Zur Debatte über Kurs und Profil der Christdemokraten: Nach 36 Jahren aus der Partei ausgetreten

Zu dem Leserbrief „Die Beiträge sind mir zu bissig geworden“ (DT vom 4. September) von Annemarie Haid: Dagegen meine ich, dass die Kritik an CDU und CDU-Politikern leider mehr als richtig und notwendig ist. Ich bin aus der CDU nach 36 Jahren jüngst ausgetreten. Ich war über fast ein Jahrzehnt Präsident einer Dachorganisation und vertrat rund 30 000 Geowissenschaftler in Deutschland. Viele von diesen kennen meine religiöse Stellung und meine politischen Ansichten. So informierte ich eine Reihe befreundeter Kollegen. Ich war über deren Reaktionen aber außerordentlich erschrocken. Die meisten gratulierten zu diesem „notwendigen“ Schritt, einige meinten, die CDU würde nur nach Massenaustritten wieder eine konservative Partei mit christlichem Hintergrund und Handlungsweisen werden. Eine ganze Reihe dieser Kollegen sind auch der Ansicht, nicht mehr zur Wahl gehen zu können, weil sie keine der gängigen Parteien mehr wählen könnten. So wird also der hohe Prozentsatz der Nichtwähler verständlich.

Ich trat der CDU 1974 bei, als sie noch eindeutig christliche Werte vertrat. Ich habe mich als Mandatsträger in Köln und Havixbeck, als Ortsverbandvorsitzender und Landtagskandidat in Köln gerne und erfolgreich für diese damals meine Partei eingesetzt. Aber jetzt sehe ich viele Punkte, wegen denen ich ausgetreten bin:

Das „C“ im Namen dieser Partei ist kein Wertebegriff mehr, sondern eine Wählertäuschung. Nach einem Kommentar in einer großen deutschen Tageszeitung sei das „C“ im Namen der Partei inzwischen Geschichte. Christliche Werte sind nicht mehr Maßstab auf keiner Ebene der Politik, sondern die vom Zeitgeist geprägte Beliebigkeit.

Der „Gender“-Wahn wird in aller Stille in allen öffentlichen Bereichen und in der Gesellschaftspolitik durchgesetzt. Die Familienpolitik ist ein Desaster und fern christlicher Werte. Die Rechte der Eltern werden ausgehebelt und das Modell der staatlichen Erziehung in eigenen Kinderkrippen nach DDR-Modus verwirklicht. Die Leistungen der Mütter im Rahmen eigener Kindererziehung werden diskriminiert und die Institution Ehe wird konsequent geschleift und zerstört.

„Die CDU steht als Partei nicht mehr für den Schutz des Lebens“, so Werner Münch, ehemaliger Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt und nach 37 Jahren aus der CDU ausgetreten. „Die CDU ist für mich wegen der Abkehr von christlichen Werten nicht mehr wählbar.“ So ist Lebensschutz in der CDU ein Fremdwort geworden. Ich darf daran erinnern, dass wir ohne den millionenfachen Mord an ungeborenen Kindern in unserem Lande (seit Freigabe der Abtreibung 1976 an die neun Millionen) keine demographischen Probleme hätten. Die „C“DU ignoriert diese Situation völlig.

Eine konservative christliche Politik ist der Kanzlerin fremd. Persönlichkeiten, die sich einer entsprechenden Politik verpflichtet fühlen, wurden und werden verdrängt. In den von der CDU verantworteten Ämtern einschließlich der von ihr besetzten Ministerien sitzt eine Vielzahl von Universaldilettanten, während Fachleute ignoriert und vor den Kopf gestoßen werden. Man hat den Eindruck einer Laienspielschar. So folgen beispielsweise CDU-Politiker den Klimahysterikern und malen ohne fachliche Kompetenzen Katastrophen an die Wand.

Die Mitglieder sollten ihre Parteien bewegen können. Interne Funktionärs-Cliquen verhindern dieses heute. Viele Spitzenmandatsträger auf allen Ebenen zeichnen sich durch Inkompetenz und Überheblichkeit aus. Die Mitglieder wie die Wähler sind nur noch Stimmvieh.

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