Zur Ausstellung „Hitler und die Deutschen. Volksgemeinschaft und Verbrechen“ in München: Nicht „die Deutschen“ sind schuld: Viele tausende christliche Familienschicksale

Zum Beitrag „Vorurteile werden hier bestätigt“ (DT vom 6. November): Die Ausstellung „Hitler und die Deutschen. Volksgemeinschaft und Verbrechen“ ist ein weiterer Versuch, „die Deutschen“ – und damit auch die Mehrheit der Katholiken – für die Verbrechen der nationalsozialistischen Diktatur mehr oder weniger verantwortlich zu machen. Die Methode besteht darin, dass die Aussteller die allseitige NS-Propaganda für die Volksgemeinschaft darstellen und die vielfältigen Ergebnisse bei Volksgenossen, aber nicht die Zwangs- und Gewaltmethoden der Nazis dazu: Allein schon eine zu geringe Spende zum Winterhilfswerk führte zu Rüge und Diskriminierung,

Typisch für die suggestive Einseitigkeit der Ausstellung ist der Wahlaufruf an Katholiken für die Dezemberwahlen 1933, der in dem DT-Artikel „Vorurteile werden hier bestätigt“ dokumentiert ist. Ende 33 war die katholische Zentrumspartei längst verboten und die Wahlen zu der NSDAP-Einheitsliste eine Farce. Den Besuchern wird suggeriert, als wenn die Katholiken mehrheitlich die Hitlerpartei gewählt hätten, was historisch falsch ist. Noch bei den Wahlen unter SA-Terror vom März 1933 blieb der Zentrumsblock von elf Prozent stabil. Die fünf Millionen katholische Zentrumswähler blieben auch nach der Machtergreifung reserviert bis widerständig (...). 1937 galt schon die Teilnahme an einer Fronleichnamsprozession als provokativer Akt gegen den Nationalsozialismus. Spätestens 1939, nach Hitlers Bruch mit den Westmächten, nahm auch die Zustimmung der „Volksgemeinschaft“ zu Hitlers Politik kontinuierlich ab, wie der Historiker Götz Aly nachgewiesen hat. Die Deportation und Ermordung zuerst der kranken und behinderten Volksgenossen ab 1940 und dann der Juden ab 1942 versuchte der NS-Staat vor dem Volk geheimzuhalten, weil er wusste, dass für diese Verbrechen keine Zustimmung von der „Volksgemeinschaft“ zu erhalten war. (...)

Viele tausend Familienschicksale des christlichen Widerstandes in der NS-Zeit werden völlig übersehen und werden sich leider nie klären oder beziffern lassen. Es geht um die zahllosen Familien, die durch ihre Verankerung im christlichen Glauben in der Nazizeit auffielen und deren Väter und Söhne deshalb an die Front mussten. Allein aus meinem Bekanntenkreis wurden etliche Familienväter, die aus Alters-, Gesundheits- oder beruflichen Gründen vom Kriegsdienst freigestellt waren, nach entsprechenden Verhaltensweisen einberufen, in der Regel durch örtliche Fanatiker denunziert. Aus ihrer christlichen Grundhaltung heraus hatten sie unvorsichtige Äußerungen getan, lehnten eine Parteimitgliedschaft wiederholt ab oder halfen Zwangsarbeitern. Drei der so Verfolgten kehrten wie sicherlich viele weitere Tausende nicht zurück. Ihre Frauen waren früh Witwen und mussten unter schwierigsten Bedingungen die Kinder großziehen, die ohne Väter aufwuchsen. Und das alles, weil die Familien aus christlicher Verantwortung dem verbrecherischen Regime Widerstand leisteten. Diese zahllosen tapferen Männer hätten uns Heutigen, die oft aus Bequemlichlichkeit zu argen Missständen und Fehlentwicklungen schweigen, obwohl wir uns gefahrlos äußern könnten, sicherlich einiges zu sagen. So werden die allermeisten „im Dunkel der Unbekanntheit untergehen“. Genau das habe ich für unseren Ort durch eine entsprechende Dokumentation „Katakombenschriften“ versucht zu verhindern. Und das könnte sicher auch heute noch vielerorts geleistet werden.

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