Zur anhaltenden Debatte um den Leserbrief „Gott sei Dank, ich bin Atheist“: Die Vernünftigkeit des Glaubens: Was in doppeltem Sinne richtig ist

Der Leserzuschrift von Dr. Bernd Vowinkel, „Gott sei Dank, ich bin ein Atheist“ (DT vom 22. Januar), die in vieler Hinsicht zum Widerspruch herausfordert, liegt die Annahme zugrunde, dass es außerhalb der Naturwissenschaft keine Wahrheit geben könne. Allein dieser Gesichtspunkt soll im Folgenden aufgegriffen werden.

Die sich selbst beschränkende Vernunft, die allein das unmittelbar Wahrnehmbare betrachtet, ist eine Verkürzung. Seit Beginn der Menschheitsgeschichte wird nach der Wahrheit auch im Verborgenen, im Bereich des Immateriellen gesucht, nach einem über das Sichtbare hinaus bestehenden und verstehbaren Grund gefragt. Viele meinen heute, die Frage nach der Wahrheit könne oder dürfe außerhalb des naturwissenschaftlichen Bereichs nicht einmal gestellt werden. Das ist meines Erachtens vom Ansatz her falsch. Auch eine aus dem Glauben begründete Annahme kann doch nur entweder richtig oder falsch sein, eine weitere Möglichkeit gibt es logisch nicht. Nicht zutreffend ist deshalb die heute verbreitete Ansicht, dass Anschauungen in diesem Bereich von vornherein nur subjektive Geltung haben können. Vielmehr handelt es sich um etwas, was grundsätzlich den Kategorien richtig oder falsch / wahr oder unwahr unterliegt. Dass die Frage des Beweises in diesem Bereich nicht leicht zu beantworten ist, spielt insoweit keine Rolle.

Wenn die Naturwissenschaft in der Lage ist, beispielsweise das Gehirn immer besser zu erklären, so ist das erfreulich, aber in dieser Tatsache liegt nichts, was geeignet wäre, Gott und eine jenseitige Realität in Frage zu stellen. Ein Naturwissenschaftler, der hierüber eine Aussage trifft, überschreitet schnell seinen Kompetenzbereich und bekundet stattdessen seine persönliche Meinung.

Dies nicht zu sehen ist ein Denkfehler der kämpferischen Atheisten. Herr Dr. Vowinkel bleibt die Erklärung schuldig, warum es einen Widerspruch geben soll zwischen der Existenz Gottes und dem Leid in der Welt, zwischen Glaube und rationalem Denken. Der renommierte Philosoph Robert Spaemann hat einmal formuliert: „Die Alternative lautet also nicht: wissenschaftliche Erklärbarkeit der Welt oder Gottesglaube, sondern nur so: Verzicht auf Verstehen der Welt, Resignation der Vernunft oder Gottesglaube.“

Wahrscheinlich wurde in der „Tagespost“ noch nie ein Leserbrief abgedruckt, der sich von seiner Quantität her mit dem von Dr. Bernd Vowinkel messen kann. Die Qualität des Inhalts ist allerdings weniger bedeutend. Zwar geht es um wichtige Fragen, aber die Antworten beziehungsweise Behauptungen sind nichts anderes als „aufgewärmte Leichen“. Antworten, die sich mit dem Inhalt auseinandersetzen, sind deshalb nicht möglich, weil sich zwar Unsinn in einem Satz ausdrücken lässt, aber um ihn zu widerlegen, braucht es mehr als einen „Gegensatz“.

Mir kam beim Lesen Pater Delp in den Sinn. Von ihm stammt der Satz: „Auch die Gottlosen werden Gott nicht los.“ – Das ist in einem doppelten Sinn richtig. Man kann häufig die Erfahrung machen, dass die bewussten Atheisten nicht müde werden, immer wieder religiöse Themen anzuschneiden. Vielleicht ist es ein Zeichen dafür, dass sie sich ihrer Sache doch nicht so ganz sicher sind.

Mir ist außerdem die Geschichte eingefallen von dem jüdischen Physikstudenten, der nach dem ersten Semester zu seinem Rabbi kam und ihm erklärte: „Ich als Naturwissenschaftler bin mit Gott fertig.“ – Der Rabbi: „Das ist nicht schlimm.“ – Der Student erstaunt: „Wie können Sie sagen, das sei nicht schlimm?“ – Der Rabbi: „Weil Gott mit dir nicht fertig ist.“ – Das gilt sicher auch im Hinblick auf Dr. Vowinkel und seine Thesen.

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