Zur Diskussion über Auslassungen in den von der Leseordnung vorgesehenen Schrifttexten: Die diakonische Dimension der Liturgie

In den letzten Ausgaben der „Tagespost“ gab es in den Leserbriefen wiederholt Hinweise auf die Auslassungen in den Lesungen der Messe. Besonders wurde auf das Fehlen der Verse 27 und 28 bei der Lesung aus dem 1. Korintherbrief 11, 23-26 hingewiesen.

Das grundsätzliche Anliegen der Leserbrief-Schreiber teile ich. Manchmal gruselt es mich geradezu, wenn ich das „Gemetzel“ sehe, das zum Teil bei der Festlegung der Lesungstexte vollzogen wurde. Dann aber denke ich: Es ist gar nicht so einfach, eine vernünftige Grenze zu ziehen, festzusetzen wo ein Gedankengang wirklich beendet ist und man mit gutem Gewissen einen Punkt setzen kann. Die beanstandete Lesung ist so ein Fall. Reicht es wirklich, die Verse 27 und 28, wie gewünscht anzufügen? Vom Kontext her betrachtet ist eigentlich nur die Eingrenzung sinnvoll, die in der Einheitsübersetzung gemacht worden ist: die Verse 17-34 bilden eine Einheit, die man, wenn man sachgerecht den Text verstehen will, beachten muss. Paulus mahnt die Korinther, dass zur Eucharistie die Einheit gehört. Diese sieht er verletzt durch das Verhalten einiger, die nicht auf die ganze Gemeinde warten, sondern für sich schon einmal das Sättigungsmahl halten, in das die Eucharistie in dieser Zeit eingebettet war und für die vermutlich Armen, die erst nach „Dienstschluss“ kommen konnten, nichts übriglassen.

Die Zusammenfassung des Paulus lautet dementsprechend: „Wenn ihr also zum Mahl zusammenkommt, meine Brüder, wartet aufeinander! Wer Hunger hat, soll zuhause essen; sonst wird euch die Zusammenkunft zum Gericht...“ Er mahnt also zur Nächstenliebe (oder in unserer heutigen Sprache zu sozialem Verhalten). Paulus spricht hier also nicht von dem, was viele als Voraussetzung für einen „würdigen Kommunionempfang“ für notwendig zu halten scheinen. Andacht, liturgische Korrektheit oder ähnliches, es geht ihm an dieser Stelle um eine ganz andere Dimension, die aber auch heute wichtig ist. Denken wir nur an die erste Enzyklika Benedikt XVI. „Deus caritas est“!

Vielleicht: „Niemanden ausschließen, der sich nicht selbst ausschließt?“ Denn das kann Paulus ja auch, Grenzen setzen, wenn es notwendig ist. Aber auf keinen Fall die diakonisch Dimension der Liturgie zugunsten von Ästhetik oder bloßer ritueller Korrektheit ausschließen und da hapert es in unserer Kirche ganz gewaltig, wenn es nicht um Kollekten, sondern den persönlichen Einsatz geht! „Geht, ihr seid gesandt!“, so wäre der Schlussruf der Messe auch gut übersetzt. Wir sollten uns durch jede mitgefeierte Messe neu senden lassen.

Weitere Artikel
Themen & Autoren
Abonnements

Kirche

Papst in Budapest
Budapest
Umkehr: Die wahre Reform der Kirche Premium Inhalt
In Budapest wurde die Tiefendimension der Kirche sichtbar: Mit Blick auf Christus ist sie jung, dynamisch, fröhlich, ökumenisch, missionarisch und attraktiv. Ein Kommentar.
16.09.2021, 13 Uhr
Stephan Baier