Zum Theologen-Streit um die Stammzellforschung: Zweifelhafte Argumentation

Zu den Aussagen von Professor Reiter zum Theologen-Streit um die Stammzellforschung (DT vom 12. Januar): In bioethischen Diskussion ähnelt die Suche nach Grenzziehungen nicht selten dem Verfahren, Schlagbäume auszuheben, weiter nach vorne zu tragen und sie dort einzusetzen, wo man meint, für die anstehenden Entscheidungen den nötigen Abwägungsspielraum zu haben. Ein solches Verfahren scheint Bischof Huber im Sinn zu haben, wenn er im Hinblick auf die ethische Beurteilung der Forschung mit embryonalen Stammzellen das seiner Meinung nach konfessionell unterschiedlich geformte Gewissen ins Spiel bringt.

Ein Blick in den Leitfaden des Gewissens, wie ihn Immanuel Kant in seiner Schrift „Die Religion in den Grenzen der bloßen Vernunft“ (4. Stück § 4) formuliert hat, ist hier überaus hilfreich. Der erste, für Kant evidente Grundsatz lautet: „man soll nichts auf die Gefahr wagen, dass es Unrecht sei“. Das heißt bei der Handlung, die ich unternehmen will, darf ich es nicht bei der bloßen Meinungsbildung belassen, sondern ich muss auch gewiss sein, dass sie nicht unrecht sei. Diese Forderung ist für Kant ein Postulat des Gewissens, und er sieht klar, dass dieses Postulat dem Probabilismus, der ja die Bindungskraft einer allgemeinen Norm zugunsten einer möglichen Meinung systematisch in Frage stellt, entgegengesetzt ist. Es scheint also, dass Bischof Huber die geltend gemachte Gewissensverantwortung mit bloßem Probabilismus gleichsetzt beziehungsweise zwischen beidem nicht unterscheidet. Er nimmt somit eine kategoriale Verschiebung vor, über deren vorentscheidenden Charakter das ethische Gewissen nicht irren kann.

Der Moraltheologe Antonio Autiero sucht auf andere Weise Abwägungsspielraum zu gewinnen, indem er sich gegen die Fixierung der Diskussion um die Stammzellforschung auf die Frage nach dem Status des Embryos wendet (vgl. den Beitrag „Verletzender Fundamentalismus“ in „Die Zeit“ vom 3. Januar). Als Argument wird als erstes die Differenz zwischen Albertus Magnus und Thomas von Aquin bezüglich der Frage der simultanen beziehungsweise sukzessiven Beseelung am Lebensbeginn angeführt. Wenn man in den Quellen genauer nachschaut, wird man aber entdecken, dass es in diesem Schulstreit überhaupt nicht um die Frage von Spielräumen für Abwägungen ging, sondern um die Frage, wie die Präsenz personalen Lebens – der Geistseele, wie es in der damaligen Terminologie heißt – vom ersten Augenblick ihres Erscheinens naturphilosophisch plausibel erklärt werden kann.

Es ging darum, wie sich Kontinuität der Entwicklung und Einheit der Seelenform zusammendenken lassen. Albertus Magnus hielt es für adäquater, von einer Kontinuität der menschlichen Entwicklung auszugehen, die mit einer allmählichen Vervollkommnung der von Anfang an präsenten menschlichen Seelenform einhergeht. Thomas von Aquin geht davon aus, dass die substanziale Wesensform unveränderlich sei und glaubt deshalb, die Kontinuität der Entwicklung in den Zeitbegriffen von Sukzessivität und Augenblicklichkeit ausdifferenzieren zu müssen.

Beide würden aber von ihren Voraussetzungen her der heutigen Ansicht zustimmen können, dass Würdeschutz und Lebensschutz untrennbar in dem Sinne sind, dass der Zuschreibungsgrund der Menschenwürde das sittliche Subjektsein ist, dass aber das Zuschreibungskriterium ausschließlich und allein die biologische Zugehörigkeit zum Menschengeschlecht nur sein kann. Damit wird nun auch die weitere Argumentation von Autiero zweifelhaft, die ein Plädoyer für die Tugend der Klugheit beinhaltet. Klugheit ist ohne intentionale Leitung durch die sittlichen Prinzipien nicht möglich. Wer sich für die Kardinaltugend der Klugheit ohne den notwendigen Zielbezug stark macht, läuft Gefahr, diese Tugend selbst aus den Angeln zu heben.

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