Zur Diskussion um Papst Pius XII.: Keine Spur von Unsicherheit

Zum Leserbrief von Dr. Klaus Kühlwein in (DT vom 23. Oktober): Dr. Kühlwein unterstellt Papst Pius XII. ein Damaskus-Erlebnis nach dem 16. Oktober 1943, als die Verhaftung und Verschleppung der römischen Juden durchgeführt wurde. Das würde bedeuten, dass der Papst vorher für die Not der Juden so wenig Verständnis gehabt hätte wie Saulus für die Not der Christen vor seinem Damaskuserlebnis. Sonst hätte die Vokabel „Damaskusnacht“ keinerlei Sinn. Hat nicht Saulus die Christen verfolgt? Nun liegen aber schon von Nuntius Pacelli genug Äußerungen vor, die beweisen, dass er den Diktator von Anfang an durchschaute.

Offenbar kann und will sich Dr. Kühlwein in die Situation von 1943 nicht hineindenken. Das zeigt auch seine misslungene Deutung der päpstlichen Weihnachtsansprache von 1942. Die Nazis in Berlin haben diese Ansprache durchaus verstanden, wie ihre Reaktionen in Berlin und in den Konzentrationslagern mit Priesterinsassen zeigen. Wie sehr der Papst bemüht war, alle Bedrohten zu retten, geht vor allem daraus hervor, dass er zwischen der deutschen Militäropposition um Goerdeler und Stauffenberg einerseits und der Kriegspartei Großbritannien zu vermitteln versuchte. Damit hat der Papst für die deutschen Verschwörer Partei ergriffen. Keine Spur von „fundamentaler Unsicherheit“, von der Kühlwein spricht.

Abgesehen vom Kriegsrisiko, das hier der Papst eingegangen war, war dies eine Verletzung der für den Vatikan lebenswichtigen Lateranverträge. Diese Verträge verpflichteten den Papst schon in normalen Zeiten zur Neutralität. Auf diesen Umstand verweist auch der britische Historiker Richard Basset in seinem Buch „Hitlers Meisterspion – das Rätsel um W. Canaris“. Jedenfalls hat Pius XII. damit ein hohes Risiko nicht nur für sich selbst, sondern für alle Katholiken in Europa und für die bereits von der Kirche in Deutschland und Frankreich versteckten Juden auf sich genommen. Das Risiko für die Institution Kirche ist kaum auszudenken. Hier noch von fundamentaler Unsicherheit zu sprechen ist nicht unparteiisches Vorgehen – wie es Pflicht eines Historikers wäre –, sondern vorsätzliche Anklage.

Das Verdrängen der Enzyklika „Mit brennender Sorge“ sowie der Vermittlungsversuche zwischen den Verschwörern und Großbritannien gehört geradezu zu den Pflichtunterschlagungen der Kirchengegner.

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