Zur Auseinandersetzung über das Kölner Beschneidungs-Urteil : Den sozialen Frieden schützen

Eine Frage stellt sich: Weshalb gehen bei der Diskussion über das Urteil des Kölner Landgerichts die emotionalen Wogen landesweit derart hoch, dass sie sogar über die Landesgrenzen hinausschwappen? Von den meisten Kommentatoren wird die Emotionalität der Debatte aufrichtig bedauert und beklagt.

Nach dem iranisch-deutschen Schriftsteller Navid Kermani brechen hier „unbewusste Muster, Ressentiments durch, die Kernbestand des europäischen Ressentiments gegen Juden und Muslime sind“. Es wäre verheerend, wenn dies so wäre.

Empören sich die Befürworter des Beschneidungsverbots – 45 Prozent laut Umfrage der Deutschen Presseagentur – vielleicht deswegen so sehr, weil für sie als aufgeklärte, säkulare Menschen tabuisierte religiöse Ritualpraktiken anstößig sind und sie deshalb in der Beschneidung nichts anderes sehen als eine Körperverletzung – die als solche, wie das Kölner Landgericht entschied, strafbar ist.

Das Dilemma ist groß. Unbewusst, weithin mit rational widerlegbaren Argumenten reagieren religionskritische Menschen gegen traditionelle Religionspraktiken, die in ihren Augen dem Wesen des Menschen widersprechen und, bei der Beschneidung, gegen das Recht auf Unversehrtheit des menschlichen Körpers verstoßen. Ihre Argumente sind nicht einfach vom Tisch zu fegen.

Ob nun eine Beschneidung als „rechtswidrige Körperverletzung“ verurteilt wird oder nicht, scheint nicht einmal primäres Motiv der Empörung zu sein – frei gewählte Körperverletzung gibt es zuhauf. Die Empörung liegt wohl eher in einer unbewussten Reaktion gegen alle als sakrosankt praktizierten religiösen Traditionen, die sich mit den Wertvorstellungen säkularer Menschen nicht vereinbaren lassen. Sie gehen so weit, dass sie nicht einmal Toleranz gegenüber Jahrtausende alten Traditionen aufbringen und übersehen, dass das Ritualgebot der Beschneidung konstitutiv ist für die religiöse Identität von Juden und Muslimen. Sie stellen darüber hinausgehend ähnliche rituelle Handlungen, vor allem wenn sie im Kindesalter geschehen, auch bei anderen Religionen in Frage.

Das Dilemma ist vor allem deshalb nicht leicht auflösbar, weil religiöse Rituale in traditionell geprägten Gesellschaften diskussionslos akzeptiert und wertgeschätzt werden, während dieselben Rituale, wenn sie – wie Reinhard Müller von der FAZ feststellt – in säkulare Gesellschaften hinwirken, dort auf ihre Sinnhaftigkeit und Legalität hin hinterfragt und gegebenenfalls verworfen werden.

Die Frage ist nun, unabhängig von einer unumgänglichen rechtlichen und politischen Entscheidung, wie ambivalente Religionspraktiken, die in offenen, säkularen Gesellschaften ausgeführt werden, thematisiert und von kompromisslosen Befürwortern der Beschneidung und von gleichermaßen kompromisslosen Gegnern sachlich erörtert werden können, ohne sich gegenseitig zu verletzen.

Der soziale Friede ist ein Rechtsgut, das es ebenso zu schützen gilt wie die Religionsfreiheit einschließlich ihrer teilweise anfechtbaren religiösen Praktiken. Die Beziehungen zwischen den Religionen einerseits und zwischen Gläubigen und Nichtglaubenden andererseits könnten sich durch die gegenwärtige heiße Debatte wieder einmal verschlechtern. Sie könnten sich aber auch verbessern und sogar verdeckte Wahrheiten freilegen, wenn Toleranz und Sachlichkeit auf beiden Seiten walten.

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