Zur Diskussion um Flüchtlinge, deren Wahrnehmung in Gesellschaft und Politik – und den Leitsätzen der Deutschen Bischofskonferenz zum Thema: Zwei verschiedene Standpunkte: Verstörende Formulierung: In die falsche Richtung

In der Debatte um die Flüchtlinge gibt es zwei verschiedene Standpunkte; je nachdem, welchen Standpunkt man einnimmt, tritt eine andere Fragestellung in den Vordergrund. Wenn man vom Standpunkt unserer Gesellschaft ausgeht, liegt die Frage nahe: Wie kann sichergestellt werden, dass unsere wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Errungenschaften erhalten bleiben? Die Schlussfolgerung: Nur dadurch, dass der Flüchtlingsstrom gestoppt oder wenigstens radikal begrenzt wird. Wer so fragt und denkt, wird unwillkürlich vor allem die Nachrichten aufnehmen, die von Problemen mit Flüchtlingen berichten; denn der jeweilige Standpunkt bestimmt unsere Wahrnehmung und unsere Gefühle. Sie werden dann zu Argumenten für die Schlussfolgerung, die derjenige gezogen hat. Doch wer von diesem Standpunkt aus denkt, bleibt die Antwort darauf schuldig, was aus den Flüchtlingen werden soll, die man zwar aus Deutschland fernhalten, nicht aber aus der Welt schaffen kann.

Wenn man vom Standpunkt der Flüchtlinge ausgeht, heißt die Frage: Wo können sie eine Bleibe finden, in der sie menschenwürdig und sicher leben können? Daraus ergibt sich die Folgerung: Wir müssen sie aufnehmen und dürfen den Zuzug nicht begrenzen. Wer so fragt und denkt, nimmt besonders die Nachrichten auf, die von gelingendem Zusammenleben mit Flüchtlingen berichten. Auch daraus entstehen dann Argumente für die gezogene Schlussfolgerung. Wer so denkt und argumentiert, hat zunächst keine Antwort darauf, wie so viele fremde Menschen bei uns integriert werden können.

Es ist klar, dass Christen, also Menschen, die das Evangelium zur Richtschnur ihres Lebens gemacht haben, diesen zweiten Standpunkt einnehmen müssen. Wir können Augen und Herzen nicht vor der Not so vieler Menschen verschließen und sie einfach ihrem Schicksal überlassen. In der politischen Auseinandersetzung verlangt die Nächstenliebe aber auch, sich ehrlich mit den Argumenten der Gegenseite auseinanderzusetzen. Solange man auf dem je eigenen Standpunkt verharrt und die Fragestellung der anderen Seite nicht an sich heranlässt, werden sich die Fronten verhärten. Aber die Fragen beider Seiten müssen beantwortet werden. Um dazu fähig zu werden, muss man jeweils einen Standortwechsel vollziehen. Nur jemand, der keine der beiden Fragestellungen leugnet, wird fähig sein, Lösungen für die Aufgabe zu finden, die uns gestellt ist.

Diejenigen, die für die strikte Begrenzung eintreten, sehen sich als Realisten. Mehrere Millionen fremde Menschen aufzunehmen, sei nicht möglich. Aber haben wir das in Deutschland nicht schon einmal gemacht? Es waren nicht drei oder fünf Millionen Heimatvertriebene, die von 1945–1949 in das Gebiet der heutigen Bundesrepublik kamen, sondern zwölf Millionen. Sicher, es waren keine Ausländer, und es war ein langwieriger und mühsamer Prozess. Aber letztendlich ist er gelungen, obwohl die Lebenssituation derer, die sie aufnehmen mussten, wesentlich schwieriger war als heute. Sodann beruft man sich auf das Recht einer Nation, die eigene Identität zu bewahren. Dabei wird übersehen, dass das, was wir heute sind und leben, längst nicht mehr als „nationale Identität“ bezeichnet werden kann, weil es in vielfältiger Weise von internationalen Einflüssen bestimmt ist. Ganz unzutreffend ist die Behauptung, wir wären in Deutschland eine „christliche Gesellschaft“, die es gegenüber dem Islam zu verteidigen gelte. Zwar hat gerade der Umgang mit den Flüchtlingen gezeigt, wie sehr „christliche Wurzeln“ in unserer Gesellschaft auch heute noch wirksam sind. Aber unsere Gesellschaft im Ganzen ist mindestens ebenso sehr von nicht-christlichen, in manchem sogar anti-christlichen Tendenzen bestimmt.

Unser Gemeinwesen ist ständig in Veränderung. Durch die Flüchtlinge hat es sich bereits verändert; nicht nur durch die, die wir schon aufgenommen haben, sondern schon allein dadurch, dass wir uns mit der Flüchtlingsfrage beschäftigen müssen. Egal, wie unsere Antwort lautet, unsere Gesellschaft wird nicht mehr dieselbe sein wie vorher. Entweder muss sie dann damit leben, dass sie zu weiteren Flüchtlingen Nein gesagt und sie ihrem Schicksal überlassen hat, oder sie muss damit leben lernen, dass mehrere Millionen Menschen aus fremden Kulturen unter uns leben.

Darin liegt auch eine Chance. Sie besteht zunächst einmal darin, dass wir aus unserem Reichtum mitteilen dürfen. Menschliches Leben vollzieht sich in Geben und Nehmen. Die in unser Land strömenden Flüchtlinge nehmen meist dankbar an, was wir ihnen – zunächst weitgehend aus unserem materiellen Überfluss – schenken können. Und tut es uns nicht gut, wenn wir mit denen, die wirklich in Not sind, etwas teilen können? So entsteht eine erste Form von Gemeinschaft mit ihnen. Darüber hinaus können wir ihnen unsere Sprache und damit etwas von unserer geistigen Welt vermitteln. Das wird damit einhergehen, dass wir uns wenigstens ein Stück weit auch ihrer Kultur und ihren Werten öffnen. Das ist schon schwieriger, aber unabdingbar, wenn es Integration geben soll. Denn Integration ist keine Einbahnstraße. Wir setzen damit nur fort, was über die Jahrhunderte immer schon stattgefunden hat, wenn auch in anderem Zeitmaß und anderer Größenordnung.

Eine besondere Frage ergibt sich daraus, dass ein großer Teil der Flüchtlinge Muslime sind. Sie kommen aus Ländern, die als Ganze weitgehend vom Islam bestimmt sind. Für Muslime, die gewohnt sind, dass sie sich in ihrer religiösen Praxis auf eine Mehrheit und auf ein vom Islam geprägtes Recht stützen können, heißt die Herausforderung, ihre religiöse Überzeugung auch ohne diese Stützen zu leben. Als Christen waren wir gewohnt, den christlichen Glauben als einziges ernst zu nehmendes religiöses Angebot in unserer säkularen Gesellschaft vorzufinden. Auch wenn das seit längerem schon nicht mehr der Wirklichkeit entsprach.

In unserer säkularen Gesellschaft können Muslime und Christen auch Bundesgenossen sein, denn sie teilen gemeinsame Grundüberzeugungen, die das II. Vatikanische Konzil so formuliert hat: Gottes „Heilswille umfasst auch die, welche den Schöpfer anerkennen, unter ihnen besonders die Muslime, die sich zum Glauben Abrahams bekennen und mit uns den einen Gott anbeten, den barmherzigen, der die Menschen am Jüngsten Tag richten wird.“ (Dogmatische Konstitution über die Kirche Nr.16) Auf dieser Grundlage können Christen und Muslime durchaus gemeinsam, etwa in Fragen des Lebensrechts, zusammenarbeiten.

Andererseits ist der Islam – genauso wie das Christentum – eine missionarische Religion, die einen universalen Anspruch erhebt. Insofern sind Islam und christlicher Glaube Konkurrenten. Diese Konkurrenz konstruktiv zu leben, fordert beide Seiten besonders heraus. Für Muslime dürfte die Herausforderung vor allem darin bestehen, das Menschenrecht der Religionsfreiheit anzuerkennen und darin eine Chance dafür zu entdecken, ihren Glauben nicht nur als Ritus und Lebensordnung, sondern als persönliche Entscheidung zu ergreifen. Dafür müssen sie sich klar von islamistischen Gruppen distanzieren, die ihre Religion mit Gewalt und Drohung verbreiten. Für Christen ist es die Herausforderung, die Privatisierung des Glaubens zu überwinden und den missionarischen Auftrag des Evangeliums umzusetzen. Der Mangel an Zeugnisbereitschaft von Christen ist es, der die Ausbreitung des christlichen Glaubens in Deutschland verhindert, nicht die Muslime, die ihren Glauben gewaltfrei leben.

Unter den Leitsätzen der deutschen Bischofskonferenz (DT vom 20. Februar) hat mich eine Formulierung äußerst verstört. Zur Begründung der Bemühungen, einem jeden Flüchtling entsprechende Hilfe zu gewähren, wird unter anderem als der menschlichen Würde entsprechend auch die „sexuelle Orientierung“ aufgeführt. Hinter diesem Begriff verbirgt sich jedoch die Gender-Ideologie und damit eine Bestimmung des Menschen nach seinem sexuellen Verhalten, was die Würde des Menschen auf ein primitives triebhaftes Niveau reduziert und deshalb gerade nicht mit dieser vereinbar ist. Selbstverständlich darf die „sexuelle Orientierung“ eines Menschen nicht – und zwar nach den Menschenrechten nicht – bei Hilfsaktionen berücksichtigt werden. Jedoch aus christlicher Sicht geschieht die Duldung der nach solchen abseitigen Verhaltensweisen Lebenden allein aus dem Bewusstsein, dass wir alle Sünder sind. Die Kirche hat hingegen die zwar rechtlich so zu akzeptierenden „sexuellen Orientierungen“ durchaus verurteilt und sollte das auch weiterhin klar zum Ausdruck bringen. Deswegen sollten solche missverständlichen und sogar verkehrten Begriffe nicht angeführt werden.

Erstaunlich wirkt, während sich alle deutschen Grenzsicherungen mehr oder weniger in Luft auflösen und ein gewaltiger Einwanderungsstrom sich ins Inland ergießt, dass die Bundeskanzlerin nur die kargen Worte findet, „wir schaffen es, wir sind stark“. Allein unsere für jedermann ungehindert offenen Grenzen sprechen schon für alles andere als ausgerechnet für Stärke unseres Landes. Alles weist vielmehr in die eine und dieselbe Richtung einer erschreckenden Überforderung unserer Möglichkeiten. Jedenfalls wird uns eine Politik, die tendiert, Deutschland zum Sozialamt der muslimischen Welt und wohl auch noch darüber hinaus werden zu lasen, trotz ihres sicher humanitären Gedankenansatzes mit Sicherheit nicht gelingen können, sondern in die gänzlich falsche Richtung führen.

Weitere Artikel
Themen & Autoren
Abonnements

Kirche

Synode
Synode
Synodalität als Stärkung der Kirche Premium Inhalt
Synodale Prozesse wecken derzeit sowohl Hoffnung als auch Sorgen. Doch was zeichnet den „gemeinsamen Weg“ aus? Zehn biblische Anregungen für synodale Gespräche.
20.09.2021, 19 Uhr
Martin Baranowski
Schwules Paar
Rezension
Eine Wegweisung im LGBTIQ - Dschungel Premium Inhalt
Daniel Mattson legt in seinem autobiografischen Buch "Warum ich mich nicht als schwul bezeichne" tiefe Gedanken über Sexualität, persönliche Freiheit und die Lehre der Kirche vor.
19.09.2021, 17 Uhr
Barbara Stühlmeyer