Zur Debatte um den Zölibat in der katholischen Kirche: Bereit sein, Jesus radikal zu folgen: Höchstform eines Lebens der Liebe: Die Mehrheit denkt doch anders

Wie richtig formuliert Bischof Hanke: „Ist es nicht riskant, die Berechtigung des priesterlichen Zölibates an die öffentliche Meinung und deren Fassungskraft zu koppeln?“ Viele können sich doch heute auch schon nicht mehr vorstellen, dass ein Mann eine Frau ein ganzes Leben lang liebt und ihr Jahrzehnte treu bleibt! Der Mainstream kann sich auch absolut nicht vorstellen, ein als behindert diagnostiziertes Kind auszutragen; und die Fassungskraft der Öffentlichkeit übersteigt es, wenn sich Frauen viele Jahre ihres Lebens einer großen Kinderschar widmen und auf ungeheuer vieles verzichten. Jesus hat in provozierender Weise die Fassungskraft seiner Zuhörer herausgefordert in zahllosen seiner Worte. Was jeder versteht, war nie Jesu Sache.

In dieser Nachfolge Jesu hat die Kirche nach und nach, die Weisheit der Juden und die Lebenserfahrung durch Jahrhunderte hindurch nutzend, ihr Bild für den katholischen Priester entwickelt: Der geweihte, ehelose Mann in der sinnenhaft sichtbaren, direkten, ja körperlichen Nachfolge Christi. Und diese Nachfolge kann bis zum Kreuz gehen und ging in der Geschichte der Märtyrer oft so weit. Der katholische Priester wäre – fiele der Zölibat – mit einem Schlag ein Beruf wie jeder andere; er wäre keine Berufung mehr. Höhe des Einkommens, Sicherheit des Arbeitsplatzes, Dienstwohnung in Pfarrhäusern mit nicht zu kleinen Gärten, freie Zeiteinteilung, sehr schnell der eigene Chef, ungeheure Gestaltungsmöglichkeiten der Seelsorgsarbeit, sehr große Freiheit im Experimentieren – all das würde bei der Auswahl des Priesterberufes zu Recht bedacht und gewürdigt. Keinerlei Verzichtspflicht wäre dem Priester mehr im Weg.

Würden wir auf diese Weise Priester bekommen, die Jesus radikal nachzufolgen bereit sind? Die mit Christus ihr ganzes Priesterleben lang an der Seite der Alleingelassenen, der Kranken, der Verletzten, der Armen, der Behinderten, der Ausgestoßenen, der Traurigen, der Gescheiterten stehen? Priester, die auch durch ihr Leben zeichenhaft zeigen: Ich kann dir zur Seite stehen, denn ich kann ganz für dich da sein, ich muss auf niemanden Rücksicht nehmen, ich liebe nicht Tochter, Sohn und Frau. Die vielen alleinlebenden Menschen, jung oder alt – wie kurz ist für die meisten die Zeit der intimen Zweisamkeit vor dem Hintergrund der langen Lebenserwartung – an ihrer Seite steht der katholische Priester in seiner zölibatären Lebensform, glaubwürdig und voller Trost und ein lebendiges Zeichen dafür, dass mit Gott als Lebenspartner alles glücken und gesegnet sein kann.

Es mag Ihnen blauäugig erscheinen, doch ich erlebe es so, dass diejenigen, die zölibatäres Leben diskutieren, Eheleute sind, die ihr Miteinander in der Ehe fruchtbar und segensreich erleben. Männer und Frauen, die in ihren Ehen Wachstum, Getragen- und Geborgenheit spüren, wünschten sich dies in unserer Zeit auch für ihre Priester. Ich erlebe die Diskussion als ein Mitleiden mit den Priestern.

Zur Predigt des Bischofs von Eichstätt soll angemerkt sein, dass ein zölibatär lebender Priester durch seinen Verzicht auf die Ehe damit nicht gleichzeitig auf seine Geschlechtlichkeit verzichtet. Es liegt nicht in unserer Macht, auf diese zu verzichten. Jesus und der Priester sind als Mann geboren und ich als Frau – ob wir das nun wollen und in der ganzen Tiefe sehen und erleben können oder nicht. Dass wir „Einer in Christus“ sein dürfen, setzt unsere Verschiedenheit voraus.

Eheloses Leben um des Himmelreiches willen ist auch in meinen Augen die Höchstform eines Lebens der Liebe und passend für einen Mann, der am Altar Jesus vergegenwärtigt. Und es ist auch gut in meinen Augen, wenn ein Bischof seine Mitzölibatären stärkt. Doch nach außen, in die Gesellschaft hinein, darf es nicht um starke Worte gehen und um Abgrenzung und Sonder-, ja sogar Höherstellung. Gerade in unserer Zeit, wo Frauen in der Gesellschaft immer mehr „ihren Mann“ stehen, sollte Kirche in ihren Veröffentlichungen auf der Höhe der Zeit sein und deutlich machen, dass sie um Frauenkraft weiß und diese mit hinein nimmt auf den „Weg der Verwandlung“.

Seit einiger Zeit beziehe ich die DT. Die umfassende, informative Berichterstattung über die verschiedensten Themen sagt mir zu. Allerdings entstand bei mir der begründete Eindruck, der sich zunehmend verstärkt, dass die DT religiös ausgesprochen traditionalistisch geprägt und ausgerichtet ist, so auch mit dem Thema Zölibat. Deshalb ist es wohltuend und ermutigend, die Leserzuschriften von P. Vinzenz Ganter SCJ und Pfr. Kurmanowytsch (DT vom 15.03.08) lesen und aufnehmen zu dürfen, welche die Meinung der großen Mehrheit des „einfachen Kirchenvolks“ zu den Äußerungen von Erzbischof Zollitsch zum Zölibat wiedergibt. Gott sei es gedankt, dass es in unserer Kirche auch solche Menschen gibt, die den Mut haben, gegen alle unsachlichen Argumentationen aus traditionalistischen Kreisen, den Stellenwert des biblisch nicht begründbaren und von Jesus Christus nicht geschaffenen Zölibats klarzustellen und entgegen aller zu erwartenden Kritiken, ihre Meinung offen zu bekennen. Dafür bin ich als einfacher, aber kritischer Gläubiger, dankbar. Ich bin mir ganz sicher, dass viele einfache Mitchristen so denken und die Meinungen von der traditionalistischen Seite zum Zölibat (auch manche Ansicht aus Rom) beim einfachen, gläubigen Kirchenvolk mehrheitlich so einfach nicht (mehr) ankommt und widerspruchslos hingenommen wird.

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