Zum Umgang mit Opfern und Tätern nach Missbrauch: Wie weit die Gnade reichen soll

Die Argumentation des Bistums Trier wirft die Frage auf, ob der kirchliche „Lernprozess“ in Sachen Missbrauchsaufarbeitung zwischen 2002 und 2013 uns wirklich weitergebracht hat („Trier spricht von Lernprozess“, DT vom 20. August). Wenn dieser „Lernprozess“ zur Folge hat, jetzt die Täter kirchlicherseits noch gnadenloser zu verfolgen als der Staat und selbst bei staatlicher Verjährung die „eigenen Aufklärungsbemühungen“ anscheinend bis in alle Ewigkeit fortzusetzen, muss dann nicht gefragt werden, ob das noch der eigenen Botschaft entspricht oder ob es nicht eher die eigene Glaubwürdigkeit weiter untergräbt?

Immerhin hat die vom Staat gewährte Verjährung aus gutem Grund etwas zu tun mit Gnade und Barmherzigkeit angesichts der Unzulänglichkeit des Menschen. Stünde es dann der Kirche nicht an, barmherziger zu sein als der Staat? Natürlich würde sie sofort wieder angegriffen, aber ist die eigene Botschaft nicht wichtiger als diese Angriffe? Hören wir jetzt nicht ständig aus höchstem Munde, es gäbe nichts, was nicht vergeben werden könnte, und an der Barmherzigkeit erkenne man den Christen?

Professor Ludwig Mödl schreibt in seinem leider in der „Tagespost“ vom 2. Juli sehr stark gekürzten, im Original äußerst lesenswerten Vortragstext über „Aspekte der priesterlichen Identität“ (vollständige Fassung im „Klerusblatt 8/9, 2016): „Den Opfern sucht man entgegenzukommen, sie zu entschädigen, soweit dies noch möglich ist. Was noch nicht angegangen wurde – und das ist für uns Priester wichtig: Die Täter hat man abgedrängt und versteckt, ihnen gegenüber null Toleranz geboten, ihnen keine Barmherzigkeit zugestanden, zumindest nicht öffentlich. Letztlich ist die Sache nicht aufgearbeitet.“ Ob aber Gnadenlosigkeit der Aufarbeitung dient?

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