Zur Auseinandersetzung über das umstrittene Familienpapier der EKD : Anachronistische Sakramentenpraxis: Der Ökumene schwer geschadet

Das aktuelle Familienpapier der EKD macht einmal neu deutlich, wie anachronistisch unsere gegenwärtige Sakramentenpraxis besonders im Bezug auf das Ehesakrament ist. Das Dokument unterstreicht die evangelische Lehre, dass die Ehe ein „weltlich Ding“ und, so wörtlich, „kein Sakrament“ ist. Bei einer gemischt konfessionellen Eheschließung geht die katholische Kirche aber nach wie vor davon aus, dass der evangelische Partner – falls er nicht explizit das Gegenteil äußert – die Sakramentalität der Ehe zumindest nicht ausschließt und dass so ein sakramentales Eheband zustande kommt. Hier muss man schon fragen: Wird eigentlich der evangelische Christ in seiner Kirchenzugehörigkeit ernst genommen? Müsste man nicht zuerst einmal davon ausgehen, dass er das Bekenntnis seiner eigenen Kirche teilt? Müsste das Vorgehen dann richtigerweise nicht genau umgekehrt sein: Dass eine sakramentale Ehe nur dann geschlossen werden kann, wenn er sich – zumindest in puncto Ehesakrament – explizit zum katholischen Glauben bekennt?

Streng genommen ist nach geltendem Kirchenrecht für einen Katholiken eine kirchliche Eheschließung mit einem Protestanten, der zum Bekenntnis seiner eigenen Kirche steht und die Ehe ausdrücklich nicht als Sakrament sieht, nicht möglich. Dass dieser Punkt in der Praxis nicht ernst genommen wird, steht auf einem anderen Blatt. Eine Eheschließung mit einem ungetauften oder andersgläubigen Partner ist dagegen sehr wohl möglich – wobei diese Ehe dann nicht sakramental ist (und damit auch nicht demselben absoluten Anspruch der Unauflöslichkeit unterliegt). Der Grund dafür liegt in dem dogmatischen wie kirchenrechtlichen Axiom, dass die Ehe unter Getauften ein Sakrament ist (c. 1055 CIC). Aber genau hier liegt das Problem.

So richtig dieser Satz im Allgemeinen ist, so problematisch wird er, wenn einer der Getauften entweder den Glauben als Ganzen oder zumindest den Glauben an das Ehesakrament nicht mehr lebt und bekennt – und die Zahl derer nimmt in unserer Zeit immer mehr zu. Das Problem betrifft nicht nur die konfessionsverschiedenen Eheschließungen, sondern auch die Ehe eines Katholiken mit einem Partner, der aus der Kirche ausgetreten ist. Solange dieser keinen Kernbereich der Ehe explizit ausschließt, ist eine sakramentale Eheschließung möglich. Das muss man sich theologisch auf der Zunge zergehen lassen: Jemand, der sich durch einen öffentlichen Akt von der Kirche, dem Volk Gottes, getrennt hat, soll nun in seiner Ehe den Bund Gottes mit seinem Volk sakramental darstellen? Macht das Sinn?

Liebe Bischöfe und Professoren des Kirchenrechts, es wäre höchste Zeit, die Augen zu öffnen und zu erkennen, dass hier dringender Handlungsbedarf besteht. Was es braucht, ist die Möglichkeit einer nicht-sakramentalen kirchlichen Eheschließung auch für Getaufte, wenn sich ein Partner von seinem Taufglauben distanziert hat oder zumindest im Punkt des Ehesakraments den kirchlichen Glauben nicht teilt. Dies würde sowohl dem kirchlichen Sakramentenverständnis als auch der wirklichen Situation von heute Rechnung tragen. Und es könnte ein Weg aus der Sackgasse sein, in der sich die Diskussion um die wiederverheirateten Geschiedenen befindet. Könnte es sein, dass die massiven Probleme, die wir momentan in diesem Bereich haben, daher kommen, dass das Ehesakrament, das wir so großzügig an alle verteilen, die sich nicht ausdrücklich widersetzen, bei vielen gar nicht von einem wirklichen Glauben getragen war und sich deshalb auch als weniger tragfähig erwiesen hat?

In seiner letzten Ansprache an die Rota Romana am 26. Januar 2013 hat Papst Benedikt XVI. darauf hingewiesen, dass dem Glauben bei der Eheschließung wieder mehr Bedeutung zugewiesen werden muss. Es wäre höchste Zeit, diese Hinweise nun umsetzen, und das Ehesakrament nur denen zu spenden, die es auch wirklich im Glauben der Kirche empfangen wollen. Eheleuten, bei denen ein Partner diesen Glauben nicht mitträgt, braucht deshalb die kirchliche Trauung nicht vorenthalten werden, aber – und hier würde man sich mit der protestantischen Auffassung treffen – sie wäre von ihrem Wesen hier nicht ein Sakrament, sondern ein Segen.

Ich traute meinen Augen nicht, als ich in der „Tagespost“ vom 20. Juni von der „Orientierungshilfe“ des Rats der EKD las, die christliche Ehe von Vater, Mutter und Kindern nicht mehr als alleinige Form des Zusammenlebens anzuerkennen. Die Familie ist und bleibt die Keimzelle des Staates, weil sie allein das Fortbestehen eines Volkes garantiert und deshalb durch das Grundgesetz eines besonderen Schutzes bedarf.

Die „Orientierungshilfe“ des Rats der EKD ist vorauseilender Gehorsam und ein Einknicken vor dem Zeitgeist.

Es geht hierbei nicht um eine Diskriminierung homosexueller Menschen – diese findet heute kaum noch statt, wird aber ständig beschworen, um Zugeständnisse durchzusetzen –, sondern um die besondere Stellung der Ehe und ihren Schutz. Die Lobby der Homosexuellen verträgt keinerlei Kritik an ihrem Verhalten – da stößt die vielgepriesene Toleranz an ihre Grenzen, wenn man nur an den Papstbesuch 2011 in Berlin denkt: Dort wurde Benedikt XVI. als Feind bezeichnet und auf widerlichste Weise verspottet. Unter Diskriminierung hat dagegen heute das Christentum weltweit zu leiden, nicht nur in islamischen und kommunistischen Ländern!

Mit seiner Stellungnahme hat der Rat der EKD weder dem Christentum noch der christlichen Ehe einen guten Dienst erwiesen und besonders der Ökumene geschadet.

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