Zur Diskussion um „für viele“ oder „für alle“: Wörtlich übersetzen, nicht frei interpretieren: Jesu Absicht ist, jeden zu retten

Zum Leserbrief von Pater Hatto von Hatzfeld SDB: Die Adressaten der Worte über Brot und Wein sind zunächst die versammelten Jünger. Dies wird im Lukasevangelium besonders deutlich: „Dieser Kelch ist der Neue Bund in meinem Blut, als der für euch ausgegossene“ (Lk 22,20). Das Partizip Präsens „ausgegossen“ bezieht sich grammatikalisch nicht auf das Blut, sondern auf den Kelch und somit inhaltlich auf das Blut, das hier und jetzt ausgegossen wird – und nicht allgemein am Kreuz. Man sollte also nicht sofort auf die Frage zielen, für wen Jesus gestorben ist, sondern zunächst, wem das Blut des Bundes zur Kommunion gereicht wird.

Natürlich ist dieses Bundesblut über das Opferfleisch und das Sühneblut des Paschalammes nur zu verstehen im Hinblick auf das am Kreuz vergossene Blut. Das für viele vergossene Blut öffnet sich damit in die Weite des universalen Heilswillens und es ist sprachlich dafür offen. Ein Beispiel: wenn man sagt, die Lebensmittel dieser Welt müssen für viele reichen, so bedeutet das natürlich nicht, dass sie nicht für alle reichen sollten, sondern dass diese Alle viele sind und nicht wenige. Der Gebrauch der Kategorien von Einheit, Vielheit und Allheit, sowie Position, Negation und Limitation ist so grundlegend, dass sowohl in den semitischen als auch in den indoeuropäischen Sprachen die Worte „viele“ und „alle“ übereinstimmend gebraucht werden. Auch der Gebrauch des Artikels darf nicht willkürlich geändert werden. „Für viele“ (in Mk 14,24) ist unbestimmt und wer einen bestimmten Artikel hinzufügt („für die Vielen“ oder „pour la multitude“), meint damit eine bestimmte Gruppe, sei es alle Menschen, oder – wie in den Qumranschriften – eine streng exklusive Gemeinschaft. Das Übersetzen in eine andere Sprache ist kein beckmesserischer Buchstabendienst, sondern ein Verstehen und ein entsprechendes Übertragen. Bei so zentralen Worten wie den Testamentsworten des Herrn sollte man nicht frei interpretieren, sondern wortwörtlich übersetzen, zumal die sprachlichen Entsprechungen übereinstimmen. Mir scheint, dass in dem Schreiben von Kardinal Arinze von 2007 die erklärenden Argumente leicht einleuchten, und die Aufforderung, der künftigen wörtlichen Übersetzung eine katechetische Unterweisung vorausgehen zu lassen, würde Mitbrüdern im priesterlichen Amt eine gute Gelegenheit bieten, über das Blut des Bundes, die aktive Teilnahme am Messopfer und die heilige Kommunion zu sprechen.

Zum einen ist Übersetzen ein äußerst schwieriges, nie perfektes Geschäft. Man kann sich in Ewigkeit streiten. Zum anderen ist es natürlich unerlässlich aber leider oft sträflich unterlassen, die Gläubigen immer im rechten Glauben zu unterweisen. Aber wir dürfen aktuelle Unklarheiten nicht in Jesu Worte hineintragen. Ob nur „für viele“ oder „für alle“: Es ist Jesus, der hier seine Absicht ausdrückt, jeden zu retten. Dass nicht jeder darauf gläubig antwortet, ist wohl – gerade im Hinblick auf den Kreuzestod Jesu – offensichtlich. Jesus sagte doch auch „für euch“ und nicht „für elf von euch“, obwohl er doch wusste, dass er von Judas verraten würde. Die Formulierung von Pfr. Lochner, dass „das Heil selbst aber nur den vielen ,zuteil‘ wird“, führt auf eine falsche Spur. Es wird eben nicht zugeteilt: „du kriegst es, du kriegst es nicht“.

Im Gleichnis vom unbarmherzigen Verwalter macht der Herr deutlich, dass dieser Mann das bereits erhaltene Heil verspielt, weil er es nur für sich selbst gelten lässt. In Umkehrung der Vaterunserbitte sagt Gott: „Dein Wille geschehe! Wenn du der Überzeugung bist, Schuld muss bezahlt werden, dann bezahle auch du!“ Der von Gott geschenkte freie Wille wäre kein freier Wille, wenn er nicht von Gott respektiert würde. Dass es immer wieder Menschen gibt, die versuchen, sich selbst – und Gott? – etwas vorzumachen, sei es durch eine „Allerlösungslehre“, sei es durch jenes „Ich danke Dir Herr, dass ich nicht bin wie die andern“, gehört wohl zum erbsündlichen Hintergrund.

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