „gesellschaftsfähig“ zu machen.

Was hat diese Stellungnahme mit ihren Ausführungen zu schaffen? Nun, die sogenannte Aufklärung, so verschiedene Ideen sie auch zeitigen mag, war und ist eine nachgeholte wissenschaftliche Begründung reformatorischen Denkens. Sie schreiben in diesem Zusammenhang von den „maßgeblichen Folgen“, die das Herausstellen „individueller Erfahrung als Quelle aller Gewissheit“ für uns gebracht hat. Ich frage mich, ob es nicht an der Zeit wäre, nach allem, was unserem Land widerfahren ist, jene Früchte der Aufklärung unter diesem Aspekt einmal zu untersuchen. Bekanntlich hat Adorno bereits darauf hingewiesen, dass die Katastrophen im 20. Jahrhundert ohne die „Aufklärung“ kaum denkbar gewesen wären. Es ist ja wohl kaum anzunehmen, dass er sich dabei nichts gedacht hat.

Luther selbst hat häufig von „Herrn Omnes“ oder „Hans Worst“ oder „Hans Karst“ in herabwürdigender, abschätziger Weise gesprochen. Damit charakterisierte er jene, die ihn nicht verstanden, also den Pöbel, die sogenannte Unterschicht. Liegt hier nicht vielleicht ein Grund für die Akademisierung beispielsweise der evangelischen Theologie und dementsprechend für den geringen Anteil von Gläubigen aus jenen genannten Bereichen? Sind nicht gerade jene auf Tradition angewiesen, um sich im Leben zurechtzufinden? Zeugt nicht auch der „Extremismus“ unserer Tage – gleich welcher Couleur – vom Mangel an tradierten „Gütern“? Sie werden sich vielleicht wundern, auf welche „Abwege“ mich der Beitrag in der Tagespost geführt hat. Dazu muss ich sagen, dass mich zeitlebens die Frage beschäftigt hat, welche geistigen Ahnen verantwortlich sein könnten für die apokalyptischen Ereignisse unserer Zeit. Freilich gebe ich gerne zu, dass ich solchen Fragen kaum gewachsen bin. Aber fragen wird man wohl noch dürfen?

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