Zum Beitrag über den Schriftsteller Ernest Hello : Wollten Heilige eigentlich heilig werden?

Zum Beitrag von Alexander Pschera in der DT vom 18. April „Das Antlitz der Heiligen führt zu Gott“. Die bereichernde Reflexion über die Heiligkeit von Christen im Rahmen der Betrachtung des Lebens und Wirkens des Schriftstellers Ernest Hello in der „Tagespost“ vom 18. April durch Alexander Pschera beinhaltet meines Erachtens eine irrtümliche Vorstellung beziehungsweise Darstellung darüber, welches Selbstverständnis die Heiligen von sich hatten, die sich in der absichtlich überspitzten Formulierung äußert: „Kein Heiliger wollte heilig werden, er hätte fraglos das gleiche Leben geführt, auch wenn er nichts von Heiligkeit gewusst hätte.“ Dem muss ich widersprechen. Diese Ansicht steht schon im Widerspruch zu den vom Autor selbst eingangs zitierten Bibelworten: „Seid heilig, denn ich bin heilig!“ (vgl. Lev 19,2; 1 Petr 1,16). Denn diese Aufforderung erwartet ja eine bewusste Antwort des Menschen, sich der Aufgabe zu stellen oder sich ihr zu entziehen. Eine Art Automatismus „heilig werden“ kann es genauso wenig geben wie ein passives Sich-Überlassen – denn für dieses erhabene Ziel muss der Mensch das ganze Gewicht seiner Freiheit einsetzen. Jesus Christus greift diesen hohen Anspruch Gottes an sein Volk auf und richtet ihn an seine Jünger beim Aufruf zur Feindesliebe: Seid vollkommen! (vgl. Mt 5,48). Mitnichten haben die Heiligen „das gleiche Leben geführt“ wie vorher, als sie sich dem Aufruf zur Heiligkeit noch nicht gestellt hatten und auf diesen dann mit Entschlossenheit reagiert haben. Die namentlich bekannten christlichen Märtyrer Roms ließen ihr irdisches Leben, weil sie zuvor bewusst ein anderes, neues Leben im Kontrast mit dem „üblichen Lebensweisen“ geführt haben. Heute ist es nicht anders.

Ebenso unterliegt die Behauptung Pscheras einer irrtümlichen Einschätzung, wenn er zuvor äußert: „Heiligkeit kann man sich weder vornehmen, noch kann man auf sie hintrainieren.“ Genau das Gegenteil ist belegbar! An dieser Stelle möchte ich nur vier Heilige zu Wort kommen lassen. Dabei möchte ich nicht missverstanden werden. Grundsätzlich gilt nämlich das, was der hl. Johannes Paul II. so formulierte: „Die christliche Heiligkeit besteht nicht im Ohne-Sünde-Sein, sondern in dem Bemühen, möglichst nicht zu fallen und sich nach jedem Fall wieder zu erheben. Sie ist nicht so sehr Frucht menschlicher Willensanstrengung, sondern erwächst aus dem Bestreben, das Wirken der Gnade in der Seele nicht zu behindern und demütig ,Mitarbeiter‘ der Gnade zu sein.“ Gott heiligt – aber nur den bereitwilligen Menschen! Und der Weg zur Heiligkeit ist meist lang und steinig.

So schrieb Mutter Teresa in einem Brief an den Erzbischof Périer vom 4.4.1952: „Ich möchte eine Heilige werden, indem ich das Dürsten Jesu nach Liebe und nach Seelen stille. – Und dann gibt es noch ein weiteres großes Verlangen: Der Mutter Kirche so manche Heiligen aus unserer Gemeinschaft zu schenken. Diese beiden Anliegen sind die einzigen, für die ich bete, arbeite und leide.“ (aus: Mutter Teresa: Komm, sei mein Licht. Pattloch, München 2007, S. 170) Es ist nicht das einzige Mal, wo sie ihren dezidierten Willen zur persönlichen Heiligkeit zum Ausdruck bringt.

Unmissverständlich deutlich bezeugte ihren Willen Theresia von Lisieux: „Ich habe nur einen Wunsch, nämlich den, eine große Heilige zu werden, weil es nur dieses an Wahrem auf der Erde gibt. Ich bin fest entschlossen, mich mit Mut ans Werk zu begeben.“ (R. Stertenbrink, Allein die Liebe, Herder, S. 166) Keine Spur von Passivität, sondern ein entschlossenes Mitwirken mit Gottes Gnade. Es ist ein sehr tätiges und entschiedenes Sich-Gott-überlassen.

Schwester Maria Faustyna Kowalska brachte in ihrem Tagebuch diese große Sehnsucht nach Heiligkeit zum Ausdruck, die sie willentlich anstrebte: „Mein Jesus, Du weißt, dass ich schon in jüngsten Jahren eine große Heilige werden wollte“ (aus: Tagebuch ..., Parvis-Verlag, 2006, S. IV). Sie ist es geworden. Überheblichkeit? Entsprechung! Sie bietet auch einen Verstehens- schlüssel, wie der Weg zur Heiligkeit grundsätzlich gehbar wird: „Meine Heiligkeit und Vollkommenheit beruht auf der engen Vereinigung meines Willens mit dem Willen Gottes.“ (ebd.). Allein das Zeugnis dieser drei heiligen Frauen in Wort und Leben lässt uns verstehen, dass keine christliche Heiligkeit möglich ist ohne eine entschiedene persönliche Bejahung des Aufrufs Gottes an den Menschen: Seid heilig!

Josefmaria Escrivá, ebenfalls ein Heiliger der Moderne, schrieb im Jahre 1931 mit 29 Jahren in sein Tagebuch: „Heute habe ich im Gebet den Vorsatz erneuert, heilig zu werden. Ich weiß, dass ich es schaffen werde: nicht, weil ich mir meiner sicher bin, mein Jesus, sondern ... weil ich mir deiner sicher bin.“ (aus: Andrés Vazquez de Prada, Der Gründer des Opus Dei, Bd. 1, Adamas, Köln 2001, S. 331) Auch er hatte es sich fest vorgenommen – weil Gott es so wollte und möglich macht– und das Ziel erreicht.

Diese vier bekannten Heiligengestalten beweisen eindeutig – und stehen stellvertretend und wohl nahezu ausnahmslos für alle heilig gewordenen Christen –, dass die Heiligen sich zu Beginn eines Lebens mit Christus bewusst und entschieden vorgenommen hatten, Heilige zu werden. Bei der kleinen Theresia war der Entschluss schon im Kindesalter gefallen, beim heiligen Josefmaria im Jugendalter, bei Teresa von Kalkutta wohl erst im Erwachsenenalter. Aber immer war es ein klarer Entschluss, der den Anfang des steilen Weges zur Heiligkeit markierte. Diese Einsicht ist sehr wichtig für uns und fordert auch unsere bewusste und entschiedene Antwort auf Jesu Worte heraus: Seid vollkommen wie mein himmlischer Vater.

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