Zur Diskussion um die „Ehe für alle“: Zaghaft verschämte Äußerung aus der Kirche

Wie wohltuend sind die klaren Feststellungen zum rechtlichen Status der Familie mit eigenem Nachwuchs im Leitartikel von Jürgen Liminski (DT vom 22. Juli) gegenüber der zaghaft verschämten öffentlichen Äußerung von drei politischen und kirchlichen Vertretern, eine Überprüfung der Rechtmäßigkeit der „Ehe für alle“ durch das Bundesverfassungsgericht sei „wünschenswert“. Mit der in dieser Erklärung durchscheinenden Übernahme der Vorstellungen und des Sprachgebrauchs der Gender-Ideologie ist der entscheidende Schritt zur von Volker Beck geforderten „Akzeptanz“ der gleichgeschlechtlichen Lebensform schon getan.

Dabei stellt dieses Gesetz einen Rechtsbruch unserer Verfassung durch die entscheidenden demokratischen Gremien dar. Wenn in der repräsentativen Demokratie die Vertreter des souveränen Volkes glauben, mit einfacher Mehrheit in beiden Kammern, Bundestag und Bundesrat, das Grundgesetz auszuhebeln, und jetzt auch noch selbst der Bundespräsident ein dem Grundgesetz widersprechendes Gesetz in Kraft gesetzt hat, ist meines Erachtens der Rechtsstaat in Gefahr. Dabei ist die Rechtslage mehr als eindeutig. Es gibt keine „Grauzonen“, durch die man die „Ehe für alle“ in den Ehebegriff hineinschmuggeln könnte. Die Argumentation, gleichgeschlechtliche Paare könnten genauso gut „Verantwortung füreinander übernehmen“, verrät seinen verlogenen Sophismus schon im Wortgebrauch. Denn „Verantwortung“ für einen anderen „zu übernehmen“ ist nur dann angebracht, wenn jemand nicht in der Lage ist, sich vor sich selbst zu verantworten. Die in der Ehe gemeinte Verantwortung ist die der Eltern für ihren unmündige Kinder.

Gegenüber Erwachsenen bedeutet also, Verantwortung übernehmen gegenseitige Entmündigung. Und so verrät dieser Gebrauch des Begriffs „Verantwortung“ ein pervertierendes Wortspiel. Außerdem muss grundsätzlich einmal festgestellt werden, dass zum mindesten der moderne Staat überhaupt keinen Rechtsgrund hat, sich mit seiner Gesetzgebung in die vorrechtlichen Voraussetzungen, welche die Grundrechte feststellen, einzugreifen.

Dass das Recht der Ehe von Mann und Frau Vorrechte eingeräumt hat, geht – wie immer wieder betont worden ist – nur darauf zurück, dass dieses Institut allein den Fortbestand der Gesellschaft gewährleisten kann. Gerade nachdem sich der Rechtsstaat der moralischen Begründungen entledigt hat, geht der ganze Bereich sexueller Verhaltensweisen, sowie insbesondere subjektiver Genuss- und Wohlfühlbedürfnisse den Staat, beziehungsweise die Rechtsgemeinschaft nichts mehr an.

Das Schlimmste an diesem Gesetzesbeschluss ist jedoch, dass Abgeordnete einer Partei, die sich als „christlich“ bezeichnet, dieser Möglichkeit ungehemmt zugestimmt haben, obwohl es für einen Christen eine Verurteilung solcher Einflussnahme durch ihren Stifter gibt, die in dieser Härte sonst fast nie in den Glaubensdokumenten vorkommt: „Wer einem von diesen Kleinen, die an mich glauben, Ärgernis gibt, für den wäre es besser, dass ein Mühlstein um seinen Hals gehängt würde und er versenkt würde in die Tiefe des Meeres“ (Mt 18,8).

Mir ist nicht bekannt, dass sich unsere Kirchenoberen auf diese eindeutige Grundlage für die Entscheidung eines Christen berufen hätten. Und wo ist im Reformationsjubiläumsjahr der Grundsatz Luthers: „Das Wort müssen sie lassen stahn“ geblieben? Dieses – wie alle Bibelworte, die sich nicht umdeuten ließen –, haben die Sprecher des Protestantismus einfach vom Tisch gefegt.

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