Zum Vorwurf der Leibfeindlichkeit gegenüber der Kirche: Gott sagt in Christus „ja“ zum Leib

Der klischeehafte Vorwurf des Leserbriefschreibers Bernhard Ruf (DT vom 10. Juni), dass „die“ Kirche leibfeindlich sei, wird durch Wiederholung nicht richtiger. Wenn es in der Kirche ein „...feindlich“ gibt, dann ist es Chaosfeindlichkeit. Wir glauben, dass Gott in Jesus Christus unseren Leib angenommen hat, und das im doppelten Sinn. Indem er Mensch wurde, sagt er auch „Ja“ zum Leib. Aber gerade weil dieser Leib von Gott so hoch geehrt wird, indem Gott selbst Mensch wird, darf er nicht verachtet, misshandelt und missbraucht werden. Diese Achtung ist die Kirche Gott schuldig und ohne diese Achtung verführt sie die Menschen.

Der Versuch, persönliche Lebensspannungen von der Kirche entsorgen zu lassen, verweist auf ein unselbstständiges Denken. Die Kirche kann mir Hilfestellung geben. Den eigentlichen Kampf um das Gute gegen das Böse muss jeder selbst führen. Wenn Gott am Anfang sagt, „dass es gut war“, dann hat er doch wohl kaum den Brudermord des Kain dazu gerechnet. Und was die angebliche Problemlosigkeit der Juden oder Moslems mit der Sexualität betrifft, so sollten wir nicht vergessen, dass auf Ehebruch Steinigung stand, das heißt viele unserer Eheleute und Geschiedenen würden nicht mehr leben. Und würden unsere katholischen Frauen verschleiert einhergehen wie die muslimischen, wäre doch der erste Vorwurf: Leibfeindlichkeit!

Wenn es je eine Tendenz zur Leibfeindlichkeit gab, dann im Kontext der Reformation. Bildersturm ist immer ein Hinweis darauf. Auch der stillschweigende Bildersturm in unseren Kirchen nach dem Konzil, die heute oft den heimeligen Charme einer Bahnhofshalle haben, ist ein gewisses Indiz dafür. Ja, leider werden wir heute oft nur noch als „Produkte aus Genen, Erziehung, etc.“ behandelt, also abstrakt. Die Sexualerziehung wird in der Schule ohne Sensibilität für den persönlichen Reifegrad des Kindes „erledigt“. Der im Mutterleib empfangene Mensch ist nur ein Zellhaufen. Der Einzelmensch wird in seiner Einmaligkeit untergebügelt. Dahin soll sich die Kirche re- „formieren“?

Ich möchte dem Leserbriefschreiber empfehlen, einmal in eine Barockkirche zu gehen; dort findet er eine Apotheose des Leibes und des brausenden Lebens. Da schaut man hinauf und zieht nicht herab.

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