Zur Diskussion um das nachsynodale Schreiben „Amoris laetitia“ und der Kritik an Papst Franziskus: Fernab kirchlicher Realität: Mehr Bescheidenheit und Demut

Wenn Guido Horst im Zusammenhang mit dem päpstlichen Schreiben „Amoris laetitia“ von einem Riss in der Kirche spricht, so konstruiert er ein Krisenszenario, das fernab der kirchlichen Realität ist.

Als Papst Franziskus im Oktober 2013 eine Doppelsynode zum Thema Ehe und Familie ankündigte, war ihm die Brisanz der Thematik und die Gefahr eines Schismas voll bewusst. Er ging daher sehr umsichtig zu Werke und ließ beispielsweise aufgrund der Erfahrungen während der Bischofssynode 2014 im folgenden Jahr das Thema „Gleichgeschlechtliche Liebe“ aus dem Fokus nehmen.

Im Hinblick auf den Abschlusstext der Bischofssynode 2015 war es dem Pontifex ein Anliegen, dass dieser so formuliert wird, dass er innerhalb der Versammlung eine breite Mehrheit finden kann. Alle 94 Textpassagen des Abschlussberichtes der Bischofssynode 2015 wurden von den 265 Synodenvätern mit einer Zwei-Drittel-Mehrheit verabschiedet.

Vergleicht man nun diesen Abschlussbericht mit dem päpstlichen nachsynodalen Schreiben, so wird man keine substanzielle Aussage finden, die über das Synodendokument hinausgehen würde.

Was die Interpretation von „Amoris laetitia“ betrifft, so hat sich der Papst bei einer Pressekonferenz auf dem Rückflug von Lesbos nach Rom am 16. April 2016 klar geäußert. Auf eine Frage von Francis Rocca vom Wall Street Journal erwiderte er: „Ich empfehle Ihnen allen, die Präsentation zu lesen, die Kardinal Schönborn gehalten hat, der ein großer Theologe ist. Er ist Mitglied der Kongregation für die Glaubenslehre und kennt die Lehre der Kirche gut. In jener Präsentation wird Ihre Frage ihre Antwort finden. Danke.“ Gerhard Kardinal Müller hat sich am 04. Mai 2016 im Zusammenhang mit einem von ihm gehaltenen Referat zum Thema „Was dürfen wir von der Familie erwarten?“ folgende Illoyalität gegenüber Papst Franziskus erlaubt: „Wenn über die Auslegung eines Dokuments Zweifel bestehen, ist nach katholischer Hermeneutik einzig die Lesart möglich, die dem folgt, was das vorangegangene Lehramt gelehrt hat.“ Der Langmut von Franziskus scheint groß zu sein.

Leserbriefschreiber Johannes Korf (DT vom 26. Juli) hält die Haltung des Papstes für eindeutig, benennt aber nicht den konkreten Inhalt der so eindeutigen Haltung. Es ist gut, wenn Menschen, vor allem Christen hinter ihrem Papst stehen. Doch auch ein Papst darf kritisiert werden, natürlich außerhalb der Glaubens- und Sittenlehre!

Papst Franziskus liebt es, sich sehr spontan zu äußern und darin liegt ein gewisses Risiko der mehr oder weniger unpräzisen Formulierung gegenüber der lehramtlichen Glaubenslehre. Der Osservatore Romano hat solche Spontanäußerungen von Papst Franziskus in seiner Berichterstattung mehrfach stillschweigend korrigiert.

Es geht auch nicht darum, alles bis ins Kleinste zu regeln, sondern das, was sinnvollerweise geregelt werden sollte. Darüber kann es unterschiedliche Auffassungen geben.

Ja, menschliches Leben ist vielgestaltig und es soll jeder in seiner individuellen Argumentation angehört und nicht über einen Kamm geschoren werden. Es ist immer eine Gefahr, von seinem jeweils eigenen subjektiven Denken übertrieben fasziniert zu sein.

Bescheidenheit und Demut sind deshalb in der Selbstbewertung und der Bewertung anderer Menschen unverzichtbar. Völlig unkonkrete Kritik und pauschale Abwertung, ohne jegliches Beispiel zu geben, ist einfach substanzlos und damit ohne Wert.

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