Zum Gespräch mit Peter Seewald über sein Interview-Buch „Licht der Welt“: In der Tat meist verzerrt wiedergegeben

Zum Interview von Markus Reder mit Peter Seewald „Da dreht sich gerade etwas“ (DT vom 9. Dezember): Es ist leider sehr zutreffend, dass das Interview-Buch mit Benedikt XVI., „Licht der Welt“, in seinen Grundaussagen meist verkürzt oder verzerrt wiedergegeben wird. Dass der Papst der Moderne auf hohem Niveau philosophisch und theologisch einen kritischen Spiegel vorhält und zeigt, dass der Relativismus unserer Zeit eher Zwang denn Offenheit erzeugt, wird oft geflissentlich übergangen.

Durchaus richtig weist Peter Seewald hier auf die Gefahr des Verlusts „der Wahrheit und der Vergiftung des Denkens“ hin. Im Gegensatz dazu wird öffentlich fast nur ein Thema bis zum Überdruss behandelt: Kondome und Aids. Es ist schon erstaunlich, dass in den engagiert geschriebenen Artikeln und Diskussionsbeiträgen (sogar in der F.A.Z.) der Gedanke der sexuellen Enthaltsamkeit im Falle einer Aids-Erkrankung nicht einmal gestreift wird. Diese Überlegung spielt, wenn überhaupt, nur eine Nebenrolle. Dabei ist es gerade die Enthaltsamkeit, die den sichersten Schutz vor einer Ansteckung mit Aids darstellt. Aus diesem Grund ist die Enthaltsamkeit die „via regia“ der katholischen Moraltheologie, um Aids wirksam und dauerhaft zu bekämpfen und der Liebe einen verantwortlichen und menschlichen Ausdruck zu geben.

Wenn der Papst also in „Licht der Welt“ von einer pastoralen Unterstützung für Aids-Patienten spricht, denkt er sicher in besonderem Maße auch an die seelsorgliche Hilfe bei einem Leben in sexueller Enthaltsamkeit. Versteht man die Äußerungen des Papstes also richtig, ohne nach Reform oder Revolution der angeblich überkommenen kirchlichen Lehre zu gieren, ist und bleibt die Verwendung von Kondomen keine Lösung zu einer wirksamen Eindämmung von Aids.

Es ist doch verwunderlich, warum der Mensch in Debatten um Sexualität häufig als ein bloß von Trieben gesteuertes Wesen dargestellt wird, als ein „Triebbündel“, das gar nicht anders kann, als immer und überall seine Sexualität auszuleben, wie es auch essen, trinken und ruhen muss. Die Vernunftnatur des Menschen gerät dadurch völlig in den Hintergrund. Dabei ist es durchaus möglich und für den Menschen lebbar, sich aus Vernunftgründen der Sexualität ganz oder über einen Zeitraum hinweg zu enthalten, um ein höheres Ziel zu erreichen. Ein solches höheres Ziel kann zum Beispiel der Schutz des Partners oder der Partnerin bei einer möglichen Ansteckungsgefahr mit Aids sein.

Im Gegensatz zu solchen Überlegungen, die als weltfremd abgetan werden, steht die Verwendung von Kondomen in der heutigen Zeit offenbar in keinem Fall mehr zur Diskussion. Die menschliche Vernunftnatur wird damit ausgeblendet und der Mensch auf seine biologische Basis reduziert, jenseits von Freiheit und Verantwortung. Die Dimension der Erlösung, die der Glaube der Kirche verheißt, wird dadurch erst recht nicht mehr erreicht. Ein Stück Gummi scheint heute offenbar allemal wichtiger zu sein als das ewige Leben.

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