Zur Debatte über die Präimplantationsdiagnostik (PID) im Anschluss an das diesbezügliche Urteil des Bundesgerichtshofes (BHG): Von wegen Perfektion: So wird die Welt ärmer!

Die wahre Triebfeder der PID ist wohl das Anspruchsdenken: Wir haben Anspruch auf Gesundheit, glückliche Kindheit, ein harmonisches und komplikationsloses Miteinander in der Familie, ein glattes Leben mit Karriere und dem Generalanspruch auf Sorglosigkeit – so glauben viele. Krankheit und Behinderung passen doch nicht in das idyllische Bild fortschrittlichen Lebens. In einer modernen Gesellschaft müssen wir uns doch nicht damit auseinandersetzen. Die menschliche Begrenztheit fällt aus unserem größenwahnsinnigen Rahmen und sprengt unsere Komfortkreise. Doch was tun wir wirklich mit unserem Wahn und unserer Sucht nach Perfektion?

Wir beschränken dadurch nicht nur unsere intellektuellen, sondern auch unsere körperlichen Vielseitigkeiten, indem wir die physische Diversifikation zur Abnormität degradieren ohne zu bedenken, dass zum Beispiel etliche Persönlichkeiten aus Kunst, Kultur, Wissenschaft, Politik und Religion unheilbare seelische oder körperliche Erkrankungen oder Beeinträchtigungen hatten, die sie nicht davon abhalten konnten, unsere Welt reicher und vielfältiger, freier und flexibler, wahrheitsliebender und menschenfreundlicher zu machen. Prospektiv wird die PID auch dazu beitragen, die Menschheit um diese Vielfalt zu berauben. Ein Raub, dessen Willkür nicht mehr mit dem Begriff „Nasenfaktor“, sondern nur noch mit dem Begriff „Genfaktor“ von den Befürwortern dieser zweifelhaften Technik euphemisiert wird.

Der Mensch ist nicht nur des Menschen Wolf, sondern auch noch durch bemerkenswert dummen Opportunismus geprägt. So verteufelt er die Eugenik früherer Zeiten, selektiert aber Embryonen, von dessen Leben er glaubt, es sei nicht lebenswert. Aus Datenschutzgründen sträubt er sich beispielsweise auch gegen die Datenspeicherung auf Krankenkassenkarten, erzwingt von Embryonen aber durch invasive Untersuchungen eine Selbstauskunft. Die Reihe an Beispielen ließe sich beliebig fortführen.

Fest steht für mich jedoch, wer an das „Ja“ zum Leben ein „Aber“ anhängt und versucht, unheilbare Erkrankungen durch Selektion zu verhindern, der hat Angst vor dem wahren Leben und betrügt sich um dessen Vielseitigkeit. So jemand zelebriert die Kultur des Todes und leistet der Zucht durchschnittlichen Lebens Vorschub. Die PID ist Teil eines fatalen Angriffs auf das ungeborene Leben und die Fülle des Lebens im allgemeinen.

Nein, mir scheint, Kinder werden nicht mehr als schützenswerte Zukunft und als bester Teil von uns selbst geschätzt, geschützt und geliebt, sondern als Statussymbol missverstanden. Und dieses muss natürlich nach unseren überdrehten Maßstäben makellos sein. Kann der Mensch denn nur noch das lieben, was seinen Vollkommenheitsgelüsten entspricht?

Das BGH-Urteil hat uns Nicht-Staatsrechtlern wieder einmal deutlich den Unterschied zwischen Recht und Gerechtigkeit, zwischen juristischem Formalismus und der Lebensrealität des Menschen vor Augen geführt. Es zeigt uns aber auch, in welch desaströsem Zustand die Werte der Ethik und Humanität durch das Komfortdenken und die Bequemlichkeit von Teilen unserer Gesellschaft gebracht worden sind.

Doch warum fühlte sich nun Frau Leutheuser-Schnarrenberger dennoch dazu berufen, die Gesellschaft zur „unaufgeregten und differenzierten“ Diskussion aufzurufen? Das ist sicherlich nicht nur ein hilfloser Beschwichtigungsversuch, um die Proteste auch aus den Reihen der Kirchen gegen die Frühselektion von Menschen zu beschwichtigen. Es scheint mir auch Ausdruck großer menschlicher Kälte zu sein. Lebensschutz ist eine Herzenssache und ohne Emotionalität nicht vorstellbar.

Mit einem rechnet die Bundesjustizministerin dabei wohl nicht: Entscheidungen sind nur dann von Wert, wenn sie mit Herz und Verstand getroffen werden. Genau in diesem Sinne können sich Christen sehr gut „differenziert aufregen“. Und was den Embryonenschutz betrifft, können wir sehr wohl zwischen Gut und Böse unterscheiden.

Ein übertriebener und falsch verstandener Liberalismus ist genauso wenig menschenfreundlich wie ein Parteiprogramm ohne grundsätzlichen und weitreichenden Lebensschutz. Beides stellt ein ebenso schlechtes Aushängeschild dar, wie die utilitaristische und aufweichende Interpretation des Lebensschutzes, der nicht nur unsere Kinder, sondern uns alle schützt. Die nächsten Wahlen liefern uns Christen sicher wieder gute Gelegenheiten zur Differenzierung. Vielleicht haben dann andere einen Grund, sich aufzuregen...

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