Zum Dogma der päpstlichen Unfehlbarkeit: Selbstbewusst praktizierter Papalismus

Mit großem Interesse habe ich die Erwiderung Heinz-Lothar Barths auf meinen Leserbrief vom 7. März 2017 zur Kenntnis genommen (DT vom 14. März). Tatsächlich hatte ich bei meiner rhetorisch gezielt zugespitzten Formulierung von vielleicht nicht falschen oder unwahren, aber risikoreichen Dogmen zu schreiben, die von Barth als berühmt-berüchtigt qualifizierte Einschätzung Walter Kaspers im Sinn. Dieser möchte ich mich zwar nicht vollumfänglich anschließen und denke persönlich auch nicht, dass Kasper damit behaupten wollte, sämtliche Adjektive, die dieses Zitat enthält, träfen in jedem Einzelfall kumuliert zu. Ich gebe zu bedenken, dass es jedenfalls doch so ist, dass eine Wahrheit nicht unbedingt dogmatisch fixiert sein muss, um gültig und durchaus verbindlich dem Glauben der Kirche zugehörig zu sein. In diesem Sinne können Dogmatisierungen meines Erachtens tatsächlich voreilig oder zumindest überflüssig sein, weil sie eine Festlegung bedeuten, die sich im Nachhinein als entbehrlich oder eben auch als riskant erweist. Letzteres sehe ich bei den Dogmen von 1870, vor allem der päpstlichen Unfehlbarkeit, in der Tat als gegeben an, habe aber bereits in meinem Leserbrief, auf den Barth sich bezieht, dezidiert und unmissverständlich ausgedrückt, deshalb keineswegs die altkatholische Ablehnung dieser dogmatischen Definitionen zu teilen. Was ich meine, lässt sich wohl auch am Dogma vom 1. November 1950 gut zeigen: Dieses war gewiss nicht in dem Sinne notwendig, dass ohne es der Glaube an die leibliche Aufnahme Mariens in den Himmel in der Kirche erloschen wäre oder fehlen würde.

Mein Anliegen war vor allem, meine im Laufe der Jahre immer deutlicher gewordene Überzeugung in die Diskussion einzubringen, dass Vaticanum I Vaticanum II erst ermöglicht hat und es deswegen eine Schwierigkeit bedeutet, dass beispielsweise in der Priesterbruderschaft St. Pius X. ein ganz bestimmter Traditionsstrang fortlebt, den ich als eine konkrete theologische und kirchenpolitische Strömung verstanden wissen will und den man treffend als ultramontan-jesuitisch charakterisieren kann. In den Modernismusbegriff gingen vielfach wohl auch ungerechtfertigt jene spirituellen, theologischen und kirchenpolitischen Richtungen ein, die in den Jahrhunderten zuvor in der Kirche unbestrittenes Heimatrecht besaßen und dem rechten Glauben nicht widersprachen, indes nicht als ultramontan-jesuitisch zu fassen sind.

Speziell im gegenwärtigen Pontifikat entsteht also das Problem, dass konservative und vor allem traditionalistische Kritik, in der mehr oder weniger stark ein ultramontaner, autoritärer Papalismus bejahend vorausgesetzt ist, sich an einen Papst richtet, der diesen Papalismus vielleicht als erster ähnlich selbstbewusst und konsequent praktiziert wie Pio Nono, ihn aber inhaltlich in einer Weise füllt, die traditionsgebundenen Katholiken vielfach im Kontrast zur beständigen Lehre und Praxis der Kirche zu stehen scheint und zunehmend auch jene Konservativen befremdet, die bisher sich stets auf Seiten des Heiligen Vaters verorteten und sich nun verwundert in ein Gegenüber zu ihm gedrängt fühlen, um den politischen Begriff der Opposition nicht zu strapazieren.

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