Zur Debatte um das Kreuz-Urteil des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte: Kein Monopol der Christen: Den Ast absägen, auf dem wir sitzen

Die Reaktionen auf das Kruzifixurteil zeigen, dass hier ein Nerv der Gesellschaft und der Kirche getroffen ist. Allerdings scheint mir, dass das Kreuz über die Debatten hinausragt. Es ist auch kein Monopol der Christen, wenn auch die Gläubigen in besonderer Weise darum wissen und es in der Gesellschaft präsent zu halten haben.

Biblisch und liturgisch ist das Kreuz durch den, der daran starb – und nur durch ihn – das Heilszeichen schlechthin – für alle. Das Agnus Dei der Eucharistiefeier, Joh 12,32 und Mt 24,30 mögen als einschlägige Bekenntnisse für die Allbedeutsamkeit des Kreuzes Christi herausgegriffen sein.

Vielleicht spüren auch Atheisten, dass es im Kampf um das Kreuz nicht nur um das Pro und Contra humaner Gesellschaftsregeln geht, sondern letztlich um die Entscheidung für oder gegen Gott. Darum ist diese Kontroverse ein Aufruf an die Kirchen, sich ihres missionarischen Auftrags neu bewusst zu werden, besonders im Gebet für alle. Das Agnus Dei könnte ein sehr wichtiges kirchliches Gebet sein.

Dieses Urteil ist in meinen Augen ein Ausdruck dafür, auf welches geistig-kulturelle Niveau West- und Mitteleuropa herabgesunken sind. Es ist quasi auch das Ausrufezeichen hinter einen Prozess der Zerstörung moralischer und sittlicher Werte, der seit nunmehr etwa vier Jahrzehnten in Gang ist und mit der sogenannten 68-er Revolution seinen Ausgangspunkt hatte. Man sollte es wirklich als das sehen, was es ist. Kündigt uns nicht die heilige Schrift von allerlei Nöten und Verfolgungen? Natürlich liegt es dennoch an uns, ob wir dies zulassen. Schließlich haben wir es nicht mit sich selbst erfüllenden Prophezeiungen zu tun. In diesen heutigen Zustand sind wir doch nicht durch Naturkatastrophen oder das freie Walten von Marktkräften oder sonst etwas hineingeraten. Man muss zur Kenntnis nehmen, dass es eine falsche Geisteshaltung ist, die uns hierher gebracht hat. Völlig dekadente Denkmuster, eine besondere Art und Weise zu denken und Probleme lösen zu wollen. Wie mir scheint, haben wir alle in irgendeinem Maße Schaden genommen in dem Prozess der geistig-kulturellen Zersetzung der letzten vierzig Jahre.

Wozu sind wir hier auf dieser Erde? Etwa nur um unsere irdischen Bedürfnisse zu befriedigen? Das sicherlich auch. Aber das gelingt uns doch letztlich nur dann, wenn wir das Überleben unserer Gesellschaft als ganzer sicherstellen. Wir brauchen dringend neue Horizonte, neue Zielsetzungen dessen, was wir wirklich wollen. Wir müssen neu darüber nachdenken, wie gesellschaftlicher Fortschritt zustande kommt. Nur so können wir unsere heutigen Schwierigkeiten überwinden. Was das mit dem Kreuz zu tun hat? Alles! Europäische Geschichte und Geschichte des Christentums sind ein einheitlicher Prozess. Und diese Geschichte hat Fortschritt generiert, Fortschritt im Sinne von einem wirklich erfolgreichen Fortschreiten für die Gesellschaft als Ganze. Wir alle partizipieren heute davon. Und wenn wir nicht wirklich wieder lernen, in diesem Sinne unser Überleben zu gestalten, dann steht es schlecht um uns. Deswegen, wenn heute das Christentum angegriffen wird, in die Ecke getrieben wird, dann sägen wir uns wirklich den Ast ab, auf dem wir alle sitzen, auch die, die dies nicht gerne hören. Denken wir alle gründlich über unsere Geisteshaltung nach. Das gilt für Christen und Nichtchristen in gleichem Maße.

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