Zur Auseinandersetzung um das Papstschreiben „Amoris laetitia“ – und das Schreiben der Kardinäle: Wir Priester sind ratlos: Ein Bild vom derzeitigen Zustand der Kirche: Graustufen berücksichtigen?

In der Auseinandersetzung verschiedener Bischöfe mit dem Oberhaupt der Kirche zu „Amoris laetitia“ wundere ich mich sehr, dass Papst Franziskus entschieden habe, den vier Kardinälen nicht zu antworten (DT vom 17. November). Ich bin froh darüber, dass diese Kardinäle eine klare, unzweideutige Antwort erbitten. Die von ihnen aufgeworfenen Fragen gehen alle Bischöfe der Welt und mit mir zigtausende Priester an. Was sollen wir sagen, welche Antwort als Seelsorger geben?

Bereits vor drei Jahrzehnten musste ich einem Beichtkind die Absolution verweigern, weil es geschieden wiederverheiratet reuelos im Ehebruch lebte. Die Person berief sich jedoch auf einen Bischof, der ihr in vollem Wissen der Umstände die Lossprechung gegeben hatte. Ärgerlich verließ sie den Beichtstuhl mit der Bemerkung, dass sie sich von einem anderen Priester die Absolution geben lassen werde.

Wie sollen wir als Priester die richtige Antwort – klar und unmissverständlich – geben, wenn diese von oberster Stelle in Rom verweigert wird? Mit dem Vorsitzenden des Rates für die Familie der Polnischen Bischofskonferenz, Bischof Watroba, begrüße ich die Veröffentlichung der Fragen der vier Kardinäle. Diesen hält der frisch ernannte Kurienkardinal Farrell Spaltung vor. Immer wieder sprechen wir von Dialog, verweigern ihn aber von oberster Stelle. Auch Kardinal Sarah hat diese Erfahrung gemacht. Wir Priester sind ratlos.

Christus selbst spricht von dieser Spaltung: Sohn gegen Vater, Tochter gegen Mutter. Nichts anderes sagt die Gottesmutter in La Salette: „Bischof gegen Bischof, Kardinal gegen Kardinal“. Und sie weint: „Erzittere, Erde, und alle, die ihr von Beruf Jesus dient, aber in eurem Inneren euch selbst anbetet, erzittert!“ Die Erscheinung von la Salette vor genau 170 Jahren wurde von der Kirche anerkannt. Würde sie auch heute noch anerkannt werden?

„Mit leidenschaftlicher Sorge“ ist ein Brief unterschrieben, den die „Tagespost“ am 17. November veröffentlicht hat. Darin bitten vier Kardinäle den Papst um eine Antwort auf Fragen, die sich nach ihrer Ansicht aus seinem Schreiben „Amoris laetitia“ ergeben. Dann schreiben die Kardinäle: „Der Heilige Vater hat entschieden, nicht zu antworten.“ Zunächst ist Folgendes zu klären: Wann haben die Kardinäle erstmals an den Papst geschrieben? Haben Sie ihm genügend Zeit für eine Antwort gelassen? Haben sie ihn nochmals an die ausstehende Antwort erinnert? Hat der Papst ausdrücklich „entschieden, nicht zu antworten“, oder nehmen die Kardinäle das nur an? Erst wenn dies alles eindeutig geklärt ist, dürfen die Kardinäle behaupten: „Der Heilige Vater hat entschieden, nicht zu antworten.“ Und erst dann dürfen sie ihre Initiative öffentlich machen und sich an „das ganze Volk Gottes“ wenden, wie sie schreiben. Andernfalls müsste man ihnen vorwerfen, unnötig öffentlich Streit in die Kirche zu tragen.

Tatsächlich hat der Papst auf die Initiative der Kardinäle reagiert. Das tut er in einem Gespräch, das am 18. November in der Zeitung der italienischen Bischöfe, „Avvenire“, erschienen ist. Die „Tagespost“ berichtete darüber am 19. November. Demnach erklärt Papst Franziskus unter anderem in Bezug auf die Kriterien und Kritiker von „Amoris laetitia“, er meint die Kardinäle Brandmüller, Burke, Caffarra und Meisner: „Andere Male sieht man sofort, dass die Kritiker dies und das aufgreifen, um eine einmal übernommene Position zu rechtfertigen; sie sind nicht ehrlich, sie sind aus einem schlechten Geist, um Spaltungen hervorzurufen. Man sieht sofort, dass gewisse Rigorismen aus einem Mangel entstehen, man will die eigene traurige Unzufriedenheit hinter einer Rüstung verstecken.“ Die Kardinäle greifen jedoch nicht „dies und das“ auf, sondern genau das, was in Bezug auf „Amoris laetitia“ in Frage steht. Sie wollen auch nicht „eine einmal übernommene Position“ „rechtfertigen“. Vielmehr messen sie die Aussagen von „Amoris laetitia“ an der Lehre der Kirche. Die einschlägigen Dokumente werden von ihnen im Einzelnen benannt. Verletzend ist der Vorwurf des Papstes an die Kritiker. Womit will der Papst diese Vorwürfe belegen? Kann es denn nicht sein, dass die vier Kardinäle ehrlich besorgt sind wegen der zutage getretenen gegensätzlichen Interpretationen von „Amoris laetitia“? Leider kann der Papst es auch nicht unterlassen, den Kardinälen noch einen persönlichen „Mangel“ vorzuwerfen.

Schmähungen ersetzen aber keine Argumente. Wenn der Papst weiterhin nicht in der Sache antwortet und die notwendige Klärung nicht herbeiführt, riskiert er eine Spaltung der Kirche. Dann haben Kardinäle der katholischen Kirche nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht, sich an „das ganze Volk Gottes“ zu wenden. Letztlich auch wegen Ehefragen hat es schon eine Spaltung in der Kirche gegeben – erinnert sei an Heinrich VIII. von England.

Und wer nun meint, sich wegen einer einfachen Scheidung auf Jesus berufen zu können, befindet sich im Irrtum. Jesus hat die Ehescheidung mit einer derartigen Strenge verworfen, dass sogar seine Jünger erschrocken waren: „Wenn die Sache zwischen Mann und Frau so steht, frommt es nicht zu heiraten“ (Mt 19, 3–10). Heute werden Ehen in großer Zahl sehr leicht geschieden. Dem verlassenen Ehepartner wird dabei bitteres Unrecht zugefügt. Oft verletzen sich die Partner gegenseitig. Die schlimmsten Schäden erleiden dabei die Scheidungskinder. Die Haltung der Kirche in Ehefragen wird als rigide empfunden. Tatsächlich dient sie aber so weit wie möglich dem Schutz aller Beteiligten.

Wie verhalten sich Priester nach „Amoris laetitia“, wenn sie mit sogenannten prekären Verhältnissen konfrontiert werden? Welche Direktiven hat ihnen zum Beispiel die Deutsche Bischofskonferenz dazu gegeben? Haben sie überhaupt einheitliche Direktiven erhalten, oder erlässt jeder Bischof als Folge von „Amoris laetitia“ nun seine eigene Direktive? Und wie unterscheiden sich diese? Die „Tagespost“ würde sich große Verdienste erwerben, wenn sie entsprechend recherchieren und diese Fragen beantworten würde. Dann erst kann man sich – jenseits aller Diskussionen – ein Bild vom derzeitigen Zustand der Kirche machen.

Papst Franziskus hat ein weiteres Mal ein Schwarz-Weiß-Denken in moralischen Fragen kritisiert und eine stärkere Berücksichtigung des Einzelfalls gefordert (DT vom 26. November). Um im Bild zu bleiben: In moralischen Fragen sollen auch verschiedene Graustufen in Betracht gezogen werden. Im Blick auf das Tun des Guten ist dieses Ansinnen durchaus begründet und nicht Gegenstand der derzeitigen Auseinandersetzung um „Amoris laetitia“.

Allem Anschein nach möchte Papst Franziskus aber auch hinsichtlich des Unterlassens des Bösen verschiedene Graustufen berücksichtigt wissen. Das ist allerdings nicht vereinbar mit der beständigen kirchlichen Lehre von den „in sich schlechten Handlungen“. Dazu heißt es in Nr. 81 der Enzyklika „Veritatis splendor“ des heiligen Johannes Paul II.: „Wenn die Akte in sich schlecht sind, können eine gute Absicht oder besondere Umstände ihre Schlechtigkeit zwar abschwächen, aber nicht aufheben: Sie sind ,irreparabel‘ schlechte Handlungen, die an und für sich und in sich nicht auf Gott und das Gut der menschlichen Person hinzuordnen sind.“

In diesem Bereich gibt es tatsächlich nur „schwarz“ oder „weiß“: Das Böse wird entweder getan oder unterlassen. Hier läuft die Zulassung von Zwischenstufen auf eine Situationsethik – eine Form des ethischen Relativismus – hinaus, in der jeder sittliche Anspruch erfolgreich angefochten werden kann. Die fatalen Folgen dieses relativistischen Kalküls für die Geltung des sechsten Gebots sind bereits erkennbar. Welches göttliche Gebot wird als nächstes infrage gestellt werden?

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