Zur Debatte über den Zustand der Philosophie: Therapie statt Hoffnung auf Selbstheilung : Für Theologen besonders wichtig

Zu den Artikeln „Das Elend der Philosophie in Deutschland“ (DT vom 19. Mai und „Philosophische Selbstheilung“, DT vom 24. Mai): Der Philosoph Karl Jaspers schrieb 1953 in „Die Aufgabe der Philosophie in der Gegenwart“ folgende Zeilen: „Die Wirkung der philosophischen Gedanken in der Welt ist heute nur möglich, wenn sie die Mehrheit der Einzelnen erreicht... Es ist daher notwendig, das Wesentliche so einfach, so klar wie möglich, ohne Einbuße an Tiefe, mitteilbar zu machen.“

Der Durchschnittsdeutsche beschäftigt sich außer am Biertisch nicht mit Philosophie. Die beiden erwähnten Artikel wurden daher wahrscheinlich überblättert. Das ist schade, denn hier antwortet der Philosoph Hans Otto Seitschek dem Journalisten Johannes Seibel. Es geht um den Zustand des philosophischen Denkens in Deutschland und seine Auswirkungen auf das gesellschaftliche Leben, was jeder spüren kann. Beide beklagen eine Krise des Denkens. Dem Journalisten ist es hervorragend gelungen aufzuzeigen, wie Philosophen durch Politik und Gesellschaft unter Druck gesetzt werden, um in diversen Ethikgremien (für die Auftraggeber) nützliche Anwendungen zu liefern.

Gleiches gilt für Theologen und kirchliches Reden. Die Anpassung an den Zeitgeist ist fatal und deklassiert besonders die Philosophie zu einem Instrument aktueller Gesellschaftsdebatten. Dabei kommt ihre wichtigste Fragestellung zu kurz, nämlich die Frage nach der immer gültigen, unabhängigen Wahrheit und die Frage nach Gott. Der Leser ist bestürzt über die Feststellung, dass an deutschen philosophischen Fakultäten offenbar erfolgreich Meinungskonformität des akademischen Personals erwartet wird, obwohl doch nicht die Meinung, sondern die Wahrheit stets das Ziel philosophischen Erkenntnisstrebens sein muss. Doch was ist Wahrheit im Zeitalter des Relativismus? Philosophen stellen ihr Ziel selbst in Frage, wenn sie den Wahrheitsbegriff verwässern, indem sie von historisch relativierter Wahrheit, oder vom Zweifel an der Erkenntnisfähigkeit der Wahrheit sprechen.

Der Philosoph Seitschek sieht die Rettung der Philosophie in einer Neuorientierung des Denkens, hin zur Realität, hin zu einem Austausch mit Naturwissenschaften wie Physik, Biologie oder Medizin. Der Glaube an eine Selbstheilung der Philosophie in dem Sinn, dass sich in der gegenwärtigen Un-Wissenskultur Klarheit und Orientierung ohne äußere Eingriffe (Therapie) von selbst einstellen, widerspricht einem Gesetz der Physik, gekennzeichnet durch das Wort Entropie.

Dort ist der wahrscheinlichste Zustand einer großen Anzahl von Teilchen derjenige der totalen Unordnung (was auch jeder geistig Schaffende am Zustand seines Schreibtisches feststellen kann). Als Therapie könnte ich mir vorstellen, dass die Philosophen, welche dem Zeitungeist widerstehen wollen, sich zu einem neuen Verband zusammenschließen, um gemeinsam realphilosophische Metaphysik zu betreiben. Eine Bemerkung am Schluss: Die Erwiderung des Philosophen Hans Otto Seitschek auf den Artikel des Journalisten Johannes Seibel lässt erkennen, dass beide am selben Strick ziehen. Nur ist für den Philosophen alles halb so schlimm wie vom Journalisten dargestellt.

Mit Interesse verfolge ich die Debatte um den Zustand der Philosophie. Ich halte das für ein wichtiges Thema. Das gilt besonderes für die Theologie. Meine Erfahrung ist leider, dass die jungen Studenten von Philosophie heute kaum noch Ahnung haben. Ohne philosophische Grundkenntnisse erschließt sich aber das Denken wesentlicher Theologen von der frühen Kirche über das Mittelalter bis heute überhaupt nicht. Über theologischen Dilettantismus braucht man sich dann nicht wundern.

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