Zum Terror-Anschlag auf die Redaktion des Satire-Magazins Charlie Hebdo: Freiheit ohne Verantwortung

Pariser Karikaturisten sterben im Kugelhagel. Unisono empört sich die Weltmeinung über diesen „Angriff auf die Freiheit“. Hatten wir je einen derart spontanen, inflationären Gebrauch des Begriffs „Freiheit“? Er scheint die absolutistische Basis unserer westlichen Gesellschaft zu sein. Aber war da nicht immer noch was, das ausnahmslos in einem Atemzug mit der „Freiheit“ bedacht werden muss? Freiheit und Verantwortung gehören zusammen, damit die Freiheit nicht zur Verwahrlosung degeneriert und die Verantwortung, in Freiheit, gelebt werden kann, um seiner Bestimmung als selbstreflektierendes Wesen Genüge zu tun. Das Satireblatt „Charlie Hebdo“ stellte auf Titelseiten etwa auch Papst Benedikt XVI. als Kinderschänder dar und unterlegte die Zeichnung mit den Worten: „Mal was anderes als immer diese Messdiener“. Der Papst wurde als lüsternes, gelbgesichtiges Scheusal mit riesigen Augenringen gezeigt. Der Islam wurde insgesamt als „Scheiße“ tituliert und Mohammed mit diversen Karikaturen verspottet. So sieht die „Freiheit“ aus, die ohne Selbstbegrenzung ausgelebt wird! Überhaupt: Es geht immer und überall nur ums „Ausleben“. Die deutsche „Titanic“ legt nun „solidarisch“ nach und zeigt auf ihrer Titelseite unterschiedlich lange Penisse als Symbol für die drei Buchreligionen und den Buddhismus. Der Leser wird aufgefordert, diese zu verbrennen, was einen Höllenschmerz verursachen werde – natürlich nur symbolisch. Im gleichen Atemzug mit derartigen Karikaturen wird landauf, landab von der Verteidigung „unserer Werte“ geredet. Welche sind wohl gemeint?

Zwölf Menschen und ihr Tod sollten nicht missbraucht werden, um im Tenor „Nun aber erst recht feste drauf!“ die Spaltung der Gesellschaft zu vertiefen. Die Anmaßung und Unflätigkeit der Karikaturen, die sich um die Menschenwürde einen Dreck scheren, die ihre Hetze zur Gewinnmaximierung ihres Magazins einsetzen, wie der Karikaturist Jean Cabut freimütig gesteht, führt zu keiner Aufklärung oder Diskussion über gesellschaftliche Zustände. Die Karikaturisten nehmen hin, dass kein gesellschaftlicher Diskurs über den Islam angeregt wird, sondern politische Unordnung und gar Mord uns alle bedrohen. Das Büro von „Charlie Hebdo“ wurde bereits einmal verwüstet. Trotzdem produzierten die Karikaturisten weiter provokante Hasskarikaturen! Welch eine Verantwortungslosigkeit! Welch ein Missbrauch von Freiheit! Dazu kommen nun – als hätten sie nur auf ein derartiges Desaster gewartet – in allen Landen die rechten Rattenfänger hervor. Endlich scheinen ihre Parolen gegen „den“ Islam Nährboden gefunden zu haben! Le Pen fordert die Todesstrafe und Pegida und AfD sehen sich bestätigt. Überall dasselbe Drama: Vernunft geht durch das Fehlen von Eigenverantwortung verschüttet. Papst Benedikt hatte in seiner Regensburger Rede so einzigartig das Drama des Islam und jeder Religion geschildert. Wo vernunftwidrige Gewalt den Glauben verbreiten will, wird dieser nicht gestärkt, sondern in seinem Kern missbraucht. Vernunft war einer der oft zitierten Begriffe Benedikts, um den Glauben nicht in den Fundamentalismus abgleiten zu lassen und um den Menschen an seine Verantwortung innerhalb seiner gottgegebenen Freiheit zu binden.

Auch der ehemalige Richter am Bundesverfassungsgericht Udo di Fabio hat in großer Klarheit aber mit innerer Sorge die Folgen des Missbrauchs von Freiheit hervorgehoben. „Der Westen gerät in Gefahr, weil eine falsche Idee der Freiheit die Alltagsvernunft zerstört.“ Sinngehalte menschlicher Existenz gingen verschüttet, vor allem die Achtung vor dem Anderen und seinem religiösen Bekenntnis. Die Paradoxie der Freiheit sei, dass sie nur als sozial gebundene möglich sei. Ansonsten würde Freiheit zu „individueller Willkür“ geraten und zur Gefahr für Sittlichkeit, Ordnung und Moral. Die Satiriker von „Charlie Hebdo“ haben sich die unbegrenzte Freiheit genommen, die Würde anderer zu verletzen. Sie haben dies nicht getan, um einen gesellschaftlichen Diskurs über den Islam oder den Papst anzustoßen. Sie haben zur Unversöhnlichkeit und zum Hass beigetragen und die Freiheit neuer Unfreiheit geopfert. Fundamentalisten nennt man Menschen, denen es nicht um Klärung gesellschaftlicher Probleme geht, sondern die durch gezielte Provokationen und unversöhnliches Beharren auf ihren Ansichten jegliche Wege zu einem Diskurs verschütten. In Paris sind Fundamentalisten der Freiheit auf Fundamentalisten des Islams gestoßen.

„Charlie Hebdo“ bezeichnet sich als „Hofnarren“, der „keinerlei politische Ziele verfolgt“. Ja, ein Narr muss man wahrlich sein, wenn man den Frieden mit dieser Totalfreiheit der Karikaturen aufs Spiel setzt und Menschenleben in Gefahr bringt nach dem Motto: erlaubt ist, was nicht verboten ist. Wir erleben ein grausiges Beispiel der Verfassung einer Gesellschaft, in der alles gemacht wird, was nur immer machbar ist. Die Macher erheben sich über die Folgen ihres Machens. Welche Verachtung gegenüber dem Menschen und seiner Verantwortung in Freiheit!

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