Zur Diskussion über die Stellungnahme des Deutschen Ethikrates zur „Babyklappe“: Verständnisvolle Liebe

Nein, die „Babyklappe“ ist keine moderne Erfindung. Renzo Spielmann hat Recht (DT vom 15. Dezember): Das „Mosesprojekt“ ist aus unserer jüdisch-christlichen Kultur und der abendländischen Geschichte nicht wegzudenken; das biblische Findelkind Moses erhielt einen historischen Auftrag von weltweiter religiöser Tragweite. Vorwiegend in romanischen Ländern, aber auch in deutschen und britischen Städten wurden Findelhäuser eingerichtet, um Leben zu erhalten und der großen sozialen Not von Frauen und Familien abzuhelfen. Dass solche Geretteten ihr Leben gestalteten und weitergaben, kann an dem in Süditalien häufiger anzutreffenden Familiennamen „Esposito“ heute noch abgelesen werden.

Natürlich ist die Suche des Findel-Kindes nach seiner biologisch-sozialen Herkunft ein psychologisches Problem von persönlicher Dramatik. Aber erstrangig ist für jeden Menschen doch das Leben selbst – nicht (!) die damit auch gegebenen störenden Bedingungen und Behinderungen: Leben ist nicht nur Gabe, sondern Aufgabe, Ungesichertheit und Wagnis bestmöglich durchzustehen.

Das Mehrheitsvotum im Nationalen Ethikrat spricht sich für die Abschaffung der Babyklappe aus, weil junge Mütter und Eltern über geregelte Beratungsdienste andere Wege erkennen und sich vielleicht doch zur Annahme eines „belastenden“ Kindes entschließen könnten. Die seelischen Wege des Individuums aber verlaufen nicht immer statistisch berechenbar: die Babyklappe ist eine allerletzte Hilfe in einer Situation totaler Überforderung! Immer noch nehmen gerade junge Frauen ihre Schwangerschaft nicht „wahr“, verheimlichen sie vor der Umwelt oder vor sich selbst. Sie sind zu hilflos, um zum Geburtstermin irgendeine Person um Beistand zu bitten. In solch individueller Not versagt jeder Lösungsautomatismus, jedes vorgefertigte Beratungsschema. Zugegeben, die „Klappe“ kann als Angebot missverstanden werden und zum Fortgebeakt animieren. Schon Meyers Konversationslexikon von 1888 warnte vor den „Drehladen“, weil dadurch „das Verantwortungsgefühl der Eltern geschwächt“ werde. Aber welches sozial-caritative Angebot ist gänzlich vor Missbrauch geschützt? Und schmälert dies das hilfreiche Angebot im Dienst am Nächsten und am Menschenleben? Sowohl bei Babyklappe wie anonymer Geburt ist verständnisvolle Liebe mit im Spiel, diese ist das eigentliche Thema.

Themen & Autoren

Kirche

Papst in der Slowakei
Bratislava
In das reale Leben eintauchen Premium Inhalt
Die Pastoral muss kreativ begleiten und motivieren. In der Slowakei will die Kirche dafür den richtigen Weg finden. Papst Franziskus ermutigte bei seinem Besuch dazu. Ein Gastkommentar.
18.09.2021, 19 Uhr
Thomas Schumann