Zur Diskussion um Papst Pius XII.: Klares Urteil in einer verwirrten Zeit: Wie würde dann das Urteil lauten?: Mit Abstand das Beste zum Thema

Zum Leserbrief von Dr. Klaus Kühlwein zu Pius XII: Kühlwein bringt mit seiner unzutreffenden und unhistorischen Behauptung einer „fundamentalen Gewissensunsicherheit“ von Pius XII. verschiedene Ebenen durcheinander. Im Gegensatz zu vielen in verwirrter Zeit hatte der Papst ein sehr klares Urteil zum Genozid und überhaupt zu den Verbrechen in den beiden Weltkriegen. Das begann schon damit, dass er 1917 Kaiser Wilhelm II. aufforderte, das besetzte Belgien zu räumen oder 1937 die Enzyklika „Mit brennender Sorge“ mitinitiierte. Im Gegensatz zu Kühlwein hatte er als Realist jahrzehntelange Erfahrung, gerade mit deutschen Politikern, was die Kirche vermag und was nicht.

Eine blinde Vorgehensweise, wie sie Kühlwein fordert, obwohl sich deren verheerende Wirkung nach dem Hirtenwort der niederländischen Bischöfe gezeigt hatte, macht deutlich, welch ein Glücksfall Pius XII. und seine Weitsicht waren. Sie hat vielen das Leben gerettet. Hätte er sich so verhalten wie Kühlwein in politischer Naivität fordert, wäre es zu weiteren Katastrophen gekommen und Kühlwein würde Pius XII. als politischen Geisterfahrer bezeichnen. Andere würden sagen, der Papst müsse mit den Nazis unter einer Decke gesteckt haben, ihnen einen solchen Vorwand für noch schlimmere Verfolgungen zu liefern.

Manche Historiker scheinen das Haifischbecken der Weltpolitik mit ihrem gemütlichen Sessel im Elfenbeinturm zu verwechseln. Auf einer völlig anderen Ebene liegt der Schmerz des Papstes und aller, die den Holocaust nicht verhindern konnten.

Wer in einer politischen Situation wie der zur Zeit der Hitler-Herrschaft absolute Sicherheit der Entscheidung verlangt, hat offensichtlich keine Vorstellung von der Komplexität solcher geschichtlichen Vorgänge. Dr. Kühlwein schreibt in einem Ton, als würde er von sich sagen: „Wenn ich Papst gewesen wäre, dann...“. Der Papst war ja zugleich mächtig und ohnmächtig; er konnte nicht einfach Aktionen der Besatzungsmacht verhindern. Ihm stand letztlich nur sein Wort zur Verfügung. Dieses Wort konnte unter Umständen viele Menschen zu Opfern der Gewalt machen, wie es ja den holländischen Bischöfen passiert ist. Aber zum Martyrium darf man sich nur selbst anbieten. Wie würde denn heute das Urteil über Pius XII. lauten, wenn er schon 1938 Papst gewesen wäre und ein paar Wochen vor der berüchtigten „Reichskristallnacht“ einen flammenden Protest gegen die Behandlung der Juden in Deutschland losgelassen hätte? Die allgemeine Anklage würde ihn auch dann zum „umstrittenen“ Papst machen: „Ach, hätte er geschwiegen! Wäre er doch nur etwas weniger selbstsicher gewesen!“.

Ich möchte die Kontroverse um Pius XII. auf der Leserbriefseite zum Anlass nehmen, um für die ausgezeichnete redaktionelle Berichterstattung zum Thema Pius XII. zu danken. Das war mit Abstand das Beste, was ich dazu gesehen habe. Wegen solcher Akzente schätze ich die „Tagespost“.

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